Fragen Sie Reich-Ranicki

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Über Paul Gerhardt und Doris Lessing

26. April 2006 Wäre Doris Lessing eine würdige Trägerin des Literaturnobelpreises? Welche Bedeutung hat die Lyrik Paul Gerhardts? Marcel Reich-Ranicki über die britische Autorin und den deutschen Liederdichter des Barock.

Wäre Doris Lessing eine würdige Literaturnobelpreisträgerin? Warum ist sie bisher unberücksichtigt geblieben?
Jan M. Grotenboer, Bensheim

Marcel Reich-Ranicki: Sie wurde bisher nicht berücksichtigt, weil sie den Stockholmer Juroren nicht sonderlich gefällt. Diesmal bin ich mit der Nobelpreis-Jury einverstanden.

Wie beurteilen Sie die Lyrik des barocken Liederdichters Gerhardt? Wie schätzen Sie ihn im Rahmen der nationalen und internationalen Dichtkunst seiner Zeit ein?
Hans Gebhard, Hamburg

Marcel Reich-Ranicki: Ich werde Sie vermutlich enttäuschen: Mein Verhältnis zu Gerhardt ist respektvoll, doch nicht immer enthusiastisch. Die etwas späteren deutschen Dichter wie Paul Fleming, Andreas Gryphius, Christian Hofmann von Hofmannswaldau oder Johann Christian Günther stehen mir allesamt erheblich näher. Sie sind denn auch in meinen Lyriksammlungen (ebenso in der „Frankfurter Anthologie“ wie in dem „Kanon der deutschen Literatur“) viel stärker vertreten. Immerhin gibt es im „Kanon“ vier poetische Arbeiten von Gerhardt.

Die Rolle, die er in der Geschichte der deutschen Literatur spielt, mag damit zusammenhängen, daß Bach (Johann Sebastian!) in seine Kantaten und Passionen nicht weniger als neunzehn der Lieder Gerhardts integriert hat.

Ihre Fragen schicken Sie an Sonntagsfrage@faz.de oder Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Stichwort „Sonntagsfrage“, Mittelstraße 2-4, 10117 Berlin.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 23.04.2006, Nr. 16 / Seite 28
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