Naher Osten

Unter Beschuß seit Jahrzehnten

Von Hans-Christian Rößler, Nordisrael

01. August 2006 Das dumpfe Grollen aus der Ferne erinnert an ein abziehendes Gewitter. Die israelische Artillerie beschießt am Montag morgen trotz der Feuerpause Ziele im wenige Kilometer entfernten Südlibanon. Der Geschützdonner hat in den Straßen von Kirijat Schmona aber nur ein anderes Geräusch abgelöst: das feine Zischen, dem ein trockener Knall folgt.

Er ist nicht so laut, wie die Druckwelle vermuten läßt, die noch einen Häuserblock entfernt zu spüren ist, aber seine Wirkung nicht weniger verheerend. Die Geschosse durchschlagen dicke Betondecken und bohren sich tief in den Asphalt der Straßen. 120 Katjuscha-Raketen hatte die Hizbullah bis zum Sonntag abend auf die Stadt im äußersten Norden abgefeuert; es waren so viele wie an keinem anderen Kriegstag zuvor. Obwohl sich bis Montag mittag keine neuen Geschosse in den Asphalt bohren oder Häuserdächer durchschlagen, wagt sich kaum jemand vor die Tür. „Der Krieg geht weiter“, erwartet Samuel Malul.

„Es ist schlimm, aber Israel hat keine andere Wahl“

Im Bunker des Lagezentrums der Stadtverwaltung bringen die Mitarbeiter des stellvertretenden Bürgermeisters von Kirijat Schmona die handgeschriebene Statistik auf einer großen Wandtafel auf den neuesten Stand. Eine weitere Tausendermarke wurde überschritten: 4118 Raketen gingen bisher insgesamt in der Stadt nieder - seit dem 31. Dezember 1968, denn der Beschuß aus dem nahen Libanon begann schon vor fast vierzig Jahren. „Erst waren es die Palästinenser, dann die Hizbullah“, sagt der stellvertretende Bürgermeister Malul und nennt sachlich die Zahl der Toten (43) genauso wie die der beschädigten Autos (272).

„Es ist schlimm, aber Israel hat keine andere Wahl. Wenn es jetzt nichts unternähme, würde das Problem später nur noch größer“, sagt Malul. Drei Kriege hat der untersetzte Israeli im hellblauen Hemd schon in seiner Heimatstadt miterlebt. 25.000 Einwohner hatte sie vor dem Beginn der israelischen Offensive im Südlibanon. Jetzt sind es nur noch etwa 10.000. Die meisten von ihnen haben die Luftschutzkeller seit dem 12. Juli nur kurz verlassen, um zu Hause nach dem Rechten zu sehen oder kurz frische Luft zu schnappen, „Fast drei Tage im Bunker sind kein Picknick“, scherzt Samuel Malul.

Luisa Gnjer geht nur nachts in den Schutzraum ihres Altersheims. „A bisserl Angst“ habe sie schon, gibt die kleine, 83 Jahre alte Frau auf jiddisch zu. Aber sie wolle in der Nähe ihres Sohnes und der Enkelkinder in Kirijat Schmona bleiben, wohin sie schon vor vielen Jahren von der Krim ausgewandert ist; rund 700 Senioren in der Stadt stammen wie sie aus der früheren Sowjetunion oder anderen Ländern Osteuropas. Unter ihnen sind einige, die nicht noch einmal neu anfangen wollen. Selbst wenn wieder die Sirenen zu heulen beginnen, weigern sie sich, ihre Häuser zu verlassen: Sie wollten lieber zu Hause sterben als in der Ferne, sagen sie. Geblieben sind auch viele Einwohner, die nicht genug Geld haben, um in den sicheren Süden zu gehen.

Sorgen um die Kinder

„Am schrecklichsten ist, wenn uns Leute aus Jerusalem und anderswo anrufen und uns bitten, daß wir uns um ihre Kinder kümmern“, sagt Chani Ben Schabat, die Sozialarbeiterin des Altenzentrums, in dem Luisa Gnjer wohnt. Auch sie und ihre freiwilligen Helferinnen haben sich ein Lagezentrum in einem bombensicheren Raum eingerichtet. Als die Hizbullah im Jahr 2000 zum letzten Mal die Stadt mit Raketen beschoß, wurde das Gebäude zweimal getroffen. Von ihrem Sicherheitsraum hinter einer dicken Stahltür aus sorgt die junge Frau dafür, daß mehrere hundert Alte täglich etwas zu essen nach Hause gebracht bekommen und sich jemand um den pflegebedürftigen Mann kümmert, dessen philippinische Pflegerin vor den Katjuscha-Angriffen geflohen ist. An diesem Vormittag hat Chani Ben Schabat dazu noch mit einer kleinen Meuterei zu kämpfen. Eine israelische Hilfsorganisation hatte vor einer Woche hundert Senioren in ein Hotel in Jerusalem eingeladen, damit sie sich etwas erholen konnten. Jetzt weigern sich die Gäste, nach Hause zurückzukehren, um einer neuen Gruppe Platz zu machen.

Mit dieser Art von Stress kommt die Sozialarbeiterin zurecht. „Ich funktioniere besser, wenn ich anderen helfen kann“, erläutert sie ihre Überlebensstrategie. Sorgen macht sie sich dagegen darum, wie ihre fünf Jahre alte Tochter durch den Krieg kommt. Ähnlich geht es den Eltern im Bunker mit der Nummer 505. Er liegt in einer Plattenbausiedlung am Hang oberhalb des Stadtzentrums. Kirijat Schmona gehört zu den sogenannten Entwicklungsstädten in Israel. In schwierigen Gegenden wie der Negev-Wüste oder in der Nähe der immer wieder umkämpften Grenze zum Libanon wurden viele Neueinwanderer angesiedelt. Zwei unterirdische Räume, groß wie Klassenzimmer, sind seit Kriegsbeginn das Zuhause für 42 Menschen aus dem Viertel. 26 von ihnen sind Kinder, das jüngste von ihnen ist zehn Monate alt. Seit mehr als zwei Wochen lassen ihre Eltern sie nur auf die Straße, wenn es gar nicht anders geht. Deshalb zieht ein Junge auf seinem Fahrrad mit Stützrädern eben dort unten, vor den frisch geweißelten Wänden, die mit Comicfiguren und roten Herzen bemalt sind, seine Runden. Die Erwachsenen beschimpfen gleichzeitig einen Mitarbeiter der Stadtverwaltung, daß es nur einen Fernseher gibt. Die Kinder brauchten dringend einen eigenen, sagen sie.

„Eine Geisterstadt“

Die Erwachsenen sind unzufrieden, weil sie auch nicht aus dem Bunker herausdürfen, um Geld zu verdienen. Denn das „Heimatfront-Kommando“ hat angeordnet, daß alle in den Schutzräumen bleiben müssen, die nicht in kriegswichtigen Betrieben wie einer Großbäckerei oder bei einem Mineralwasserhersteller beschäftigt sind. „Dies ist eine Geisterstadt. 95 Prozent der Arbeitsstellen sind geschlossen. Selbst wenn die Fabriken bald wieder öffnen sollten, könnten noch härtere Zeiten bevorstehen“, befürchtet Yona Partok vom Arbeiterrat der Stadt: Einige Arbeitgeber könnten versuchen, die Angestellten zu entlassen, die in den vergangenen Wochen nicht zur Arbeit kamen. Immerhin will die Regierung ihnen jetzt einen Teil des Lohns für die Tage zahlen, an denen sie nicht aus den Bunkern herausdurften.

Obwohl der Montag so friedlich wie selten begann, blieben die meisten in den Schutzräumen. Schon am frühen Nachmittag bestätigte erst ein Zischen und dann ein Knall ihre Vorahnung: Wieder schlugen Raketen in der Gegend von Kirijat Schmona ein. Viele in den Bunkern werden in nächster Zeit ohnehin nicht nach Hause zurückkehren können. 200 Wohnungen haben die Katjuscha-Raketen im Ort schon beschädigt oder zerstört.

Text: F.A.Z., 01.08.2006, Nr. 176 / Seite 3
Bildmaterial: F.A.Z.

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