Fragen Sie Reich-Ranicki

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War Hermann Burger zu anspruchsvoll?

03. Juni 2008 Sie haben den Schriftsteller Hermann Burger gefördert und gelegentlich gerühmt. Er starb 1989. Mittlerweile ist er beinahe vergessen, auch in seiner Heimat, der Schweiz. Wie sehen Sie den Fall Burger heute? Frank Schirrmacher, Frankfurt am Main

Marcel Reich-Ranicki: Ein Dichter sei - schrieb einmal Thomas Mann - ein „einzig auf Allotria bedachter Kumpan“, ein „anrüchiger Scharlatan“. Aber diesen häufig vor allem auf Allotria bedachten Kumpanen, die überdies mit einem denkbar flüchtigen Material arbeiten, mit dem Wort, verdanken wir Produkte von erstaunlicher Beständigkeit. Die Akropolis ist nur noch eine Ruine, wenn auch eine wunderbare. Die „Orestie“ des Aischylos hingegen ist so herrlich wie am ersten Tag.

Einer dieser anrüchigen Scharlatane hatte die Kühnheit zu verkünden: „Ich habe ein Denkmal errichtet, das dauerhafter ist als Erz.“ Zeugt dieses Wort von Größenwahn? Schon möglich, doch sind die dereinst stolzen Bauten des alten Rom längst verwittert oder zerfallen, während den Oden des Horaz die Jahrtausende nichts anhaben konnten.

Geschlagen und gezeichnet

Doch ob seine Werke den Autor überleben oder nicht, auf jeden Fall gilt der knappe Befund: „Der Schriftsteller ist kein vernünftiges Wesen.“ Der dies geschrieben hat, der Schweizer Hermann Burger, wusste, wovon er redete. Er zielte mit dem kritischen Wort nicht nur auf seine Zunft, er meinte zugleich sich selber. Denn Burger war aus dem Geschlecht der Geschlagenen und der Gezeichneten, der Gejagten und der Getriebenen und also der ewigen, der vielleicht unheilbaren Monomanen.

Auf ihn konnte man sich nicht verlassen. Er gehörte zu den ganz und gar unsicheren Kantonisten unter den Schriftstellern. Aber die Literatur, die zählt, schreiben immer nur jene, auf die man sich nicht verlassen kann: Sie sind, anders als die Ordentlichen und Mittelmäßigen, unberechenbar.

Sorgenkinder des Lebens

Befragt vom Magazin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, was sein größtes Unglück sei, antwortete Burger: „Eine moderne Zivilisationskrankheit: die Depression.“ So könnte auch jede seiner Figuren antworten. Es sind, wie er selber, Sorgenkinder des Lebens, wunderliche und nicht ganz seriöse Individuen, einsame und egozentrische Existenzen. Ob sie es wollen oder nicht - diese Außenseiter der Gesellschaft agieren stets in einem isolierten Bereich. Sie haben kein Gegenüber, keinen Partner, sie sind zu einem monologischen Dasein verurteilt.

Verstoßene sind es und Zerrissene - wie der Held des finsteren Romans „Schilten“ (1970), der in einem abgelegenen Aargauer Tal den Schuldienst versieht. Doch nicht für das Leben will er seine Schüler vorbereiten, sondern für den Tod. Nicht Heimatkunde unterrichtet er, sondern Friedhofskunde. Ob Burgers Geschöpfe die Hilfe der Medizin in Anspruch nehmen oder nicht - Patienten sind sie allemal, seine Romane und Erzählungen sind Dokumente einer Obsession.

Ein seltener Vogel

Wenn zunächst seine Prosa vom Gespenst der Abstraktion bedroht war, so vermochte er dieses Gespenst in seinen späteren Büchern, in dem Erzählungsband „Diabelli“ (1979), der ihn bekannt gemacht hat, und in seinem reichsten und kuriosesten Buch, in dem Roman „Die künstliche Mutter“ (1982), lachend in die Flucht zu schlagen. Hier zeigte sich, dass Burger ein seltener Vogel war - ein Philologe mit Phantasie, ein Wissenschaftler mit Verve, ein Germanist mit Geschmack.

Das Artistische war sein Element. „Hätte man mich“ - sagt eine seiner Figuren - „die Welt erschaffen lassen, ich hätte sie von Anfang an als Circus erschaffen.“ Noch am Rande des Abgrunds fungierte Burger, besessen und doch bester Laune, als ein souveräner Magister Ludi. Zu beneiden war dieser Spielmeister nicht. Man musste blind und taub sein, um nicht zu spüren, dass hier einer am Werk war, der sich nicht schonen konnte und keinen Augenblick zögerte, seine ganze Existenz zu gefährden. Er gehörte zu jenen Artisten, die aufs Ganze gehen müssen und stets nur ohne Netz arbeiten können.

Zu fremd, zu anspruchsvoll

Damit hat es zu tun, dass Burger in unseren Kulturbetrieb nicht recht passte. Obwohl ein promovierter und habilitierter Germanist, der sein Brot als Dozent, Redakteur und Kritiker verdiente, blieb er ein Außenseiter des literarischen Lebens - er befremdete, ohne ein Fremdling zu sein. In den letzten Monaten seines Lebens hat er neben dem Roman „Brunsleben“ (1989) auch eine umfangreiche Abhandlung verfasst: einen Traktat über den Selbstmord.

Die Reaktion der Kritik auf einige Bücher Burgers war beachtlich, teilweise sehr respektvoll. Der Publikumserfolg ließ nicht auf sich warten, hielt sich aber doch in Grenzen. War seine Prosa für viele unserer Leser doch zu anspruchsvoll?

Ihre Fragen schicken Sie an Sonntagsfrage@faz.de oder Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Stichwort „Sonntagsfrage“, Mittelstraße 2-4, 10117 Berlin.



Text: F.A.S.

 
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