Einem Fernsehporträt zufolge ist Ihr Bezug zur Natur nicht sehr ausgeprägt. Welche Bedeutung messen Sie den ausführlichen Landschafts- und Naturbeschreibungen Fontanes und anderer großer Schriftsteller bei? Sind Natur und Umwelt überhaupt ernstzunehmende Themen der Literatur?
Dirk Müller, Gundelfingen
Marcel Reich-Ranicki: Man kann von mir nicht erwarten, dass ich mich über die in Büchern, Zeitungen oder Fernsehsendungen enthaltenen Urteile und Äußerungen über mich und meine Arbeit nun meinerseits äußere. Derartige Urteile und Äußerungen sind doch gar nicht für mich bestimmt, sondern vor allem für das Publikum, für die Lehrer und die Bibliothekare, für die Buchhändler und die Verleger und für alle anderen Leser. Ob sich der Autor mit diesen Äußerungen beschäftigt und aus ihnen Nutzen zieht, ist seine Sache, und er ist keineswegs verpflichtet, darüber Bericht zu erstatten.
In Fontanes Romanen gibt es interessante und wichtige Naturbeschreibungen, doch gehören sie, glaube ich, nicht zu den wichtigsten Elementen dieser Romane. Die Frage, ob es sich um ernstzunehmende Themen der Literatur handelt, verblüfft mich. Hier meine Antwort: Ja, mit Sicherheit.
Allerdings gibt es ein Thema, das ungleich bedeutender ist als alle Darstellungen von Bergen und Tälern, von Blumen, Bäumen und Büschen, von Flüssen und Seen, als alle Landschafts- und Naturbeschreibungen. Dieses Thema, das seit Jahrtausenden im Mittelpunkt der Weltliteratur steht, ist der Mensch, das menschliche Elend und die menschlichen Gebrechen.
Übrigens sei noch rasch darauf hingewiesen, dass, wenn große Dichter von Blumen sprechen, sie beinahe immer anderes und ungleich mehr als Blumen meinen. Da beginnt ein deutsches Gedicht: Sah ein Knab' ein Röslein stehn. Ist das ein Naturgedicht, das von einer Blume, jung und morgenschön, erzählt? Oder sind es vielleicht Verse über die Vergewaltigung eines Mädchens?
Was ist die größte Stärke Ihres lebenslangen Kritikerkonkurrenten Joachim Kaiser? Schätzen Sie beide sich gegenseitig eigentlich? Oder ist es vor allem Respekt, der Sie verbindet? Oder Missachtung gar?
Sigurd Fitsche, Köln
Marcel Reich-Ranicki: 1993 wurde in Frankfurt der Ludwig-Börne-Preis gestiftet. Er wird alljährlich für besondere Leistungen im Bereich des Essays, der Kritik und der Reportage verliehen. Über den Preisträger entscheidet nicht, wie meist üblich, eine Jury, sondern ein Juror, der seinerseits vom Vorstand der Börne-Stiftung ernannt wird.
Als im Gründungsjahr 1993 der Preis zum ersten Mal vergeben werden sollte, wurde ich zum Juror bestimmt. Zum Preisträger habe ich Joachim Kaiser ausgewählt. Die Feier fand in der Frankfurter Paulskirche statt.
Zu meinen Pflichten gehörte die Laudatio. Man kann sie in meinem Buch Die Anwälte der Literatur (Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1994) finden. Die letzten Sätze dieser Laudatio lauten: Die Tradition und die Moderne, Gelehrsamkeit und Leichtigkeit, Leidenschaft und Spiel, Vernunft und Humor - das alles kann Joachim Kaiser vereinen. Und dies mag der entscheidende Umstand sein, der seine Rolle im deutschen Kulturleben erklärt. Es ist eine außerordentliche, eine unvergleichliche Rolle.
Für viele Intellektuelle - vor allem Schriftsteller - gilt Arno Schmidt als einer der wichtigsten deutschsprachigen Autoren des 20. Jahrhunderts. Warum können Sie so wenig mit seiner Literatur anfangen?
Axel Fröschner
Marcel Reich-Ranicki: Es verwundert mich doch, dass Sie meinen, ich könnte nur wenig mit dem Werk Arno Schmidts anfangen. 1967 habe ich ein Buch Literatur der kleinen Schritte mit dem Untertitel Deutsche Schriftsteller heute veröffentlicht.
Das Buch war in den sechziger Jahren über die Literatur der sechziger Jahre geschrieben und reichte von zwei Romanen aus dem Jahre 1963 (Bölls Ansichten eines Clowns und Hundejahre von Günter Grass) bis zu einem Essay aus dem Jahre 1967: Arno Schmidts Werk oder eine Selfmadeworld in Halbtrauer. Es handelt sich um die ausführlichste Arbeit in diesem Band. Er erschien in den folgenden Jahren in mehreren Neuauflagen.
Wahr ist, dass ich kein Enthusiast Arno Schmidts bin und es mit Sicherheit nicht mehr werde. Dass ich aber kaum etwas mit seinem Werk anfangen könne, dürfte doch wohl übertrieben sein. An zwei Erzählungen von Arno Schmidt erinnere ich mich oft und gern: Die Umsiedler und Seelandschaft mit Pocahontas.
Ihre Fragen schicken Sie an Sonntagsfrage@faz.de oder Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Stichwort Sonntagsfrage, Mittelstraße 2-4, 10117 Berlin.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 06.05.2007, Nr. 18 / Seite 28
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