Libanon

Hizbullahs Kampf um Sympathien

Von Rainer Hermann, Beirut

Erste Kritik trotz großer Anhängerschaft: Libanesin mit Nasrallah-Bild

Erste Kritik trotz großer Anhängerschaft: Libanesin mit Nasrallah-Bild

05. September 2006 Im Krieg waren die Kämpfer der Hizbullah noch die gefeierten Helden. Seit dem Waffenstillstand befindet sich die „Partei Gottes“ in der Defensive.

Solange israelische Flugzeuge libanesische Städte bombardiert hatten und sich Flüchtlingsmassen aus den bombardierten Regionen nach Norden wälzten, solidarisierten sich nahezu alle politischen Gruppen im Libanon mit der Hizbullah. Der gemeinsame Widerstand gegen Israel überlagerte alle anderen Kontroversen. Die Hizbullah feiert sich zwar noch immer als Sieger des Kriegs gegen Israel. Es zeichnet sich indessen ab, daß ihre politischen und militärischen Verluste größer sind, als sie glauben machen will.

Vorwurf der Eigenmächtigkeit

Meinungsverschiedenheiten mit säkularen Schiiten: Hizbullah-Führer Nasrallah

Meinungsverschiedenheiten mit säkularen Schiiten: Hizbullah-Führer Nasrallah

Sie mußte sich mit ihren Waffen bereits von der Grenze zu Israel auf den Streifen nördlich des Litani-Flusses zurückziehen. Ihre Stellungen übernehmen 15.000 Soldaten der libanesischen Armee, zudem werden 8600 libanesische Soldaten die Grenze zu Syrien kontrollieren. Erfüllt wird damit, wenn auch spät, ein weiterer Teil der Resolution 1559, die der UN-Sicherheitsrat im September 2004 verabschiedet hat. Nicht länger kann die Hizbullah also aus dem Grenzgebiet Katjuscha-Raketen auf Israel abschießen. Ferner werden die libanesische Armee und Einheiten der UN-Friedenstruppe Unifil die Land- und Seegrenzen überwachen. Dabei sollen sie den Waffenschmuggel für die Hizbullah verhindern.

Zu den militärischen Verlusten kommen politische. Alle politischen Lager jenseits der Schiiten - ausgenommen das des christlichen Oppositionsführers Aoun - werfen der Hizbullah heute vor, eigenmächtig und ohne Abstimmung mit anderen den Krieg mit Israel vom Zaun gebrochen zu haben. Von der Hizbullah wollen sie nun wissen, was ihre Entführung der zwei israelischen Soldaten vom 12. Juli dem Libanon gebracht habe.

Israelische Blockade schwächt libanesische Regierung

Die Sozialwissenschaftlerin Amal Saad-Ghorayeb von der Libanesisch-Amerikanischen Universität wirft diesen syrienkritischen „Kräften des 14. März“, die seit der Parlamentswahl von 2005 die Mehrheit stellen, allerdings vor, damit Israel in die Hände zu spielen, den Interessen des Libanons aber zu schaden. Die Wunden der Hizbullah führten nicht zu deren Schwächung, argumentiert sie. Als Beleg zitiert die Sozialwissenschaftlerin die jüngste Umfrage des konservativen christlichen Forschungsinstituts Ipsos. Das habe ermittelt, daß sich weiter 85 Prozent der Schiiten für eine Bewaffnung der Hizbullah aussprächen, sagt Frau Saad-Ghorayeb, die selbst säkulare Schiitin ist und viele Jahre über die Hizbullah geforscht hat.

Als Rückschlag für die Hizbullah, nicht aber für die Schiiten wertet dagegen Michel Touma, innenpolitischer Experte der Zeitung „L'Orient Le Jour“, den Ausgang des Kriegs. Die vergangenen Wochen hätten klargemacht, daß der Libanon nicht ohne und schon gar nicht gegen eine der großen Bevölkerungsgruppen wie der Schiiten, Sunniten, Christen und Drusen regiert werden könne. Westliche Diplomaten fürchten indes, daß eine Fortsetzung der israelischen Blockade die Regierung von Ministerpräsident Fuad Siniora wieder schwächen und den Handlungsspielraum der Hizbullah erweitern werde.

Armee hat Sympathien für Widerstand

Wegen der Luftblockade unterliegen alle Flüge nach Beirut einer Genehmigung Israels. Jedes Flugzeug muß in Amman zwischenlanden, wo es inspiziert wird. Weiter ist die Seeblockade in Kraft. Das Embargo gilt als Druckmittel Israels, seine beiden von der Hizbullah entführten Soldaten freizubekommen. Die Libanesen freilich fühlen sich dadurch von der Außenwelt abgeschnitten; sie haben den Einruck, daß alle Wege nach draußen versperrt sind. Zum Erliegen kommt der Handel des Transitlands. Die Hizbullah verschafft sich derweil neue Sympathien, indem sie Geld an Libanesen auszahlt, damit sie Kriegsschäden an ihrem Besitz beseitigen können.

Als wichtigstes Ergebnis des Kriegs bezeichnet der Publizist Antoine Constantine, daß die libanesische Armee erstmals seit 1969 wieder die Grenze zu Israel kontrolliert. Damals hatten sich dort Einheiten der palästinensischen Fatah festgesetzt. Die Hizbullah löste sie nach der israelischen Invasion von 1982 ab. Die Sozialwissenschaftlerin Saad-Ghorayeb weist darauf hin, daß die Armee als Institution dem Widerstand der Hizbullah durchaus Sympathie entgegenbringe. Als die ersten Soldaten in den Süden entsandt worden waren, habe die Armee erklärt, sie würde sich „den Brüdern des Widerstands anschließen“, sagt Frau Saad-Ghorayeb. Israel hat es wohl daher abgelehnt, daß libanesische Soldaten unmittelbar entlang der Grenze stationiert werden. Außer im Gebiet der von Israel besetzten Shebaa-Farmen werden dort Unifil-Soldaten patrouillieren.

Einfluß Teherans nimmt zu

Die Kontroverse um die Sicherung der Seegrenzen durch die deutsche Marine hat erstmals Meinungsverschiedenheiten zwischen den beiden größten Vertretungen der Schiiten zum Vorschein gebracht, der islamistischen Hizbullah und der säkularen Amal. Dennoch sieht Frau Saad-Ghorayeb weiterhin eine große Nähe zwischen beiden. Vor der Ermordung von Rafik al Hariri im Februar 2005 hatte es zwischen den zwei Rivalen noch viel böses Blut gegeben. Seither arbeiten sie beispiellos zusammen, und während des Kriegs spielte der Amal-Chef Berri sogar die Rolle des Hizbullah-Sprechers. Frau Saad-Ghorayeb schließt nicht aus, daß die Annäherung in eine Fusion der beiden Parteien mündet.

Daß die Hizbullah islamistisch geprägt sei, stelle dabei keine Hürde dar, denn in der praktischen Politik gebe sich die Hizbullah säkular. Zudem erkennt die Sozialwissenschaftlerin zwischen Nasrallah und Berri eine Arbeitsteilung: Nasrallah sei im Frühjahr 2005 in die Rolle des unbestrittenen Führers der libanesischen Schiiten hineingewachsen, während Berri weniger als konfessioneller Führer denn als Vertreter der Staatsmacht wirke.

Bestätigt habe der Krieg der Hizbullah gegen Israel, daß Iran im Nahen Osten nun ein wichtiger Akteur sei, bilanziert Constantine. Er erwartet, daß der Einfluß Teherans auf die Politik, Wirtschaft und Gesellschaft des Libanons weiter zunimmt. Das werde zu neuen Spannungen führen, fürchtet auch der Journalist Touma. Iran stehe hinter der Hizbullah, die Regierung Siniora werde indes von der sunnitisch-arabischen Welt unterstützt. Die innerlibanesischen Konfliktlinien wird das um eine regionale Komponente erweitern. Wie stark die Schiiten verbittert sind, läßt Frau Saad-Ghorayeb durchblicken. Selbst die zugesagten großzügigen Wiederaufbauhilfen von arabischen Staaten wie Saudi-Arabien und Qatar können nicht vergessen machen, daß sie mit ihrer Kritik zum „Abenteurertum“ der Hizbullah dieser in den Rücken gefallen seien, sagt die Schiitin.

Text: F.A.Z., 06.09.2006, Nr. 207 / Seite 3
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa

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