Fragen Sie Reich-Ranicki
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Bitte erbarmen Sie sich meiner

Einstmals Lektor: Dieter Wellershoff

Einstmals Lektor: Dieter Wellershoff

Endlich sollte eine „Kommission“ aus sehr kritischen und ästhetisch anspruchsvollen Köpfen zusammengesetzt werden, die versucht, die bedeutendsten Werke der Weltliteratur aufzulisten. Christoph Dohrmann

Könnten Sie sich vorstellen, einige der größten Romane in Kurzfassungen herauszugeben? Mit Erläuterungen von Ihnen? A. Wehner, München

Reich-Ranicki: Die Herren Dohrmann und Wehner und noch einige andere Herren, die ähnliche Einfälle haben, mögen sich meiner unbedingt erbarmen. Man sollte sich hüten, eine Kommission zu bilden, um die bedeutendsten Werke der Weltliteratur „aufzulisten“. Und dass man eine Reihe der wichtigsten Romane in Kurzfassung produziert, ist eine böse, ja bösartige Idee. Wer bei Stendhal, Flaubert oder Tolstoi, bei Goethe, Fontane oder Thomas Mann die Werke der Autoren präpariert, richtet vor allem abscheulichen Schaden an.

Mein Vorschlag: Gönnen Sie sich noch drei oder vier Jahre Zeit und lassen Sie sich von einem Freund etwas helfen - und vielleicht wird es Ihnen dann besser mit der großen Literatur ergehen.

Übrigens: Es gibt einen ausgezeichneten Schauspielführer von einem von mir geschätzten und leider schon lange verstorbenen Freund und Kollegen im Paul-List-Verlag, betitelt: Georg Hensel: „Spielplan. Der Schauspielführer von der Antike bis zur Gegenwart“. Zwei Bände, 1730 Seiten. Also, Finger weg von Romanen oder Erzählungen, aber bitte diesen mittlerweile alten, wahrlich bewährten Schauspielführer verwenden.

Ich habe erfahren, dass der Autor Frank Thiess zu den bedeutendsten Autoren des 20. Jahrhunderts gehört. Was meinen Sie dazu - auch im Hinblick auf sein Verhältnis zu Thomas Mann? Edith Nauheimer, Frankfurt

Es stimmt schon, dass Frank Thiess manch effektvoll komponierten, historischen und zeitgeschichtlichen Roman verfasste. Gern las man den zweibändigen Caruso-Roman, der mittlerweile natürlich längst vergessen ist. Dass er als einer der bedeutendsten Schriftsteller des vorigen Jahrhunderts gilt, halte ich für ein Missverständnis.

Die Lyrik in Deutschland wird im Vergleich zu anderen Ländern (etwa zu Russland) stiefmütterlich behandelt. Woran liegt das? Olga Pötzsch

Nein, die deutsche Lyrik wird durchaus nicht stiefmütterlich behandelt. Ich fürchte, Sie haben Walther von der Vogelweide, Andreas Gryphius, Claudius, Goethe, Hölderlin, Novalis, Kleist, Brentano, Chamisso, Uhland, Eichendorff und viele andere vernachlässigt und unterschätzt.

Dieter Wellershoff war - bevor er erfolgreicher Schriftsteller wurde - lange Jahre Lektor bei einem Verlag. Gibt es den Fall häufiger? Karl Winterfeld, Saarbrücken

Einen solchen Fall gibt es sehr häufig - in Deutschland, England, Polen, China und auch Australien.

Ihre Fragen schicken Sie an Sonntagsfrage@faz.de oder Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Stichwort „Sonntagsfrage“, Mittelstraße 2-4, 10117 Berlin.



Text: F.A.S.
Bildmaterial: Cinetext/Bruder

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