04. August 2006 Die Initiativen zur diplomatischen Beilegung des Libanon-Krieges kommen immer wieder auf Iran und Syrien zurück. Zuletzt hat Außenminister Steinmeier angeregt, in die Friedensbemühungen stärker die syrische Regierung einzubeziehen, die als Schutzmacht der Hizbullah gilt. Und die französische Regierung scheint sich einiges davon zu versprechen, über Teheran Einfluß auf diese Miliz zu gewinnen, die Israel weiterhin mit Raketen beschießt. Westliche Geheimdienste und Nahost-Fachleute haben allerdings Zweifel, daß sich die Hizbullah von den beiden Regierungen steuern läßt. Vor allem Syrien soll in jüngster Zeit deutlich an Einwirkungsmöglichkeiten verloren haben.
Auf den ersten Blick scheint vor allem der iranische Einfluß auf die Hizbullah gewaltig. Ohne die jahrelange finanzielle und militärische Hilfe aus Teheran wäre die Miliz heute kaum in der Lage, Israel mit Raketenbeschuß zuzusetzen. Anthony Cordesman, ein anerkannter Militärfachmann am Center for Strategic and International Studies“ in Washington, schätzt, daß die Hizbullah aus Iran jährlich Hilfe im Gegenwert von 25 bis 50 Millionen Dollar erhält.
Mehr als 10.000 Katjuscha-Raketen
Besonders umfangreich sind die Waffenlieferungen: Mehr als 10.000 Katjuscha-Raketen soll die Hizbullah von Iran erhalten haben. Rund 2000 dieser Waffen haben ihre Kämpfer in den vergangenen Tagen auf Israel abgefeuert. Die Katjuschas, die nur eine kurze Reichweite von 19 bis 28 Kilometer haben, sind Terrorwaffen“ im klassischen Sinne. Ihre Zielgenauigkeit ist so gering, daß sie für präzise Schläge kaum zu verwenden sind und sich daher am besten für willkürlichen Beschuß eignen, um unter der Zivilbevölkerung Angst und Schrecken zu verbreiten.
Genauso bedeutend ist, daß Iran der Hizbullah zunehmend auch Raketen mit längeren Reichweiten zur Verfügung stellt. Das hat in Israel zur Befürchtung geführt, daß bald auch südlicher gelegene Städte wie Tel Aviv beschossen werden könnten. Erste Einschläge, die auf Reichweiten von bis zu 70 Kilometern hindeuten, hat es im Norden des Landes schon gegeben.
Großajatollah Chamenei als spiritueller Führer
Über die Typen und genauen Eigenschaften dieser Waffen gibt es nur Mutmaßungen. Iran soll verschiedene ungelenkte Raketen mit Reichweiten zwischen 40 und 120 Kilometern oder sogar mehr produzieren. Militärfachleute halten es für möglich, daß die Hizbullah zwischen 20 und 120 dieser Raketen erhalten hat.
Außerdem hat Iran der Gruppe anscheinend Drohnen zur Überwachung des nordisraelischen Luftraums und womöglich eine Antischiffsrakete zur Verfügung gestellt. Darauf weist zumindest die Versenkung eines Schiffs der israelischen Marine Mitte Juli hin.
Hinzu kommt die weltanschaulich-religiöse Nähe zwischen der schiitischen Hizbullah und der schiitischen Führung in Teheran. Volker Perthes, der Direktor der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik, sagt, daß Hizbullah-Führer Nasrallah das religiöse Oberhaupt Irans, Großajatollah Chamenei, als spirituellen Führer“ anerkenne. Vor allem die Feindschaft gegen Israel und den Zionismus schafft anscheinend eine große ideologische Nähe zwischen beiden Führungen.
Hizbullah nimmt keine Anweisungen entgegen
Da all das seit langem bekannt ist, wurde zu Beginn der Auseinandersetzung in der Bundesregierung, wie in anderen westlichen Hauptstädten auch, ernsthaft darüber nachgedacht, ob die Hizbullah womöglich im Auftrag Irans die beiden israelischen Soldaten entführt hat. Immerhin schien es plausibel, daß Iran versuchen könnte, durch die Eröffnung einer zweiten Front“ den Druck des Westens im Atomstreit abzumildern. Auch Syrien, so lautete eine verbreitete Arbeitsthese, könnte ein Interesse daran haben, von den immer noch nicht abgeschlossenen Ermittlungen im Mordfall Hariri abzulenken, die das Land international in große Bedrängnis gebracht haben.
Mittlerweile hat sich in Berlin aber die Einschätzung durchgesetzt, daß die Hizbullah wohl nicht im Auftrag gehandelt hat. Nach dem Kenntnisstand westlicher Regierungen konsultiert die Hizbullah in allen wesentlichen strategischen Fragen zwar die iranische Führung, nimmt wohl aber keine konkreten taktischen Anweisungen zum Vorgehen im Libanon oder gegen Israel entgegen.
Grundsatzentscheidung mit Teheran abgestimmt?
Als wahrscheinlich gilt, daß die Gruppe die Grundsatzentscheidung zur Entführung israelischer Soldaten mit Teheran abgestimmt hat, sich dabei aber von eigenen Zielen leiten ließ. Schon seit mehr als einem Jahr versucht die Hizbullah konsequent, sich neue Mittel zur Freipressung arabischer Gefangener aus israelischer Haft zu verschaffen.
Es ist bekannt, daß in der Führung der Miliz Ende vergangenen Jahres die Einschätzung bestand, daß bei einer erfolgreichen Entführung israelischer Soldaten zwar zunächst mit einer harten Reaktion Israels zu rechnen sei, es dann aber zu (indirekten) Verhandlungen kommen müsse, da es Israel sich nicht leisten könne, seine Soldaten zu opfern. Daß Israel der Hizbullah immer wieder signalisieren ließ, daß neue Entführungen nicht hingenommen würden, nahm die Führung der Gruppe anscheinend nicht ernst.
Syrien seit Truppenrückzug ohne großen Einfluß
Noch geringer sind anscheinend die Einflußmöglichkeiten Syriens auf die Hizbullah. Hafiz al Assad, der frühere Staatspräsident, hatte die Gruppe lange als Machtinstrument zu nutzen gesucht, mit dem er im Nachbarland Realpolitik betreiben kann. Aus dieser Zeit haben sich regelmäßige Treffen in Damaskus und Absprachen syrischer Stellen mit der Hizbullah erhalten.
Der junge Baschar al Assad, Sohn von Hafiz und heute Staatspräsident, hat es nun aber mit dem Hizbullah-Führer Nasrallah zu tun, der sich als Kleriker versteht und sich nach Einschätzung von Fachleuten nicht von der syrischen Führung kontrollieren läßt. Vor allem verfügt Assad kaum noch über materielle Mittel zur Kontrolle der Miliz, seit die syrischen Soldaten und Nachrichtendienste im April aus dem Libanon abgezogen sind. Es gibt jetzt keine syrische Armee mehr, die der Hizbullah sagen kann: Das macht ihr nicht“, sagt der Nahost-Forscher Perthes.
Rätsel gibt bis heute das zeitliche Zusammentreffen der Eskalation im Gazastreifen und im Libanon auf. Daß die palästinensische Hamas und die libanesische Hizbullah fast gleichzeitig israelische Soldaten verschleppten, wirkte anfangs wie der abgesprochene Versuch, Israel in einen Zwei-Fronten-Krieg zu verwickeln.
Kaum Kooperation mit der Hamas
Da der radikale Hamas-Führer Meschal außerdem im Exil in Damaskus sitzt, kam der Verdacht auf, die syrische Führung habe auch hier ihre Finger im Spiel. Die meisten Fachleute haben aber inzwischen Zweifel an der These vom abgestimmten Vorgehen. Perthes sieht die Entführung des israelischen Soldaten in den Gazastreifen als Ausdruck eines Machtkampfes innerhalb der Hamas und verweist darauf, daß diese eine sehr palästinensisch geprägte, lokale Partei sei.
Ein Mann wie Meschal nehme keine Befehle der syrischen Regierung entgegen. Auch für gemeinsam geplante Aktionen von Hamas und Hizbullah scheint wenig zu sprechen. Zwar ist bekannt, daß sich Vertreter der beiden Gruppen regelmäßig in Damaskus treffen, um sich über mittel- und langfristige Vorhaben auszutauschen. Konkrete Hinweise, daß es im Fall der Entführungen zu einer Koordinierung kam, liegen westlichen Regierungen derzeit aber nicht vor.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung
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