Fragen Sie Reich-Ranicki
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Fragen Sie Reich-Ranicki

Bewundert und nie ganz ernst genommen

Ist Robert Gernhardt, der im Dezember siebzig Jahre alt geworden wäre, einer der größten deutschen Lyriker?
Eva Marie Knopf, Berlin

Marcel Reich-Ranicki: Solche Superlativfragen sind sehr beliebt, doch in den meisten Fällen ergeben sie so gut wie nichts. Wer ist der wichtigste, der originellste Komponist der Welt? In meiner Jugend wurde Beethoven vorgeschlagen, heute eher Mozart - und gestern wie heute Bach. Wenn in einer Gesellschaft jemand lauthals erklärt, Shakespeare sei der bedeutendste Dramatiker aller Zeiten, meldet sich ein anderer mit einem leisen Widerspruch: Man solle doch bedenken, was Sophokles an Bühnenwerken vorgefunden hat, als er für das Theater zu schreiben begann. Dann werde man vielleicht Sophokles für den besten Stückeschreiber halten. Das kann ja sein. Nur interessieren mich derartige Befunde überhaupt nicht.

Aber da liegt die Frage nach Robert Gernhardt. Ist er nun einer der größten deutschen Lyriker? Nein, es wäre natürlich unsinnig, ihn zusammen mit Goethe, Hölderlin oder Heine zu nennen, mit Eichendorff, Brentano und Mörike. Das meint auch nicht die Briefschreiberin aus Berlin. Geht es ihr um das zwanzigste Jahrhundert? Da kommt wohl für den Platz 1 vor allem Brecht in Betracht. Doch sollte man nicht übersehen, dass manche Literaturkenner hier eher Benn ins Gespräch bringen würden.

Nach 1956 (in diesem Jahr starben Benn und Brecht) wird das Feld weniger übersichtlich. Man könnte an einige Namen erinnern: Peter Huchel, Günter Eich, Paul Celan, Ernst Jandl, Ingeborg Bachmann, die alle nicht mehr leben, und noch einige andere. Und Robert Gernhardt?

Nicht die Anerkennung, die er verdient hat

1937 geboren, musste er auf den ihm zustehenden Erfolg lange warten. Erst auf dem letzten Abschnitt seines Lebens (er starb im Jahre 2006) wurde er anerkannt: als Satiriker und Humorist, als Poet und Zeichner.

Hat er die Preise erhalten, die er alle verdient hat? Davon kann keine Rede sein. Man nahm ihm das Leichte übel, seinen Witz, seine Originalität, seinen Humor. Er wurde so unterschätzt wie sein Vorgänger Erich Kästner. Er wurde bewundert und nie ganz ernst genommen.

Neulich hat in Frankfurt eine Lesung seiner Gedichte und Prosastücke stattgefunden. Der große Saal war überfüllt. Zu seinen Lebzeiten waren seine Veranstaltungen nie besonders erfolgreich. Man war sich nicht dessen bewusst, dass er schon damals zu den besten Satirikern unserer Gegenwartsliteratur gehörte.

Man ehrt einen Dichter, indem man seine Verse zitiert. Eines der schönsten (doch noch ein Superlativ) Gedichte von Robert Gernhardt lautet:

Kommst du mit rein?
Aufn Schluck Wein.
Setzt du dich hin?
Aufn Schluck Gin.
Bleibst du noch hier?
Aufn Schluck Bier.
Gehen wir zur Ruh?
Aufn Schluck Du.

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 23.09.2007, Nr. 38 / Seite 31

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