Auf den Gang der Dinge im Irak hatte der gefangene Saddam Hussein keinen Einfluss mehr; dasselbe gilt für den toten. Einst hatten die Iraker in steter Furcht vor seinen Geheimdiensten gelebt, heute leben sie in Angst vor dem Bürgerkrieg. Unverändert bleibt ihr Leiden. Heute schickt eine andere Regierung Todesschwadronen aus. Menschen verschwinden nachts, bei Tag findet man ihre verstümmelten Leichen. Im vergangenen Jahr wurden 16.273 Iraker aus politischen und konfessionellen Motiven getötet. Im Dezember lag die Zahl der Opfer dreimal höher als im Januar.
Saddam Hussein und die aufgelöste Baath-Partei spielten dabei keine Rolle mehr. Am Alltag der Gewalt wird auch sein Tod daher nichts ändern. Im Mittelpunkt der Aufständischen hatten Saddams Anhänger bis Ende 2003 gestanden. Vor seinem Sturz hatte Saddam Anweisungen für einen Guerrillakrieg gegen die Besatzungsarmee erlassen. Ehemalige Mitglieder der Baath-Partei sammelten sich in der Armee Muhammads und griffen überwiegend militärische Ziele an. Seit Anfang 2004 gaben aber die dschihadistischen Selbstmord- und Entführungskommandos um Zarqawi den Ton an. Neue irakisch-nationalistische Terrorgruppen eiferten Zarqawi nach. Mit dem Anschlag auf die Moschee in Samarra, die den Schiiten heilig ist, glitt das Land von Februar 2006 an endgültig in einen Bürgerkrieg.
Neue Wunden
Keine der zahlreichen neuen Terrorgruppen beruft sich noch auf Saddam Hussein und die Baath-Partei. Saddams Parteigänger sind in anderen Gruppierungen aufgegangen, beispielsweise in der Islamischen Armee des Iraks. Die Baath-Partei selbst hat schon seit zwei Jahren keinen bedeutenden Anschlag mehr verübt; auch nicht nach der Verkündung und Vollstreckung des Todesurteils gegen ihren Führer. Nur noch wenige wollen im Irak und außerhalb ihr Tun mit Saddam Hussein legitimieren.
Dennoch kompliziert sein Tod durch den Strang die Politik im Irak und in der arabischen Welt. Dass zum ersten Mal ein sunnitischer Diktator hingerichtet wurde - und das auch noch durch die Hand einer schiitischen Regierung -, reißt neue Wunden auf. Unter Saddam hatten die Sunniten die Schiiten gedemütigt. Nach Saddam demütigen die Schiiten ihre einstigen Unterdrücker. Ausgesprochen wurde das Todesurteil nach dem Prozess wegen des Massakers im schiitischen Dorf Dudscheil. Der Eindruck entstand, dass Saddam allein wegen seiner Verbrechen gegen die Schiiten hingerichtet wurde. Weniger wichtig schienen der schiitischen Rachejustiz die Verbrechen gegen Kurden und Sunniten zu sein, ebenso die Überfälle auf Iran und Kuweit.
In Erinnerung bleibt das letzte Wortgefecht
Das irakische Sondertribunal ermöglichte weder einen fairen Prozess noch die Aufarbeitung der großen Verbrechen Saddams gegen die Menschlichkeit. Auf Drängen des schiitischen Ministerpräsidenten Maliki wurde das Todesurteil vollstreckt, als die Sunniten den ersten Tag ihres Opferfestes feierten, der ihnen als Tag der Vergebung heilig ist. Die Schiiten begehen das Opferfest erst einen Tag später. Nun besteht die Gefahr, dass der Despot im Nachhinein zu einem Märtyrer der sunnitischen Araber im Kampf gegen den schiitischen Islam verklärt wird.
Den Versöhnungsprozess fördern die Umstände der Hinrichtung Saddams nicht. Gelingen wird er nur, wenn die beiden wichtigsten Theologen ihn unterstützen: der schiitische Großajatollah Sistani und der sunnitische Geistliche Harith al Dhari. Dessen Vereinigung der muslimischen Rechtsgelehrten hat die Hinrichtung Saddams aber als politische Tat und als Provokation für die Sunniten verurteilt. In Erinnerung bleibt den Sunniten das letzte Wortgefecht Saddams mit einem seiner Henker, der sich als Anhänger des radikalen Schiitenpredigers Muqtada al Sadr zu erkennen gab. Sadr befehligt jene Miliz, die die Sunniten am meisten fürchten. Sadr ist auch die wichtigste Stütze der Regierung Maliki.
Überhastete Vollstreckung
Unter diesen Umständen ist auch der Versuch der Regierung Maliki zum Scheitern verurteilt, Offiziere aus Saddams Armee und Polizei zur Rückkehr in den Dienst zu bewegen. Gering ist deren Neigung, sich einer Regierung zu unterstellen, die sich überwiegend auf die politisierten Milizen der großen schiitischen Parteien stützt. Tatsächlich braucht der Irak nichts dringender als eine die Konfessionen und Ethnien zusammenschweißende Armee. Maliki aber ist daran nicht interessiert und stützt sich weiter auf die Milizen.
Dabei fällt das Ansehen seiner Regierung von Monat zu Monat. Im November benoteten in einer Umfrage des einzigen irakischen Meinungsforschungsinstituts mehr als neunzig Prozent der Iraker, die in Bagdad, der sunnitischen Provinz Anbar und der schiitischen Stadt Nadschaf befragt wurden, die Arbeit der Regierung mit sehr schlecht. Gespräche sind zwischen Bagdad und Washington im Gange, Maliki durch einen tatkräftigeren schiitischen Politiker zu ersetzen. Mutmaßlich war die überhastete Vollstreckung des Todesurteils auch ein Versuch Malikis, sich zumindest unter den Schiiten wieder Popularität zu verschaffen.
Hohl klingen vor diesem Hintergrund Malikis Appelle an die Sunniten, sich dem politischen Prozess anzuschließen. Was immer er seit seinem Regierungsantritt getan hat, brachte dem Irak nicht mehr Stabilität, sondern mehr Gewalt. Leidtragende sind die Iraker. Auch den Westen muss die jüngste Entwicklung beunruhigen, denn immer deutlicher trägt der Irak Züge eines instabilen, gescheiterten Staates, in dem sich sunnitische Aufständische und schiitische Todesschwadronen - beide definieren sich in zunehmendem Maße islamistisch - gnadenlos bekriegen. Ganz ohne Saddam Hussein.
Text: F.A.Z., 03.01.2007, Nr. 2 / Seite 1
Bildmaterial: AFP, AP, dpa