Fragen Sie Reich-Ranicki

Fragen Sie Reich-Ranicki

Seine Szenen wachsen immer wieder ins Zeitlose

18. Dezember 2006 Vergessen Sie nicht, daß Sie uns noch einen Beitrag über Tschechow versprochen haben!
Ulrike Martorff, Essen

Marcel Reich-Ranicki: War Gogol in seinen besten Jahren ein Ankläger der Gesellschaft, so Tolstoi ihr Richter, sah Dostojewskij in sich selber den Angeklagten, so wollte Tschechow nur ein aufmerksamer und verständnisvoller Zeuge sein. Aus seinem Werk ergibt sich kein System, keine Philosophie. Wenn manche seiner unheroischen Helden - etwa der Professor in der „Langweiligen Geschichte“, die in Wirklichkeit faszinierend ist - klagen, ihnen fehle die „Gesamtidee“, so sprechen sie im Namen des Autors.

Er könnte der Welt - meinte Tschechow - „nicht die Spur einer rettenden Wahrheit in die Hand geben“. Aber vielleicht sind seine Geschichten und Stücke so frisch geblieben, weil er nicht die Lösung der großen Probleme Rußlands, nicht die Therapie der sozialen Zustände für seine schriftstellerische Aufgabe hielt, sondern die schlichte Fragestellung, die klare Diagnose.

„Eine Abneigung gegen die Poesie

Die Kürze, meinte er, sei die Schwester des Talents. In seinen Novellen, den frühen zumal, strich er häufig (gegen den Willen seiner Freunde) die ersten und die letzten Sätze. Er wollte lieber zuwenig als zuviel sagen. Seine in der ganzen Welt nachgeahmten und bis heute nicht übertroffenen Kurzgeschichten sind statische und vollendete Momentaufnahmen. Die Entwicklung eines Menschen zu zeichnen war allerdings seine Sache nicht, ein überzeugender Roman ist ihm nie gelungen.

Freimütig bekannte er: „Ich habe eine Abneigung gegen die Poesie.“ Dennoch schrieb er die zartesten, die poetischsten Prosadramen der russischen Literatur. Es sind, so will es scheinen, antitheatralische Milieustudien. Einen Helden im Mittelpunkt gibt es bei Tschechow nicht, einen dramatischen Konflikt ebenfalls nicht - und es gibt in der Regel fast keine Handlung.

Das Wichtigste sind die Pausen, das Schweigen

Nicht ihre Taten charakterisieren die Menschen, sondern ihre Untätigkeit. Sie reden miteinander (oft nur gleichgültiges Zeug), sie trinken Tee, sie lauschen nachdrücklich dem Samowar, sie langweilen sich, und sie sind, versteht sich, sehr unglücklich. Bevor sie die Bühne betreten haben, langweilen sich Tschechows Gestalten, und auf der Bühne erst recht, alle langweilen sich bei ihm - nur nicht das Publikum. Deshalb wurden und werden seine Stücke in der ganzen Welt gespielt.

Wie paradox es auch klingen mag: Das Wichtigste in seinen Dialogen sind die Pausen, das Fundament seiner Stücke ist das Schweigen. Denn Tschechow zeigt den Menschen, der in seiner Qual verstummt. Einige Satzfetzen genügen ihm, um eine Intensität der lyrischen Stimmung zu zaubern, die das Theater vor ihm nicht kannte. Die Kunst, alles, was er wollte, mit wenigen Details und unaufdringlichen Streiflichtern zu zeigen, hat er vollendet beherrscht. Der Geräuschkulisse vermochte er ungeahnte Reize abzugewinnen. Man hat ihn nicht sofort begriffen: Eines seiner besten Stücke, „Die Möwe“, wurde bei der Petersburger Uraufführung (1886) ausgepfiffen und zwei Jahre später stürmisch gefeiert.

Sinnbilder des menschlichen Daseins

Wären Tschechows Dramen nicht mehr als realistische Gesellschaftskritik, sie würden heute wohl nur noch die Fachleute interessieren. Doch diese Szenen aus dem Rußland gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts wachsen immer wieder ins Zeitlose, sie werden zu Sinnbildern des menschlichen Daseins. In den „Drei Schwestern“ sehen wir die russische Provinz des Elends und gleichzeitig das Elend der Provinz schlechthin: Denn in der Sehnsucht der Schwestern nach Moskau spiegelt sich nichts anderes als die Sehnsucht des Menschen nach einem besseren Leben.

Tschechows letztes Stück, „Der Kirschgarten“, ist natürlich auch eine Parabel. Der Garten, das ist zunächst ein Stück Boden mit einem realen Wert. Aber für die Ranjewskaja, die dort ihre Kindheit verbracht hat, wird er zum Symbol der Reinheit. Für den Studenten Trofimow symbolisiert der Garten, da er einst von Leibeigenen gepflanzt wurde, die blutige Despotie. Für den Parvenü Lopachin wird er zum Symbol seines gesellschaftlichen Aufstiegs, denn er kauft den Garten - wie Hageström das Haus der Buddenbrooks. Auch im „Kirschgarten“ verbirgt sich die Geschichte vom „Verfall einer Familie“.

Die letzten Sätze dieses Stücks lauten: „Auf der Bühne wird es finster . . . In der Tiefe des Gartens schlagen die Äxte dumpf auf das Holz der Bäume.“ Die Axtschläge, mit denen der Kirschgarten abgeholzt wird, sind die Schlußakkorde des ganzen Tschechowschen Werkes und zugleich seiner Epoche. Ein halbes Jahr nach dem Tod des Dichters brach die Revolution von 1905 aus.

Den ersten Beitrag über Tschechow finden Sie hier: Fragen Sie Reich-Ranicki: Über Anton Tschechow

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Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 17.12.2006, Nr. 50 / Seite 31
Bildmaterial: Cinetext/Henschel Theater-Archiv

 
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