Fragen Sie Reich-Ranicki
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Er war unzurechnungsfähig, aber ein Poet

16. März 2009 

Es interessiert mich die Frage sehr, was Bernhard hinter all seinen Werken wirklich sagen wollte? P. Valenta

Der Rockstar-Dichter: Rolf Dieter Binkmann

Der Rockstar-Dichter: Rolf Dieter Binkmann

Reich-Ranicki: Die einst berühmte Tänzerin Anna Pawlowna wurde gefragt, was sie denn mit ihrem Tanz ausdrücken wollte. Sie soll geantwortet haben: Wenn ich das sagen könnte, hätte ich es nicht nötig, zu tanzen. Das ist übrigens eine bewährte Wanderanekdote: Man erzählt sie von vielen Dichtern, Malern, Bildhauern und auch Komponisten.

Wie beurteilen Sie den Schriftsteller Rolf Dieter Brinkmann?

Er war ein unzurechnungsfähiger Poet. Aber er war ein Poet. Von Anfang an ging er aufs Ganze: trotzig, radikal und rücksichtslos. Sein erstes Buch („Die Umarmung“, 1965) schildert „etwas unvorstellbar Gemeines, Viehisches“. Nämlich unser Leben. Das Buch beginnt mit einem Tod, erreicht seinen Höhepunkt mit der Beschreibung eines Koitus und endet mit einer Geburt. Hier lehnte sich ein noch junger Autor mit Wut und Besessenheit gegen die biologischen Gegebenheiten des Daseins auf.

Aber so konsequent er seinen Abscheu artikulierte, so wenig wollte er verheimlichen, dass er zugleich fasziniert war: Dem ratlosen und verzweifelten Protest entspricht eine widerwillig-leidenschaftliche Zustimmung. Dieses zwiespältige Verhältnis zur Realität wurde am deutlichsten in der schonungslosen, scheinbar kühl-sachlichen Darstellung des Sexuellen.

Einem Sexroman verdankte Brinkmann seinen Platz in der deutschen Nachkriegsliteratur: dem Roman „Keiner weiß mehr“ (1968). Es ist ein trotzig hingeworfener Brocken Prosa, kühn und schonungslos. Eine Liebesbeziehung wird dargestellt, eine Ehekrise wird analysiert. Aber vor allem liefert der Roman das psychologische Porträt eines Intellektuellen der (damals) jungen Generation.

Die Verwirrung, an der er leidet, die Abhängigkeit, die er überwinden möchte, seine Hast und Müdigkeit, alle diese Zustände, die der Roman in Nahaufnahmen und Momentbildern fast überscharf verdeutlicht, haben ihren gemeinsamen Ursprung im Sexuellen. Dieser junge Erzähler wusste sehr genau, worauf es bei der Darstellung des Sexuellen in der Literatur ankommt: Es gelang ihm immer, die Beschreibung der physischen Vorgänge mit der Wiedergabe ihrer psychischen Voraussetzungen, Begleitumstände und Reaktionen zu ergänzen und zu synchronisieren.

1975 wurde Brinkmann in der Innenstadt von London auf der Straße überfahren. Die deutsche Literatur war um eine Hoffnung ärmer.

Ihre Fragen schicken Sie an Sonntagsfrage @faz.de oder Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Stichwort „Sonntagsfrage“, Mittelstraße 2-4, 10117 Berlin.



Text: F.A.S.
Bildmaterial: Hildebrandt-Verlag

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