Kürzlich haben Sie sich über Friedrich Dürrenmatt geäußert (siehe: Fragen Sie Reich-Ranicki: über Friedrich Dürrenmatt). Es fällt mir aber auf, daß in Ihrer vorzüglichen Antwort ein Name unerwähnt bleibt: Brecht. Darf ich Sie um eine Ergänzung bitten? Gerhard Braun, Berlin
Reich-Ranicki: Friedrich Dürrenmatt paßte in keinen Rahmen, jedenfalls nicht in einen deutschen. Brecht war für die literarische Öffentlichkeit in diesem Lande ungleich leichter hinzunehmen und zu deuten als Friedrich Dürrenmatt. Denn der an die Erziehbarkeit des Menschen glaubende und die Veränderbarkeit der Verhältnisse verkündende Poet, der in seinen späten Jahren in Ost-Berlin lebte, ließ sich ohne größere Schwierigkeiten in der vertrauten Tradition unterbringen, also in der Nachfolge von Lessing, von Goethe und Schiller, Grillparzer und Hebbel.
In ihm, dem Dichter mit der Schiebermütze, sah man einen, der es auch in unserer Zeit fertiggebracht hatte, aus der Schaubühne eine moralische Anstalt zu machen und obendrein eine mit Gesang, Musik und Humor. Nur war er - so meinten viele - bedauerlicherweise auf die falsche (politische) Seite geraten.
Brecht glaubte an den Klassenkampf, an die Revolution. Jedenfalls behauptete er dies. Dürrenmatt hielt die Bekenntnisse der Revolutionäre für außer Kurs gesetzt, sie seien höchstens für die Menge brauchbar - als Schlagworte. Er glaubte an nichts. Zumindest gab er es vor. Brecht offerierte Lösungen. Dürrenmatt machte die Lächerlichkeit aller Lösungen deutlich. Beide wollten sie - in dieser Hinsicht waren sie sich immer einig - ihr Publikum um beinahe jeden Preis amüsieren.
Brecht garnierte seine Stücke mit frommen Sprüchen, Dürrenmatt mit bitteren Sarkasmen und beide oft mit nicht gerade anspruchsvollen Gags. Brecht kam mit dem Gesangbuch daher, mit dem revolutionären, versteht sich; er trug es stets griffbereit in der Tasche. In Dürrenmatts Tasche war Platz vor allem für Sprengstoff. Brecht wollte heilen, Dürrenmatt wollte verletzen.
Brecht verkündete Ideen. Und Dürrenmatt? Sein Angebot war verschwenderisch, alles konnte man bei ihm finden: Motive und Modelle, Gestalten und Geschichten, Hohn und Haß, Ulk und Unsinn, Witz und Weisheit - nur keine Ideen. Seine Stücke befassen sich nicht mit dem Glauben, aber immerhin behandeln sie - und das mag mit dem verborgenen religiösen Ursprung zusammenhängen - das Nichtglaubenkönnen. Und beide haben unterhaltsame, verfremdende und herausfordernde Gegenentwürfe geliefert, die als Antworten auf unsere Welt unmißverständlich sind.
Aber trotz des Altersunterschieds von nicht mehr als 23 Jahren sind es Dichter überhaupt nicht miteinander vergleichbarer Epochen. Brechts Werk ist ohne die Literatur, das Theater, das geistige Klima der Weimarer Republik schlechthin undenkbar. Und Dürrenmatts Werk ist, obwohl nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden und mit der Dichtung der zwanziger Jahre an sich weder verwandt noch verschwägert, unvorstellbar ohne Bertolt Brecht.
Während jedoch Brechts Stücke - ebenso die aus der Weimarer Republik wie jene, die er im Exil geschrieben hat - schon in den fünfziger oder sechziger Jahren nicht mehr unmittelbar unsere Verhältnisse betrafen und also historisch gesehen werden konnten und mußten, was übrigens die Rezeption natürlich erleichtert hat, zielten die Hauptwerke Dürrenmatts mitten auf unsere Existenz.
Brecht profitierte davon, daß man in Deutschland gern jenen folgt, die eine Fahne tragen und tröstend auf eine utopische Zukunft verweisen. Dürrenmatt hingegen, der mit keiner Fahne dienen konnte und in dessen Hand sich auch kein Kreuz entdecken ließ, er, der von vornherein erklärte, daß jede Utopie sich als eine Fata Morgana erweisen müsse, lag quer und saß zwischen allen Stühlen.
Nichts gegen Brecht: Er war - das ist wahrlich eine Banalität - ein Jahrhundertgenie. Wir haben allen Anlaß, uns vor ihm tief zu verneigen, wie vor Franz Kafka oder Thomas Mann. Doch erlauben wir uns leise zu sagen, daß eine Antwort auf die Welt nach 1945 in seinen Schriften nicht mehr zu finden ist, eher schon in den Hauptwerken des Nachgeborenen, also Friedrich Dürrenmatts.
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Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 26.11.2006, Nr. 47 / Seite 28
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