
Verband aufs natürlichste trockene Sentimentalität mit zynischer Ernüchterung: die Lyrikern Mascha Kaléko
Warum ist das lyrische Werk Mascha Kalékos in der breiten Öffentlichkeit nie richtig angekommen? Neben Erich Kästner schrieb sie wohl die beste und schönste Alltags-Lyrik des vergangenen Jahrhunderts.
Michael Königs, Krefeld
Marcel Reich-Ranicki: Wer ist Mascha Kaléko? Nennt man die besten Namen / So wird auch der meine genannt. Heine behauptete das schon in seinem Erstling Buch der Lieder. Die Kaléko übernahm das selbstbewusst (und treffend), doch sorgte sie für angemessene Distanz: Und nennt man meinen zweitbesten Namen . . .! Man musste sie oft entdecken, weil sie immer wieder in Vergessenheit geriet.
Jawohl, Mascha Kaléko war nicht gehörig geachtet. Und auch der Vergleich mit Erich Kästner ist ungerecht beurteilt worden. Warum? Da mag sich jeder seine Gedanken machen.
Geboren wurde sie 1907 in Polen, in jüdischem Galizien - übrigens in Auschwitz. Als Kind war sie Gymnasialschülerin, hat es aber schon drei Jahre vor dem Abitur verlassen. Die Eltern konnten sich das Schulgeld nicht mehr leisten. Auch Thomas Mann, Gerhart Hauptmann und Günter Grass haben das Abitur nicht geschafft und blieben doch nicht die allerkümmerlichsten Schriftsteller.
Mascha Kalékos Leben wurde von der Heimatlosigkeit geprägt: In Deutschland eine polnische Jüdin, in Israel eine deutsche Jüdin, in den Vereinigten Staaten eine unbelehrbare Europäerin. Sie dichtete ihr Leben, und sie lebte ihre Dichtung.
Ihre frühesten Gedichte erschienen in Berliner Zeitungen, gleich in den führenden Blättern. Bald wird sie dort regelmäßig gedruckt. Verschiedene Namen werden als Vorbilder vorgeschlagen: Eugen Roth, Christian Morgenstern, Joachim Ringelnatz. Doch vor allem: Tucholsky und Kästner.
Die Ursache ihres Erfolgs ist die Authentizität ihrer Naivität. Sie schreibt, wie ihr der Schnabel gewachsen ist. Aufs natürlichste verbindet sie trockene Sentimentalität mit zynischer Ernüchterung. Das ergibt eine neuartige Großstadtlyrik. Sie fixiert in ihren Versen Berliner Lebensgefühl.
Diese Gedichte sind Identifikationsangebote aus weiblicher Sicht, die gleichwohl von männlichen Lesern dankbar angenommen werden. Dass ihre Gedichte so klar und einfach sind, das eben bewirkte ihre enorme Beliebtheit. Daher konnte sie gleich vom Berliner Kabarett aufgegriffen werden. Kabarettistisch sind ihre pfiffigen Pointen, ihre überraschenden Songs und Chansons, Balladen und Moritaten, Couplets und Parodien. Man nannte sie die Bänkelsängerin der Moderne.
Wie einst Else Lasker-Schüler unter den Poeten des deutschen Expressionismus die einzige deutsche Stimme war, so wurde die Kaléko die einzige Frau unter den Autoren der jetzt modernen Gegenbewegung, der Neuen Sachlichkeit.
Sie wurde zur Sprecherin der neuen Generation, vor allem der jungen Leute, jener, die in möblierten Zimmern wohnen, wo man keinen Besuch empfangen darf. Man trifft sich in einer Eisdiele, da kann man billiger wegkommen als im Café.
Was die Kaléko für alltägliche Wirklichkeit hielt, sagte sie wiederholt in ihren frühen Gedichten: Zur Heimat erkor ich mir die Liebe. Liebe also als Notlösung. Lieben und Einsamkeit - Das sind die Leid- und Leitworte dieser Dichtung.
Am schönsten sind wohl die Paddelboot-Wochenenden auf der Havel. Von Booten flüstert's hier und dort, / Die Pärchen ziehn nach Haus, / Es artet jeder Wassersport / zumeist in Liebe aus. Erst 1938 emigrierte Mascha Kaléko nach Amerika. Sie lebt dann in Israel und später in Zürich, wo sie im Jahre 1975 stirbt. Sie war überall unglücklich. Niemand wollte ihre neuen Gedichte drucken.
Auch in Israel gab es für die deutsche Dichterin keinen Verleger, keinen Leser oder gar Kritiker. 1956 kommt Mascha Kaléko zum ersten Mal nach dem Krieg nach Deutschland. 1959 soll ihr der Fontane-Preis der Berliner Akademie verliehen werden. Die Kaléko lehnt ab, weil Hans Egon Holthusen, Mitglied der Jury des Fontane-Preises, mehrere Jahre der SS angehörte. Sie hat nie einen deutschen Literaturpreis oder eine andere Auszeichnung erhalten.
Man darf nicht vergessen, dass damals in der Bundesrepublik in nahezu allen großen Zeitungen, Verlagen und ähnlichen Institutionen ehemalige Mitglieder der NSDAP und ihrer Formationen arbeiteten.
Vielleicht wird sich doch ein deutscher Verlag der Lyrik der Mascha Kaléko annehmen.
Text: F.A.S.
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