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Balzac - ein Kerl sondergleichen

Was halten Sie von Balzac? Welche seiner Romane sind besonders lesenswert?
Rainer J. Hinz, Augsburg

Gerard Depardieu in “Balzac - Ein Leben voller Leidenschaft“

Gerard Depardieu in "Balzac - Ein Leben voller Leidenschaft"

Reich-Ranicki: Dieser Balzac, dieser vierschrötige Mann, der aussah wie ein Athlet - er war schon ein Kerl sondergleichen. In seiner Jugend schrieb er Kolportageromane, die nicht viel Geld brachten. Dann versuchte er sich als Verleger und Druckereiunternehmer und scheiterte kläglich. Er hatte nun enorme Schulden und verfaßte, um sie zu tilgen, ernstgemeinte Bücher. Trotz der Nähe zur Hintertreppenliteratur erfreuten sie sich rasch großer Beliebtheit. Trotz oder vielleicht wegen dieser Nähe?

Jedenfalls schuf Balzac, dessen Phantasie keine Grenzen hatte, ein bisher noch nie dagewesenes Universum: Er erzählte von Abenteuern und Intrigen, von Liebe und Glück, von Macht und Geld, von schlauen Bauern, skrupellosen Bankiers, heuchlerischen Geistlichen und edlen Kurtisanen, von intelligenten Schiebern, korrupten Politikern und zynischen Journalisten. Er arbeitete unermüdlich an einem riesigen Zyklus mit dem Titel „La Comedie Humaine“. In der Tat: Nichts Menschliches war ihm fremd. In meiner Jugend habe ich von Balzac sieben oder acht Romane gelesen. Ich war begeistert. Besonders eingeprägt hat sich mir „Eugenie Grandet“. Es ist die Geschichte eines fleißigen und geizigen Kleinbürgers und dessen schöner, empfindsamer Tochter. Vater Grandet organisiert seinen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Aufstieg gut und genau. Was er wollte, hat er verwirklicht, er ist nun ein reicher und mächtiger Mann. Aber die Rechnung geht nicht auf. Denn da gibt es einen Faktor, der von ihm nicht eingeplant wurde: Seiner Tochter widerfährt, woran er nie im Leben auch nur gedacht hat. Sie verliebt sich.

Doch noch stärker haben mich - und dies für das ganze Leben - die beiden Romane beeindruckt, in deren Mittelpunkt Lucien de Rubempre steht: „Verlorene Illusionen“ und „Glanz und Elend der Kurtisanen“. Diese Romane spielen vorwiegend in Paris, dargestellt werden nahezu alle Gesellschaftsschichten. Rubempre ist ein der Provinz entflohener ehrgeiziger Dichter, der sich auch als Kritiker und Journalist betätigt und der schließlich nach allerlei Affären Selbstmord verübt. Der Roman „Verlorene Illusionen“ gilt als einer der Höhepunkte der französischen Literatur. Von Oscar Wilde stammt das Wort: „Der Tod des Lucien de Rubempre war eine der größten Tragödien meines Lebens.“ Der Einfluß Balzacs auf die nach ihm gekommenen großen Epiker Frankreichs - Flaubert, Zola, Maupassant, Proust - ist kaum zu überschätzen.

Als ich im Herbst 1938 in Berlin verhaftet und aus Deutschland deportiert wurde, durfte ich kein Gepäck mitnehmen. In meiner Aktentasche befand sich nur ein Ersatztaschentuch und ein Buch. Es war ein Roman, den ich gerade las - Balzacs „Eine Frau von dreißig Jahren“, nicht eines seiner besten Bücher. Hervorragend hingegen sein „Vater Goriot“.

Ihre Fragen schicken Sie bitte an Sonntagsfrage@faz.de oder Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Stichwort „Sonntagsfrage“, Mittelstraße 2-4, 10117 Berlin.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 13.11.2005, Nr. 45 / Seite 30
Bildmaterial: CINETEXT

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