Von Michael Borgstede, Tel Aviv
03. August 2007 Vom Grauen spricht Awa al Tira beiläufig, so wie andere, glücklichere Menschen von einem missratenen Abendessen erzählen oder von einer schlechten Theateraufführung. Ruhig, fast gelangweilt erzählt der junge Mann, wie seine Mutter und seine Schwester vergewaltigt und dann ermordet wurden. Instinktiv habe er sich hinter einer Tonne versteckt und ganz lange nicht geatmet.
Nach dem Massaker habe er mit den wenigen anderen Überlebenden die Toten beerdigt und sein Dorf in der Krisenregion Darfur in Sudan für immer verlassen. Das Flüchtlingslager war ein Ort ohne Hoffnung, sagt Awa. Auf einer abenteuerlichen Route sei er nach Ägypten gelangt. In Kairo habe er zum ersten Mal vom Gelobten Land gehört.
Biblische Gerüchte
Sie haben uns gesagt, in Israel würden wir gut behandelt, sagt Awa. Auf einmal klingt er fast begeistert, als habe er den Glauben an die verheißungsvollen Worte nicht ganz aufgegeben. Nach der biblischen Überlieferung fließen in Israel Milch und Honig - das alte Gerücht hält sich in den Flüchtlingscafés von Kairo anscheinend bis heute.
Awa jedenfalls hat kurzerhand seine Habseligkeiten verkauft. Zum Sonderpreis von 80 Dollar brachten ihn Menschenschmuggler zu Beduinen in den Sinai. Eine Nacht wanderten wir durch die Wüste. Dann sagten unsere Führer, wir seien in Israel. Und verschwanden. Wenig später sei eine israelische Militärpatrouille gekommen, habe ihre Namen aufgeschrieben und sie an einer Straßenecke von Beersheba abgesetzt.
Staatsangehörige eines Feindeslandes
Awas Geschichte ist typisch für die Erfahrungen der 1000 bis 1200 Flüchtlinge, die seit Anfang des Jahres nach Israel gekommen sind. Bis vor kurzem aber wurden nur Frauen und Kinder an Straßenecken ausgesetzt und sich selbst überlassen - die Männer wanderten geradewegs ins Gefängnis. Israel erkennt Flüchtlinge aus Sudan nicht als Flüchtlinge an, da sie aus einem Feindesland stammen.
Andererseits schiebt Israel die Flüchtlinge auch nicht nach Sudan ab - zum einen, weil das aufgrund mangelnder Kontakte gar nicht möglich wäre, aber auch, weil den nach Israel Geflüchteten in Sudan die Todesstrafe sicher wäre. Als Staatsangehörige eines Feindeslandes können die Flüchtlinge aber theoretisch unbegrenzt in Gewahrsam genommen werden.
Das wurde auch so gehandhabt, bis im vergangenen Jahr der Oberste Gerichtshof bestimmte, dass eine Vielzahl Flüchtlinge aus dem Gefängnis entlassen werden musste. Seitdem arbeiten sie in Kibbuzim und Moschavim in der Landwirtschaft oder in den Hotels von Eilat. Dieser erheblich menschlichere Umgang mit den Flüchtlingen hat aber zur Folge, dass täglich weitere Flüchtlingsgruppen über die Grenze kommen.
Auf Dauer können wir uns das nicht leisten
Je besser wir die Flüchtlinge hier behandeln, umso mehr werden ins Land strömen, sagt Anat Ben Dror, die Vorsitzende des Komitees für Flüchtlingsfragen an der Universität Tel Aviv. Die Beduinen hätten schon immer alles Mögliche über die Grenze geschmuggelt: Drogen, Prostituierte, Sprengstoff, illegale Gastarbeiter und nun eben Flüchtlinge. Sowieso sei die Grenze nichts als ein rostiger Zaun, der sich durch die Wüste ziehe und von dem mitunter ein paar Kilometer fehlten.
Es dauerte lange, bis die Regierung das Flüchtlingsproblem erkannte. In Jerusalem hatte man sich darauf verlassen, dass Wohltätigkeitsorganisationen und lokale Verwaltungen, in deren Gebiet man die Flüchtlinge aussetzte, sich etwas einfallen ließen. Zwei Monate hat die Stadt Beerscheba denn auch Hotelzimmer für Afrikaner bezahlt. Auf Dauer können wir uns das aber nicht leisten, sagt der Sprecher Amnon Josef. Jetzt reicht's. Die Regierung habe zwar viele Zusagen gemacht, aber nie seien Taten gefolgt.
Juden können nicht tatenlos bleiben
Um ihrem Unmut Nachdruck zu verleihen, mietete die Stadtverwaltung vor einigen Wochen einen Bus, um ein paar Dutzend Flüchtlinge im Park vor der Knesset campieren zu lassen. Gegen Abend hieß es, die Regierung habe nun doch Unterkünfte organisiert. Der Bus machte sich auf den Rückweg. Doch da hatte die Regierung wohl geflunkert.
Die Nacht jedenfalls verbrachten Awa und seine über 50 Leidensgenossen im Bus. Am nächsten Tag nahm sich die Jewish Agency ihrer an. Juden können aufgrund ihrer Geschichte nicht tatenlos bleiben, wenn sie Flüchtlinge sehen, begründete die Direktorin eines Zentrums für Neueinwanderer in Sderot ihre Entscheidung. Damit spricht sie vielen Israelis aus dem Herzen.
Diffuses Mitgefühl und der Wunsch zu helfen konkurrieren dabei mit einer tiefverankerten Angst, durch nichtjüdische Einwanderung den jüdischen Charakter des Staates zu gefährden. Dabei sind die Zahlen nicht besonders alarmierend: Kaum mehr als 2000 Flüchtlinge befinden sich zurzeit in Israel, darunter 1000 aus Sudan sowie einige hundert aus Ländern wie Elfenbeinküste und Kongo, die nach dem Ende der dort wütenden Bürgerkriege zurückkehren müssen. Auch zeigt eine ägyptische Zusage, die Grenze besser zu schützen, Erfolg: Wurden in den ersten fünf Monaten dieses Jahres nur 74 Flüchtlinge festgenommen, waren es allein im Juni schon mehr als hundert.
Israelisch-ägyptische Abschiebungspläne
Ministerpräsident Olmert will aber auch jene Flüchtlinge, die schon nach Israel gelangt sind, eines Tages nach Ägypten abschieben. Das hatte Olmert beim Gipfel von Scharm al Scheich mit dem ägyptischen Präsidenten Mubarak vereinbart. Viele Flüchtlinge fürchten aber nichts mehr als die Rückkehr nach Ägypten.
Als wir vor dem UN-Gebäude in Kairo demonstrierten, haben ägyptische Sicherheitskräfte die Demonstration mit Wasserwerfern aufgelöst, erzählt zum Beispiel Darwan al Musra. Dann hätten die Polizisten einige Male einfach in die Menge geschossen und dabei 30 Menschen getötet. Einige der Flüchtlinge in Sderot berichten von Folter, zeigen Narben, für die die ägyptischen Sicherheitskräfte verantwortlich seien.
Es war reiner Lynchmord
Am Donnerstagabend ließen die Erzählungen eines israelischen Soldaten die Zuschauer des Privatsenders Channel 10 erschaudern: Vier sudanesische Flüchtlinge, erzählte der unkenntlich gemachte Augenzeuge, wollten am Vortag über die Grenze von Ägypten nach Israel gelangen. Als sie sich dem Grenzzaun näherten, eröffneten die Ägypter das Feuer.
Zwei der Sudanesen wurden von den Schüssen sofort getötet. Ein dritter blieb verletzt liegen. Einem vierten Flüchtling gelang es, auf den Zaun zu klettern. Um ihn sei es in der Folge zu einem regelrechten Tauziehen zwischen ägyptischen und herbeigeeilten israelischen Soldaten gekommen, erinnerte sich der Zeuge: Die Ägypter zogen an den Beinen, die Israelis am Oberkörper. Schließlich setzten sich die Ägypter durch und rissen den Mann zurück auf ihre Seite.
Kurz darauf hörten die israelischen Soldaten Schreie. Ihnen blieb nichts anderes übrig als tatenlos zuzusehen, wie die ägyptischen Soldaten den ohnehin schon verwundeten Flüchtling zu Tode prügelten. Es war reiner Lynchmord, sagte der Soldat im Fernsehen.
Nahe beieinander wohnen
Nur nicht wieder zurück nach Ägypten - da sind sie sich alle einig. Dass Mubarak gegenüber Olmert versprochen haben soll, nach Ägypten abgeschobene Flüchtlinge hätten in Ägypten nichts zu befürchten und würden auch nicht nach Sudan zurückgeschickt, beruhigt niemanden. Nur zwei Tage nach dem Treffen der Regierungschefs hatten ägyptische Truppen das Feuer auf einen fliehenden Flüchtlingstrupp in der Wüste eröffnet und zwei Flüchtlinge schwer verletzt.
Israel hat seitdem wegen Unklarheiten bei der Absprache mit Ägypten davon abgesehen, Flüchtlinge zurückzuführen. Stattdessen will Polizeiminister Avi Dichter ein Flüchtlingslager errichten lassen. Es soll direkt neben dem Katziot-Gefängnis entstehen, in dem noch viele Flüchtlinge ihres Schicksals harren. Dichter sagte, auf diese Weise könnten die Flüchtlinge zumindest nahe beieinander wohnen. Die Betreuung sollen Gefängnisaufseher übernehmen.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung
Bildmaterial: AFP, REUTERS