Fragen Sie Reich-Ranicki

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Das bringt mich in Verlegenheit

07. August 2007 Was halten Sie von den Büchern von Joseph Conrad? Haben Sie sie einst begeistert gelesen? Simon Kurt, Baden-Baden

Reich-Ranicki: Die erste Frage bringt mich in Verlegenheit, die zweite beantworte ich gern. Und ich bin dem Leser aus Baden-Baden dankbar, dass er den Namen Joseph Conrad ins Gespräch bringt. Ich muss wieder einmal auf meine Schule zu sprechen kommen und die Rolle, die sie in meiner Jugend in den dreißiger Jahren gespielt hat. Das Fichte-Gymnasium in Berlin-Wilmersdorf meine ich.

Dass im Deutschunterricht die Liebe zur deutschen Literatur geweckt wurde, versteht sich von selbst. Aber das gilt auch für den Französisch-, den Englisch- und den Lateinunterricht. Besonders gut war unser Englischlehrer. Er hatte keine Hemmungen, mit uns von Shakespeare sein reichstes, sein tiefstes, sein intelligentestes, sein schwierigstes Werk „durchzunehmen“: den „Hamlet“.

Ich habe ihn damals zum ersten Mal Zeile für Zeile gelesen, nicht nur das englische Original, sondern auch die herrliche, die bis heute, ich bin davon überzeugt, unübertroffene deutsche Übersetzung von August Wilhelm Schlegel. Ich erinnere mich noch an einige andere Autoren, die wir im Englischunterricht gelesen haben: Dickens, Edgar Allan Poe, Oscar Wilde und Joseph Conrad.

Die Frage, ob mich Conrads Bücher einst begeistert hätten, kann ich gleich beantworten - mit einem entschiedenen Ja. Sie haben mich so begeistert, dass ich André Gide verstanden habe, der Englisch lernte, um Conrad im Original lesen zu können. Und bei Thomas Mann habe ich die gelegentliche Bemerkung gefunden, Conrad sei der größte Erzähler des zwanzigsten Jahrhunderts. In der Schule konnten wie uns nur mit einem Werk von Conrad beschäftigen: mit der Erzählung „Youth“ („Jugend“). Sie ist mir unvergesslich.

Was soll man sonst von Conrad lesen? Das ist die Frage, die mich etwas in Verlegenheit bringt. Hier einige Titel: „Das Herz der Finsternis“, „Lord Jim“, „Die Schattenlinie“, „Taifun“. Aber ich will es nicht verheimlichen, dass ich, gerade diese Titel hervorhebend, meines Urteils nicht mehr so sicher bin.

Sind es wirklich seine wichtigsten Bücher? Ich habe sie vor sechzig, ja vor siebzig Jahren gelesen. Ich müsste sie, um sie heute beurteilen zu können, jetzt noch einmal lesen. Aber so, wie die Dinge liegen (ich bin Jahrgang 1920), werde ich es nicht mehr schaffen.

Conrad war ein englischer Schriftsteller, natürlich, aber er war ein Pole, geboren 1857 in Berditschew in der Ukraine. Seit seinem 17. Lebensjahr fuhr er auf Handelsschiffen. Erst im Alter von neunzehn oder zwanzig Jahren erlernte er die englische Sprache, in der alle seine Bücher geschrieben sind. Er war einer der besten Stilisten und Psychologen der englischen Literatur.

Vorige Woche schrieb ich in dieser Rubrik über Manzonis weltberühmten Roman „Die Verlobten“. Mein Freund S. K., ein Architekt, der viel gute Literatur gelesen hat, fragte mich, ob er denn nun die „Verlobten“ unbedingt lesen sollte. Ich zögerte nur einen Augenblick - und schon beeilte er sich, fest entschlossen zu sagen: Nein, ich werde das Buch doch nicht lesen. Ich schwieg. Aber auf Joseph Conrad, verlangte ich, dürfe er keinesfalls verzichten.

Ihre Fragen schicken Sie an Sonntagsfrage@faz.de oder Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Stichwort „Sonntagsfrage“, Mittelstraße 2-4, 10117 Berlin.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 05.08.2007, Nr. 31 / Seite 26

 
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