30. Januar 2008 Müssten Sie einen Deutsch-Sprachkurs leiten, welche Texte würden Sie den Teilnehmern vorstellen, damit auch sie sich in die deutsche Sprache verlieben? Anna Fomenko
Reich-Ranicki: Ich würde ihnen das eine oder andere Prosastück aus der von mir herausgegebenen Anthologie Meine Geschichten empfehlen, aber nur Prosastücke, die im zwanzigsten Jahrhundert veröffentlicht wurden.
In den fünfziger und sechziger Jahren begeisterten uns die Amerikaner Ernest Hemingway, Sinclair Lewis, Thornton Wilder, Thomas Wolfe, Tennessee Williams, Henry Miller. Wer wird überleben als Klassiker, wer nur als Teil der Literaturgeschichte? Michael Müller-Stüler
Reich-Ranicki: Ich weiß es nicht. Und nehmen Sie es mir bitte nicht übel - es interessiert mich nicht sonderlich. Ich bin weder Hellseher noch Prophet. Mir bereitet die Literatur der Gegenwart und der Vergangenheit genug Mühe, die Literatur der Zukunft muss ich meinen Kollegen überlassen. Sie mögen sich damit beschäftigen - wenn sie nichts Besseres zu tun haben.
Die Schweiz war im letzten Jahrhundert von einiger Bedeutung für die deutschsprachige Literatur. Wie beurteilen Sie die gegenwärtige und zukünftige Situation? Steffen Grupp, Zürich
Reich-Ranicki: Obwohl ich, wie gesagt, kein Hellseher bin, sehe ich die Zukunft der Schweizer Literatur durchaus optimistisch.
Warum soll ich Richard Ford lesen? Wolfgang Berning, Göttingen
Reich-Ranicki: Das weiß ich nicht, wohl aber weiß ich, dass Sie unbedingt Philip Roth lesen sollten und auch John Updike.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 27.01.2008, Nr. 4 / Seite 26
Bildmaterial: AP
