Fragen Sie Reich-Ranicki

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Schüler mögen kurze Texte

23. August 2007 In der Schule, in der ich unterrichte, ist es üblich, in der 10. Klasse die Nibelungensage zu lesen. Inhaltlich geht es darum, Begriffe wie Ehre, Achtung, Sippe direkt oder indirekt herauszuarbeiten. Kennen Sie ein modernes Buch, das in ähnlicher Weise Gruppenprozesse thematisiert? Zudem bin ich auf der Suche nach geeigneter Lektüre für meine 10. Klasse. Welche Werke der Literatur würden Sie vorschlagen? Alexander Erk

Marcel Reich-Ranicki: Nein, ich kenne kein Buch, das Probleme, zumal Gruppenprozesse, in ähnlicher Weise wie die Nibelungensage thematisiert. - Geeignete Lektüre für Ihre 10. Klasse ist nicht schwer zu finden. Da ich von den Schwierigkeiten der Lehrer weiß und wusste, habe ich Auswahlbände herausgegeben, die den Deutschlehrern die Arbeit erleichtern sollen.

Greifen Sie zunächst zum Band „Marcel Reich-Ranicki: Meine Geschichten von Johann Wolfgang von Goethe bis heute“, erschienen im Insel-Verlag, Frankfurt am Main. Das Buch bietet auf 650 Seiten Erzählungen, Novellen und Anekdoten aus drei Jahrhunderten. Sie müssen sich schon die Mühe machen und dieses Buch vom Anfang bis zum Ende lesen. Wählen Sie nicht die bedeutendsten Geschichten aus, sondern diejenigen, die Ihnen persönlich am besten gefallen, die Sie vielleicht entzücken und begeistern. Und versuchen Sie, den kürzeren Erzählungen den Vorzug zu geben. Ihre Schüler werden Ihnen dafür dankbar sein. Ich bin sicher, dass Sie in diesem Band genug Erzählungen für den Deutschunterricht bis zu Ihrer Pensionierung finden werden.

Mit der Lyrik für den Deutschunterricht können Sie genauso verfahren. Der Band, den ich für diesen Zweck herausgegeben habe, umfasst 268 Gedichte von 88 Autoren - von den Anfängen bis zur Gegenwart, von Walther von der Vogelweide bis zu Goethe, von Heine bis Brecht, von Erich Kästner bis Ernst Jandl, von Ingeborg Bachmann bis zu Sarah Kirsch.

Neben bekannten Versen finden sich hier viele unbekannte und neu zu lesende, einschließlich mancher Texte, die in der Regel in Lyrikanthologien nicht aufgenommen werden, wie Hans Leips Lied von Lili Marleen, wie „Allerseelen“ („Stell auf den Tisch die duftenden Reseden“) von Hermann von Gilm zu Rosenegg oder Georg Kreislers Chanson „Der Tod, das muß ein Wiener sein“.

Wie denn? In der Schule soll man Lili Marleen lesen? Ich weiß schon: Hölderlin ist etwas bedeutender als Hans Leip, „Hyperions Schicksalslied“ ist wirklich eine Spur besser als „Lili Marleen“. Aber Ihre Schüler werden auch bei den Versen von Hans Leip bestimmt nicht zu Schaden kommen. Übrigens: Wählen Sie auch aus den Gedichten, ähnlich wie aus den Geschichten, vor allem die kurzen aus. Es sind beinahe immer die schöneren.

Übrigens: Sie müssen sich auf der Suche nach geeigneten Gedichten für den Unterricht nicht unbedingt meines Auswahlbandes bedienen. Im S.-Fischer-Verlag ist ein Band „Das deutsche Gedicht vom Mittelalter bis zur Gegenwart“ erschienen, herausgegeben von meinem vorzüglichen Kollegen Wulf Segebrecht. Seine Auswahl weicht von meiner ziemlich stark ab, ist aber - ich sage es ganz ungeniert - ebenfalls hervorragend.

Und wie soll es mit den Romanen sein, mit den Dramen und den Essays? Darüber bei anderer Gelegenheit.

Ihre Fragen schicken Sie an Sonntagsfrage@faz.de oder Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Stichwort „Sonntagsfrage“, Mittelstraße 2-4, 10117 Berlin.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 19.08.2007, Nr. 33 / Seite 23

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