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Man muss sehr viel erlebt haben

Günter Eich im Jahr 1953

Günter Eich im Jahr 1953

Warum haben Sie in der Abteilung „Dramen“ Ihres Kanons der deutschen Literatur keine Hörspiele aufgenommen? Ich denke insbesondere an die Hörspiele von Günter Eich. Björn Schroth, Frankfurt am Main

Das Hörspiel ist ein Produkt des Rundfunks, es stammt aus den zwanziger Jahren. Nach 1945 blühte das Hörspiel plötzlich auf. Der Grund: Der Rundfunk hatte (anders als die Verleger) ziemlich viel Geld, die Schriftsteller hingegen brauchten dringend Geld. Man fand rasch zueinander.

Hörspiele schreiben nun Alfred Andersch, Ingeborg Bachmann, Heinrich Böll, Friedrich Dürrenmatt, Max Frisch, Peter Hacks, Marie-Luise Kaschnitz, Siegfried Lenz, Dieter Wellershoff und noch andere. Die Namen dieser Autoren kennt man noch heute, aber ihre damals entstandenen Hörspiele sind allesamt vergessen. Es waren Nebenarbeiten, die ihren Zweck erfüllt hatten.

Die Autoren kehrten jetzt - beinahe alle auf einmal - zu jenen Formen zurück, die sie als ihre eigentlichen empfanden: zum Roman, zur Erzählung, zum Drama, auch zu Gedichten. Die Leser, die in den ersten Jahren nach dem Krieg von deutschen Schriftstellern nichts wissen wollten, lasen jetzt die „Ansichten eines Clowns“, die „Deutschstunde“ „Stiller“ und „Homo Faber“, sie suchten auf der Bühne Stücke von Frisch und Dürrenmatt.
Und wie war es mit Günter Eich? Da er sich vor allem als Lyriker betätigte und es nicht seine Sache war, Romane oder Dramen zu schreiben, wandte er sich - um Geld zu verdienen und etwas Echo zu haben - dem aus der Lyrik entwickelten Rundfunk-Hörspiel zu. Er war sehr erfolgreich, vor allem sein bestes Hörspiel „Träume“. Jetzt stand das Finanzielle nicht mehr im Vordergrund.

Inzwischen beschäftigen sich mit seinen Hörspielen die Literaturhistoriker, aber das Publikum hat sie vergessen. Nicht vergessen ist indes die Lyrik Eichs. In jeder neueren Anthologie gibt es mehrere seiner Gedichte. Allein in der „Frankfurter Anthologie“ finden wir nicht weniger als 22 Gedichte von ihm.

Wie alt muss man sein, um einen Roman zu schreiben? Hans Retlinger, Flensburg

Da gibt es überhaupt keine Regel. Aber sicher ist, dass man viel, sehr viel erlebt haben muss. Das schaffen gelegentlich auch junge Autoren, beispielsweise jener, der kaum 22 oder 23 Jahre alt, einen Lübecker Familienroman verfasst hat, den manche für den besten deutschen Roman halten.

Ihre Fragen richten Sie bitte an Sonntagsfrage@faz.de oder Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Stichwort „Sonntagsfrage“, Mittelstraße 2-4, 10117 Berlin.



Text: F.A.S.
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa

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