Guerrilla-Taktik

Israel hat die Hizbullah unterschätzt

Von Michael Borgstede, Tel Aviv

Zeichen des Hasses gegen Israel: Ein Mann mit Hizbullah-Fahne

Zeichen des Hasses gegen Israel: Ein Mann mit Hizbullah-Fahne

30. Juli 2006 Hinterher wissen es immer alle besser. Israelische Generäle, Politiker, Geheimdienstchefs und vor allem Journalisten wundern sich nun, wie sie jahrelang alle angeblich so offensichtlichen Hinweise auf eine Eskalation an der Grenze zum Libanon übersehen konnten. Schuld daran sind natürlich immer die anderen. So bezichtigen einige Minister die Geheimdienste des Versagens: Wieso hatte die Armee keine genauen Angaben über die Bewaffnung der Hizbullah?

Weshalb war nichts über die genauen Ausmaße und die Tiefe des Bunkersystems im Grenzgebiet bekannt? Warum brauchte man zwei Wochen, um eine Kommandozentrale in Tyrus ausfindig zu machen? Und weshalb gelingt es der stärksten Armee der Region nicht, den Beschuß nordisraelischer Städte mit primitiven Katjuscha-Raketen zu unterbinden?

„Hat die Armee versagt?“

Seit dem 13. Juli landen täglich mehr als 100 Raketen im Norden Israels, und die Zahl scheint trotz der Bombardements und dem Einsatz von Bodentruppen nicht abzunehmen. „Hat die Armee versagt?“ fragte die Tageszeitung „Haaretz“. Noch vor zwei Monaten habe ein ranghoher Offizier behauptet, Hizbullah sei eine „gemäßigte Organisation“, die sich um ihre vollständige „Eingliederung ins politische System“ bemühe. Man solle die 13.000 Raketen der Miliz einfach „verrosten lassen“.

Die Generäle verteidigen sich vehement: Sie hätten in den vergangenen sechs Jahren immer wieder vor einer Eskalation gewarnt und seien im Kabinett auf taube Ohren gestoßen. Wahrscheinlich haben alle ein wenig recht.

„Starke Kämpfer, nicht wie die Palästinenser“

General Schuki Schachar, der stellvertretende Befehlshaber der nördlichen Streitkräfte, gibt offen zu, daß das Bunkersystem der Hizbullah zu gut getarnt und zu tief versteckt ist, um von Zufallstreffern der Luftwaffe ernsthaft beschädigt zu werden. Major Eran Carasso zeigt sich überrascht über die gute Ausrüstung der Hizbullah-Kämpfer: „Im Vergleich zum letzten Mal haben sie viel mehr Panzerabwehrraketen und Minen. Es scheint, als ob sie in den letzten sechs Jahren systematisch ausgebildet wurden.“ Und ein israelischer Soldat stellte nach dem Kampf um das südlibanesische Dorf Bint Jbail fest: „Das sind starke Kämpfer, nicht wie die Palästinenser.“

Die Kämpfe um Bint Jbail am vergangenen Mittwoch, bei denen acht israelische Soldaten ums Leben kamen und 27 weitere verletzt wurden, haben gezeigt, daß kleine Kommandoeinheiten im Nahkampf besonders verwundbar sind. Während die Hizbullah-Führung keine Skrupel hat, einige Dutzend junger Kämpfer in den Tod zu schicken, reagiert die israelische Öffentlichkeit betroffen auf jeden toten Soldaten.

Angst vor Neuauflage des letzten Libanon-Krieges

Vielleicht auch deshalb entschied sich das Kabinett am Donnerstag gegen eine großangelegte Bodenoffensive. Sowohl die Armeeführung als auch der Chef des Auslandsgeheimdienstes, Meir Dagan, waren mit der Entscheidung nicht glücklich. Sie hatten andere Pläne: In einer zwei Monate langen Aktion wollte die Armee das gesamte Gebiet bis zum Litani-Fluß von der Hizbullah säubern. Vor allem wollten die Generäle mit Bodentruppen bis in die Stadt Tyrus vordringen, aus der die Hizbullah ihre Raketen nach Haifa abfeuert. Es ist wohl die Angst der Politiker vor einer Neuauflage des letzten Libanon-Krieges, die sie jeden Schritt sehr sorgfältig abwägen läßt.

Hinter vorgehaltener Hand beschweren sich die Generäle bitter über die lähmende Vorsicht: Nur der massive Einsatz von Bodentruppen könne die tatsächliche Überlegenheit der israelischen Armee auf dem Schlachtfeld spürbar werden lassen, argumentieren sie.

Israel muß diesen Krieg klar gewinnen

Galt in früheren Nahost-Kriegen die strategische Doktrin, den Kampf so schnell wie möglich ins Feindesland zu tragen, so scheinen Ministerpräsident Ehud Olmert und Verteidigungsminister Amir Peretz jetzt genau davor zurückzuschrecken. Zu frisch sind die Erinnerungen an den verlustreichen Guerrilla-Kampf im Libanon. Der Kampf um Bint Jbail hat alle Alarmglocken schrillen lassen: Da versteckten sich Hizbullah-Kämpfer in Wohnhäusern, hinderten die Bewohner am Verlassen des Dorfes und verschanzten sich in der Moschee. Man hätte den Ort einfach aus der Luft in Grund und Boden bomben sollen, meinten Kommentatoren später. Doch das hätte Hunderte ziviler Opfer gefordert.

In einem sind sich Armeeführung, Regierung und Journalisten einig: Israel muß diesen Krieg klar gewinnen, sonst könnte das Gleichgewicht in der Region gefährdet sein. Amerika scheint dieser Sicht zuzuneigen und drängt deshalb nicht auf eine sofortige Waffenruhe. Wenn Olmert und Condoleezza Rice von einem „dauerhaften Waffenstillstand“ sprechen, dann ist eine signifikante Schwächung der Hizbullah dafür die entscheidende Bedingung. Ein Ende der Kämpfe zum jetzigen Zeitpunkt würde Hizbullah wohl stärken. 96 Prozent der libanesischen Schiiten unterstützen die Miliz laut einer Umfrage vom Donnerstag. Unter den Sunniten sind es immerhin 73, bei den Christen 54 Prozent.

„Hassan Nasrallah, Führer unseres Widerstandes“

Schon jetzt ist es Hassan Nasrallah gelungen, sich auch bei den Palästinensern zum Helden zu stilisieren: „Hassan Nasrallah, Führer unseres Widerstandes“ steht auf einem Poster in einem Supermarkt in Ramallah im Westjordanland. Von allen arabischen Staaten im Stich gelassen, begeistern sich die Palästinenser für den einzigen Führer, der der israelischen Militärmacht scheinbar erfolgreich trotzt. Doch auch in sunnitisch dominierten arabischen Staaten erfreut sich der Schiitenführer neuer Beliebtheit. Das gibt nicht nur den dortigen Regimes Grund zur Sorge.

Dieser Krieg werde die Position Irans in der arabischen Welt definieren, schreibt Zeev Schiff in „Haaretz“. Eine halbe Niederlage könne langfristig sogar die durch Israels Abschreckungskraft gedeckten Friedensschlüsse mit Jordanien und Ägypten gefährden. Ein Erfolg der Hizbullah könne auch Hamas bestärken. Eine Verhandlungslösung des Nahost-Problems würde durch ein solches Zeichen der Schwäche in weite Ferne rücken.

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 30.07.2006, Nr. 30 / Seite 7
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa

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