Fragen Sie Reich-Ranicki
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Die Streitbarkeit des Unpolitischen

Ein Unpolitischer äußert sich zur Demokratie: Thomas Mann

Ein Unpolitischer äußert sich zur Demokratie: Thomas Mann

Thomas Manns „Betrachtungen eines Unpolitischen“ sollen in diesem Herbst neu erscheinen. Ist dieses nationalistische, demokratiefeindliche Machwerk heute noch lesenswert? Karl Winterfeld, Karlsruhe

Reich-Ranicki: Thomas Manns „Betrachtungen eines Unpolitischen“, eine essayistische Streitschrift, ist in der Zeit von 1915 bis 1918 entstanden und sofort erschienen, im Jahre 1918. Das Buch war und ist umstritten, nicht in allen Ausgaben der Gesammelten Werke Thomas Manns ist es enthalten. Aber es wird im Oktober oder November dieses Jahres im Rahmen der „Großen kommentierten Ausgabe“ sehr wohl zu haben sein.

Jetzt wird man die „Betrachtungen“ in zwei Bänden drucken – in einem Band wird der Text zu finden sein (etwa 700 Seiten), im zweiten die Anmerkungen, etwa 730 Seiten. Das ist sehr erfreulich. Es wird sich herausstellen, dass dieses Werk immer noch sehr lesenswert ist.

Und noch eine erfreuliche Nachricht: Für die neue Ausgabe wird einer der besten Thomas-Mann-Kenner verantwortlich sein – Hermann Kurzke.

Haben Sie Jurek Becker persönlich kennengelernt? War er ein fröhlicher Mensch? Peter Herting, Bremen

Er war ein begabter, witziger, freundlicher, liebenswürdiger Mensch. Ein fröhlicher? Er war Jude, und ich bin nicht sicher, ob ein Jude, der das erleben musste, was Becker erlebt hat, fröhlich sein kann. Die Beziehungen zwischen ihm und mir waren zeitweise sehr gut, dann leider ziemlich kritisch. Das hatte einen einfachen Grund: Er schätzte mich und hatte mich, glaube ich, ganz gern, solange ich seine Bücher lobte. Wenn ich an einem Buch etwas auszusetzen hatte, wurde er gleich wütend.

Alles in allem: Jurek Becker war nicht unbedingt ein fröhlicher, wohl aber ein sehr sympathischer Mensch. Sein vor vierzig Jahren verfasstes Buch „Jakob der Lügner“ hat noch nichts von seiner Qualität eingebüßt.

Wie beurteilen Sie die literarische Leistung Lorenzo da Pontes? Alexander Willkomm

Ich kann die Arbeiten Lorenzo da Pontes nicht beurteilen. Sein Werk ist sehr umfangreich, doch seinen Ruhm verdankt er vor allem drei Opern, die er für Mozart geschrieben hat: „Figaros Hochzeit“, „Don Giovanni“ und „Così fan tutte“.

In den Programmen der Berliner Staatsoper durfte in meiner Jugend (es waren die Jahre des Dritten Reichs) der Name des Librettisten nicht genannt werden. Es hieß: „Die Hochzeit des Figaro“, eine Oper von Mozart. Und der Text? Ist er vom Himmel gefallen? Nein, aber er stammte von einem Juden. Lorenzo da Ponte ist 1763 mit seiner Familie zum Christentum übergetreten.

Haben Sie als Kritiker einen „idealen Leser“ vor Augen, an den und für den Sie schreiben? Thomas Roth, Bonn

Nein, in der Regel hab’ ich vor meinen Augen einzig und allein das Buch, von dem gerade die Rede ist. Allerdings gibt es Kritiker, die während der Arbeit vor ihren Augen tatsächlich einen Leser haben, nämlich den Kollegen. Ich halte von diesen Kritikern gar nichts. Die großen Kritiker – Fontane, Kerr, Polgar – schrieben für Leser.

Warum gibt es heute nicht mehr so etwas wie eine Gruppe 47? Würde das die deutsche Gegenwartsliteratur nicht entscheidend voranbringen? Bernd Albert, Sigmaringen

Heute ist eine ganz andere Situation als Ende der vierziger Jahre. Eben deshalb brauchen wir keine Gruppe 47. Damals hatten die deutschen Autoren keine Leser und manche auch keine Verleger. Niemand wollte sich um die Schriftsteller kümmern. Das Publikum las Hemingway, Faulkner, Sartre, Camus – die Namen Grass und Böll kannte man noch nicht.

Ihre Fragen schicken Sie an Sonntagsfrage@faz.de oder Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Stichwort „Sonntagsfrage“, Mittelstr. 2-4, 10117 Berlin.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa

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