23. Februar 2009 War es herabwertend gemeint, als Thomas Mann Dostojewskis Verbrechen und Strafe als größten Kriminalroman aller Zeiten bezeichnete? Ist der Philosoph Arthur Schopenhauer zu den besten Stilisten der deutschen Sprache zu rechnen? Antworten von Marcel Reich-Ranicki.
Thomas Mann hat Dostojewskijs Roman Schuld und Sühne als den größten Kriminalroman aller Zeiten bezeichnet. Ist das nicht ein despektierliches Urteil? Björn Schroth, Frankfurt am Main
Reich-Ranicki: Zunächst: Oft wird eine charakteristische Formulierung mehreren Autoren zugeschrieben. Zitiert wird in der Regel nicht unbedingt der erste, von dem diese Formulierung stammt (was man natürlich nicht immer weiß), sondern der berühmteste. Wer als erster den Dostojewskij-Roman Verbrechen und Strafe (früherer Titel Schuld und Sühne) für den größten Kriminalroman aller Zeiten gehalten hat, weiß ich nicht. Muss ich es wissen? Wozu? Aber sicher ist: das ist auf keinen Fall despektierlich. Es ist vielmehr ein Kompliment. Kriminalromane und Kriminalerzählungen schrieben schließlich Schiller (Der Verbrecher aus verlorener Ehre und Der Geisterseher), E. T. A. Hoffmann ( Das Fräulein von Scuderi), die Droste-Hülshoff (Die Judenbuche), Fontane (übrigens nicht sehr gute), Döblin, Ricarda Huch, Wassermann. Groß ist die Zahl der angelsächsischen Autoren, die hervorragende Kriminalromane verfassten: Edgar Allan Poe, Dickens, Graham Greene, Agatha Christie und viele, viele andere.
Welche deutschsprachige Literatur seit 1945 wird in fünfzig Jahren noch gegenwärtig sein und welche vergessen? Deutsch-GK d13, Röntgen-Gymnasium Würzburg
Ich bitte, mich nicht zu zwingen, immer wieder dieselbe Frage zu beantworten. Ich bin zuständig für die Literatur der Vergangenheit und der Gegenwart. Ich bin nicht zuständig für die Literatur der Zukunft. Ich kenne auch niemanden, der dafür zuständig wäre.
Teilen Sie meine Auffassung, dass Schopenhauer - obwohl nicht Schriftsteller - zu den besten Stilisten deutscher Sprache gehört und darin viele zünftige Schriftsteller überragt? Dr. Helmut Eschweiler, Berlin
Reich-Ranicki: Jawohl, Schopenhauer gehört zu den besten deutschen Stilisten. Dass er aber kein Schriftsteller sei, überrascht mich. Woher kommt denn diese - ich bitte vielmals um Verzeihung - geradezu skurrile Ansicht?
Wie schaffen Sie es, den Stil Ihrer Texte so frisch und spritzig zu gestalten, dass sie nie langweilig wirken? Haben Sie Vorbilder? Gertraude Schön, Gelnhausen
Vorbilder? Vielleicht Tucholsky oder Polgar. Aber wichtiger noch: Ich gebe mir Mühe, viel Mühe.
Ihre Fragen schicken Sie bitte an Sonntagsfrage@faz.de oder Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Stichwort Sonntagsfrage, Mittelstraße 2-4, 10117 Berlin.
Text: F.A.S.
Bildmaterial: Anna Mutter