Ivo Andric ist heute in Deutschland kaum bekannt. War dies früher anders, und wie wurde er beurteilt? Regina Maria Schneider
Reich-Ranicki: Der jugoslawische Schriftsteller Ivo Andric, der von 1892 bis 1975 lebte, war in seinem Vaterland viele Jahre berühmt und galt sogar als der größte serbokroatische Prosaist seiner Zeit. Er war ein Erzähler alten Stils, der beschaulich Landschaften und Gestalten, Sitten und Gebräuche schildert und sich gern und oft volkstümlicher Motive, serbischer und bosnischer Mythen, Märchen und Fabeln bedient. Häufig werden allgemeine Reflexionen über das Leben und das Wesen des Menschen eingeflochten. Originalität kann man diesen Einschüben nur in Ausnahmefällen nachrühmen. Sein wohl berühmtestes Werk ist die Wischegrader Chronik mit dem Titel Die Brücke über die Drina. Andric zeigt hier in vielen Geschichten, Anekdoten und Legenden menschliche Schicksale in jener Welt, in der sich jahrhundertelang Christentum und Islam, der Orient mit dem Okzident überschnitten haben. Ich habe 1960 diesen Roman und auch noch einen Novellenband von Andric gelesen und habe mich dann mit diesem serbokroatischen Autor nicht mehr beschäftigt. Daß er in Deutschland in Vergessenheit geraten sei, kann man nicht sagen, da er hier nie richtig bekannt geworden ist.
Wie beurteilen Sie Truman Capotes neu entdecktes und jetzt auch in deutscher Übersetzung erschienenes Buch Sommerdiebe? Heinrich Giebhardt
Ich habe dieses Buch gelesen, doch darüber zu schreiben, hatte ich keine Lust. Es ist vor allem für die Kenner des Werks von Truman Capote interessant.
Warum enthält Ihr Literaturkanon keine Abteilung Tagebuch? Björn Schroth, Frankfurt am Main
Der von mir herausgegebene Kanon der deutschen Literatur besteht aus fünf Teilen. Auf Romane und Erzählungen, Dramen und Gedichte folgten vor wenigen Wochen die Essays. Insgesamt sind es fünfzig Bände mit etwa 25.000 (fünfundzwanzigtausend) Seiten. Im Mittelpunkt und Vordergrund des letzten Bandes stehen tatsächlich Essays. Aber es finden sich hier auch Reden und Abhandlungen, Feuilletons und Kritiken, Aufsätze und Artikel. Kurz: nichtfiktionale Prosa von hoher literarischer Bedeutung. Es sind 255 Texte von 166 Autoren - von Luther, Lessing, Lichtenberg und Ranke bis Albert Einstein, Max Frisch, Willy Brandt und Günter Grass.
Hier in diesem fünften Band hätte ich auch Briefe und eben Tagebücher unterbringen können. Nur: Ohne Briefe und ohne Tagebücher enthält der Kanon bereits 2000 Werke von rund 500 Autoren. Der Umfang des Bandes: 905 Buchseiten. Und wieviel Platz hätte ich für diesen letzten Teil zusätzlich benötigt? Mit Sicherheit Tausende von Seiten. Das sei übertrieben? Nein, keineswegs.
Allein von Lessing, Goethe, Schiller, Heine oder Thomas Mann gibt es viele Bände mit wichtigen Briefen und Tagebüchern. Hätte ich sie berücksichtigen wollen, wäre das ganze Vorhaben gesprengt worden und nie erschienen. Vielleicht wird sich in Zukunft ein Verlag finden, der eine solche Aufgabe auf sich nimmt. Und vielleicht wird ein Herausgeber bereit sein, viele Jahre seines Lebens dieser Aufgabe zu widmen.
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Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 21.05.2006, Nr. 20 / Seite 30