Zerstörter Libanon

Sieg im Aufbaukampf

Von Markus Bickel

In den Vorstädten Beiruts verteilt die Hizbullah Geld für den Wiederaufbau

In den Vorstädten Beiruts verteilt die Hizbullah Geld für den Wiederaufbau

21. August 2006 Im Büro von Mohammed Basi geht es geschäftig zu. Drei Männer füllen auf dem niedrigen Wohnzimmertisch in der Mitte des nur mit zwei Sesseln, zwei Sofas und einigen Stühlen ausgestatteten Zimmers Formulare aus. An der Wand gegenüber dem großen Fenster hängt ein gerahmtes Foto des iranischen Revolutionsführers Ayatollah Khomenei. Zwei Männer nehmen Anrufe entgegen, und auch Basi, der Direktor der Wiederaufbauorganisation der Hizbullah (Partei Gottes) in der südlibanesischen Hafenstadt Tyrus wird von immer neuen Telefonaten unterbrochen. „Seitdem wir das Büro am Samstag eröffnet haben, haben sich schon ungefähr 120 Leute bei uns gemeldet“, sagt Basi. Dschihad al-Binaa (Baukampf) heißt die Organisation, die die von Hizbullah-Generalsekretär Nasrallah versprochene Hilfe beim Wiederaufbau der im Krieg zerstörten Häuser koordiniert. „Jeder, der Unterstützung braucht, kann sich bei uns melden - unabhängig davon, ob er Hizbullah-Mitglied, Schiit, Sunnit oder Christ ist.“

In den schiitisch dominierten südlichen Beiruter Vorstädten fing die Vergabe von Geld an Besitzer und Bewohner beschädigter oder zerstörter Wohnungen schon unmittelbar nach Beginn des Waffenstillstandes zwischen Israel und dem Libanon am vergangenen Montag an. In den kommenden Tagen sollen die Entschädigungsleistungen auch in den südlibanesischen Gebieten, die neben Südbeirut am heftigsten von den israelischen Luftangriffen und Bodenattacken betroffen waren, an Schwung gewinnen.

Schiiten waren immer benachteiligt

Basis Team hat schon in den vergangenen Tagen bei Rundgängen durch die Hafenstadt eine erste Bestandsaufnahme der Schäden vorgenommen. „Es sind etwa 35 bis 40 Häuser zerstört worden“, sagt der junge Mann mit dem typischen, fein säuberlich gestutzten Vollbart der Schiiten. „Ungefähr achtzig Prozent der Leute, die von den Angriffen betroffen waren, haben sich bereits bei uns gemeldet.“ In der kommenden Woche würden Ingenieure und andere Fachleute die Schäden im Einzelnen begutachten, um die genaue Höhe der Entschädigungsleistungen festzulegen. Nicht nur in Tyrus, auch in den umliegenden Gemeinden sollten in den kommenden Tagen Büros des „Baukampfes“ eröffnet werden.

„Wir stellen keine Konkurrenz zu den staatlichen Institutionen dar“, weist Basi Vorwürfe zurück, seine Partei versuche, nach Ende des Krieges mit Israel die zuständigen staatlichen Stellen an den Rand zu drängen. „Wir würden uns sehr freuen, wenn der Staat beim Wiederaufbau mithelfen würde - leider sind seine Vertreter in Tyrus aber bislang nicht angekommen.“ Die Hizbullah könne nicht darauf warten, daß von der Regierung in Beirut bezahlte Beamte die riesigen Zerstörungen beheben: „Wenn der Wiederaufbau schnell vonstatten geht, ist das für uns wie ein zweiter Sieg.“

Das Gefühl, man könne sich nicht auf die staatlichen Stellen verlassen, haben viele Menschen im Südlibanon. Die Schiiten hier waren in der Vergangenheit immer benachteiligt. Auch ihr Aufstieg zur größten Glaubensgemeinschaft in den sechziger und siebziger Jahren änderte nichts an ihrer Randstellung im komplizierten, konfessionell austarierten institutionellen Gefüge des Libanons. Daß nach fast fünf Wochen Krieg nicht das Bürgermeisteramt oder die staatlichen Hilfsorganisationen die Schäden inspizieren und Hilfe in Aussicht stellen, sondern Mitglieder der Hizbullah, gilt vielen als selbstverständlich.

„Die Regierung hat uns vergessen“

Hassan Fayad ist ein solcher Schiit. Vor seinem schlichten Stammcafé mit Blick auf die Uferpromenade von Tyrus nippt der stämmige Mann an einem kleinen Plastikbecher arabischen Kaffees. Im Fernsehen zeigt Al Dschazira gerade ein Interview mit einem Hizbullah-Kämpfer, der beschreibt, wie sein Trupp trotz erdrückender Unterzahl ein israelisches Kommando in die Flucht schlug. Plakate mit dem Porträt Nasrallahs und des 1978 in Libyen verschwundenen schiitischen Imams al Sadr schmücken die Rückwand des Cafés, an der Fensterscheibe hängt eine Todesanzeige. Sie ehrt Fayads Schwager, einen Polizisten, der nur Stunden nach Beginn des Waffenstillstandes beim Versuch, in ein zerstörtes Haus einzudringen, von Bauschutt erdrückt wurde.

Auch in Fayads Wohnung sind die Fensterscheiben vom Druck der Bombeneinschläge zersprungen, ein paar weitere kleinere Schäden will der 49 Jahre alte Mann in den nächsten Tag selbst beheben. „Ich habe den Hizbullah-Leuten gesagt, daß ich das Geld für die Sanierung selbst aufbringen kann“, sagt der Vater von vier Kindern. Auf dem Tisch vor ihm liegt sein Schlüsselbund, der Anhänger zeigt auf der einen Seite das grüne Symbol und den Schriftzug der „Partei Gottes“ auf gelbem Grund, auf der anderen das Gesicht ihres Generalsekretärs Nasrallah. „Sayyed Hassan hat gesagt, daß jede Hand für den Wiederaufbau gebraucht wird, auch deshalb bin ich zurückgekommen.“ Ab Montag, nach Ende der einwöchigen Trauerzeit für seinen Schwager, werde er mit voller Kraft anpacken. „Wenn wir auf die Regierung warten würden, würde hier gar nichts passieren“, sagt Fayad. „In manchen Teilen von Tyrus können Sie Häuser sehen, die seit der israelischen Invasion 1982 nicht instand gesetzt wurden. Die Regierung hat uns immer vergessen.“

Die Hizbullah bindet damit nicht nur die Hilfsempfänger an sich. Vielen der im Bau- und Immobiliengewerbe tätigen Hizbullah-Angehörigen und Sympathisanten dürfte sich eine Goldader auftun. Fayad etwa will eine seiner beiden Wohnungen an obdachlos Gewordene vermieten und seine Kontakte im stark von Verwandtschaftsverbindungen geprägten Geschäftsleben nutzen, um weitere Unterkünfte an Wohnungssuchende zu vermitteln. Möbel, Fensterscheiben und Fliesen müssen ebenfalls neu beschafft werden.

Große Haufen von Kies und Steinen

Schon seit Ende der Kampfhandlungen Anfang vergangener Woche sind Traktoren, Bagger und anderes Baugerät an den zerbombten Häusern und Tankstellen von Tyrus zu sehen. Auch an der großen Kreuzung an der südlichen Ausfahrtsstraße Richtung israelischer Grenze haben sich Angehörige eines kleinen Bautrupps an diesem Sonntag an die Arbeit gemacht.

Der kleine Militärposten gegenüber der zerstörten Tankstelle, an dem bis Kriegsbeginn libanesische Soldaten wachten, ist verwaist. Auch von den ghanaischen Angehörigen der UN-Truppe Unifil, die Mitte vergangener Woche hier standen, ist nichts zu sehen. Überall entlang der zehn Kilometer langen Straße bis zur Kleinstadt Mansouri sind große Haufen von Kies und Steinen zu sehen. Ein paar ausgebrannte Autos und Kleinbusse liegen an den Straßenrändern. Die größten von den israelischen Raketen verursachten Krater auf der Strecke, die Ende vergangener Woche noch mühsam umfahren werden mußten, sind inzwischen aber schon wieder gefüllt.

Versteckt hinter einer hohen Mauer und den lila Blüten der seit ein paar Tagen wieder blühenden Bougainvilliers liegt die kleine Frühstückspension „Orange House“. Eine Rakete war im ersten Stock eingeschlagen, mehrere Granaten im Erdgeschoß richteten kleinere Schäden an. Auf die Angebote der Hizbullah will die Betreiberin nicht eingehen. Sie schätzt ihre Unabhängigkeit und fürchtet die möglichen Verpflichtungen. Als plötzlich vier nach Kriegsbeginn geflohene syrische Gastarbeiter in ihrem Garten auftauchen und Hilfe anbieten, schlägt sie deshalb sofort zu. Für zwei Dollar die Stunde ist zumindest der gröbste Bauschutt am Abend beseitigt. Ganz ohne Hilfe der Partei Gottes.

Text: F.A.Z., 21.08.2006, Nr. 193 / Seite 6
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, REUTERS

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