Kommentar

Vision für Nahost

Von Matthias Rüb

Bush am am See Genezareth: “Ein Mann tiefen Glaubens“

Bush am am See Genezareth: "Ein Mann tiefen Glaubens"

11. Januar 2008 Er meint es ernst. George W. Bush hatte seine erste Reise als Präsident ins Heilige Land noch nicht beendet, da kündigte er schon die nächste an. Mindestens einmal noch, wenn es nottue, auch öfter, werde er in diesem Jahr in den Nahen Osten kommen. Denn bis zum Ende seiner Amtszeit in gut einem Jahr wolle er einen Vertrag zwischen Israel und den Palästinensern über einen künftigen Staat Palästina abschließen.

Diese Hoffnung ist verwegen, und das Samenkorn der Zuversicht, das Bush auf seiner Reise durchs Gelobte Land scheinbar unbekümmert ausgebracht hat, fällt auf einen Boden, auf dem seit Jahrzehnten nur Hass und Verzweiflung, Pessimismus und Zynismus gedeihen. Die Zweifel sind gewichtig. Warum soll Bush, dem in der arabischen Welt und von den meisten Palästinensern bestenfalls Misstrauen, verbreitet auch offener Hass entgegengebracht wird, in den letzten zwölf Monaten seiner Amtszeit gelingen, was seinen Vorgängern in Jahren nicht glückte?

Der künftige Staat Palästina ist schon vor seiner Gründung in zwei Teile zerfallen, in denen bitter verfeindete Fraktionen herrschen. Im Weißen Haus hat man nun die Idee, das von den Moderaten um Präsident Abbas kontrollierte Westjordanland mit massiver Finanzhilfe zu einer Art Schaufenster des besseren Lebens zu machen, das dann auch die Menschen im Gazastreifen aus dem eisernen Griff der radikalislamischen Hamas lösen und in die offenen Arme der Gemäßigten treiben werde. Nur müsste dazu erst eine Unkultur des Hasses überwunden werden, für welche der Tod des Todfeindes ein höheres Gut ist als das eigene Leben, selbst wenn es ein besseres wäre.

„Ein Mann tiefen Glaubens“

Oft ist Präsident Bush der Naivität, ja der Dummheit geziehen worden, weil er angeblich ohne Kenntnis der örtlichen Begebenheiten dem Nahen und dem Mittleren Osten seine uramerikanische Vision von der Freiheit als transformierender Geschichtskraft aufgepfropft habe.

Tatsächlich ist Bush, wie er bei seinem Besuch der Geburtskirche Jesu Christi in Bethlehem bekräftigte, ein „Mann tiefen Glaubens“, und seinen Glauben an die „Universalität der Freiheit“ als Gottesgeschenk an jedes Menschenkind hat er gerade im Land der drei großen monotheistischen Weltreligionen ohne Scham vor sich hergetragen. Das mag vielen als Dickköpfigkeit erscheinen, die vom drohenden oder auch schon manifesten Misserfolg nicht angefochten wird.

In dieser Glaubensfestigkeit, die wie jeder Glaube gewiss auch ihre Anfechtung kennt, befahl Bush Ende 2006 gegen immensen politischen Widerstand die Truppenaufstockung im Irak, um die von Planungsfehlern seiner eigenen Regierung schwer beschädigte Vision von einem Leuchtturm der Freiheit und Demokratie im Mittleren Osten doch noch zu retten. Und siehe da, das Zweistromland konnte vor dem Sturz in den Abgrund eines ausufernden Bürgerkriegs bewahrt und auf den unsicheren Pfad der Stabilisierung geleitet werden. Immerhin ist der Ausgang des Krieges im Irak nun wieder offen. Eine verlorene Sache, wie es noch vor Jahresfrist schien, ist er nicht mehr.

Einsatz verdoppelt

Mit der gleichen Geisteshaltung bringt Bush sein geschrumpftes politisches Gewicht ins Ringen um einen historischen Friedensschluss im Nahen Osten ein. Mit allem, was ihm bleibt, verdoppelt er gleichsam den Einsatz - bei unverändert geringer Gewinnchance. Das politische Risiko ist groß, denn wenn es bis zu seinem Auszug aus dem Weißen Haus nicht zum angekündigten Vertragsschluss zwischen Israel und den Palästinensern kommt, wird Bushs Vermächtnis in einer geostrategisch hochsensiblen Region aus einem missratenen Krieg und einem gescheiterten Frieden bestehen.

Ob es doch noch zu einem Erfolg an beiden Fronten des von Bush im Heiligen Land immer wieder beschworenen Epochenkampfes zwischen der Ideologie des Hasses und dem Glauben an die Freiheit kommt, kann niemand voraussagen. In einer zuvor nicht geplanten Erklärung zu den Ergebnissen seiner Gespräche mit der israelischen und der palästinensischen Führung forderte Bush am Donnerstag in Jerusalem „ein Ende der 1967 begonnenen Besatzung“, weil anders der angestrebte „lebensfähige, zusammenhängende, souveräne und unabhängige Staat Palästina“ nicht geschaffen werden könne. Damit und mit der Metapher, dass die Landkarte des künftigen Staates Palästina nicht „wie ein Schweizer Käse“ aussehen dürfe, machte Bush klar, dass die meisten jüdischen Siedlungen im Westjordanland geräumt werden müssen. Zudem ließ Bush keinen Zweifel daran, dass man den Palästinensern ihren Traum von (Ost-)Jerusalem als der Hauptstadt ihres künftigen Staates nur um den Preis eines endlos fortgesetzten Kriegszustands nehmen könne.

Bei aller Skepsis, ob diesen klaren, aber auch nicht ganz neuen Worten Taten folgen würden, fanden diese Äußerungen Bushs immerhin einen wohlwollenden Widerhall bei den Palästinensern im Westjordanland. Bei den Israelis hörte man mit Genugtuung, dass „Sicherheit fundamental ist“ und dass kein „Staat Palästina aus dem Terror geboren werden“ kann.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa

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