Libanon

Ein ganzes Volk als Geisel der Hizbullah

Von Markus Bickel, Beirut

Beirut: zerstörte Vielfalt

Beirut: zerstörte Vielfalt

16. Juli 2006 Der eingerahmte Zeitungsartikel über dem breiten Spiegel trägt das Datum 27. November 1983. „Beirut, die Stadt der Hoffnungslosigkeit“, hat der Autor das Stück über drei junge Männer betitelt, die sich im achten Kriegsjahr im Abstand von nur wenigen Tagen in den Tod stürzten. Es hängt gegenüber einer Reihe Frisörstühlen. Mike, dem der lichtdurchflutete, blankgeputzte Laden mitten an Westbeiruts moderner Bliss Street gehört, hat ein feines Gespür für die Abgründe des Lebens.

„Ich habe so viel von diesem Viertel und von meinen Kunden gelernt“, sagt der 63 Jahre alte Frisör im Beiruter Stadtteil Ras Beirut. „Durch mein Alter, meine Erfahrung und meine grauen Haare habe ich gelernt, zwischen den Zeilen zu lesen und Dinge zu sehen, die auf den ersten Blick gar nicht erkennbar scheinen.“ Kaum eine Minute vergeht, ohne daß Mike einem der Passanten die Hand schüttelt. „Wir sind hier alle eine große Familie, und das schon sehr lange.“

Multikulturelle und multireligiöse Vielfalt

Wie kaum ein anderes Viertel der libanesischen Hauptstadt steht Ras Beirut für die einst so gepriesene multikulturelle und multireligiöse Vielfalt des Viermillionen-EinwohnerLandes. Schiiten, Sunniten und orthodoxe wie katholisch-maronitische Christen leben hier seit Jahrzehnten Seite an Seite miteinander, nur zwei Straßen von Mikes Laden entfernt steht die St.-Rita-Kirche gegenüber der Shatila-Moschee. Im Bürgerkrieg zwischen 1975 und 1990 blieb die Gegend von Kämpfen weitgehend verschont.

Hinzu kommen die vielen Ausländer. Am Ende der Bliss Street, wo sich die von mondänen Mittelmeervillen gespickte Straße zum Meer hinunterschlängelt, hat das Goethe-Institut seinen Sitz; die Deutsche Evangelische Gemeinde sowie das Gebäude des British Council sind nur ein paar Ecken entfernt. Und am östlichen Ende der freitags und samstags wegen der vielen Fast-food-Shops bis spät in die Nacht bevölkerten Straße liegt der schattige Campus der 1866 von evangelischen Missionaren gegründeten American University Beirut - mit seinen schönen alten Steinbauten und den vielen schattenspendenden Bäumen eine kleine Oase in der sonst nicht gerade mit öffentlichen Plätzen und Parks gesegneten Stadt. „Ras Beiruts kosmopolitischer Flair und die lange Geschichte toleranten Miteinanders haben das Viertel letztlich immer vor den schlimmsten Wirren des Krieges bewahrt“, sagt Mike.

Blockademanöver von allen drei Seiten

Doch anderswo hielt der gesellschaftliche Kitt nicht. Im Gegenteil. Befördert durch den israelisch-palästinensischen Konflikt, den die Palästinensische Befreiungsorganisation (PLO) Jassir Arafats mit Angriffen von libanesischem auf israelisches Territorium Anfang der siebziger Jahre in das Land hineintrug, rissen alte Gräben wieder auf, die im Nationalpakt der drei wichtigsten Konfessionen von 1943 eigentlich institutionell zugeschüttet werden sollten. Seitdem stellen die Maroniten den Präsidenten, die Sunniten den Ministerpräsidenten und die Schiiten den Parlamentspräsidenten. Aber während des Bürgerkrieges blieb das Arrangement Fassade, die verfeindeten Parteien gingen in immer neuen, nicht nur konfessionell, sondern oft mafiös motivierten Konstellationen aufeinander los.

Anderthalb Jahrzehnte nach Kriegsende ist das alte Gleichgewicht im politischen System zwar wiederhergestellt, doch bestimmt wird das parlamentarische Geschäft nun von Blockademanövern aller drei Seiten. Die nach der Ermordung des sunnitischen früheren Ministerpräsidenten Rafik Hariri im Februar 2005 entstandene Bewegung des „Beiruter Frühlings“ liegt schon lange zurück. Mit den Autobombenattentaten auf Führungsfiguren dieses demokratischen Aufbruchs - wie die Publizisten Samir Kassir und Gibran Tueni - starb die Hoffnung, daß die Politik des Landes endlich von anderen als konfessionellen Faktoren bestimmt werden könnte.

Ras Beirut: Oase der Koexistenz

Schon während des „Beiruter Frühlings“ kristallisierten sich die schiitische Hizbullah unter ihrem Generalsekretär Hassan Nasrallah und die ebenfalls schiitische, aber deutlich säkularer ausgerichtete Amal von Parlamentspräsident Nabih Berri als größte Gegner eines von Syrien unabhängigen Libanon heraus - und ebendiese Unabhängigkeit war eine der Hauptforderungen der Demonstranten gewesen. Die Angst der beiden schiitischen Gruppen, ohne die Protektoratsmacht im Rücken an den Rand der libanesischen Gesellschaft gedrängt zu werden, ist durchaus verständlich:

Schon der nach dem Ende der französischen Mandatszeit geschlossene Nationalpakt begünstigte Christen und Sunniten. Institutionell nie berücksichtigt wurde zudem der aufgrund hoher Geburtenraten erfolgte Aufstieg der Schiiten zur größten Glaubensgemeinschaft des Landes. Im an Israel angrenzenden Südlibanon, in der westlich von Syrien gelegenen Bekaa-Ebene und in Beiruts südlichen Vorstädten stellen Schiiten die Bevölkerungsmehrheit.

Auch so gesehen ist das multikonfessionelle, kosmopolitische Ras Beirut eine Oase der Koexistenz. Denn der Großteil des Landes ist entlang konfessioneller Linien aufgeteilt. Nördlich der Hauptstadt beginnen die christlichen Vorstädte, erst einige Kilometer die Küste hoch, hinter Byblos und Batroun, liegt wieder mehrheitlich sunnitisch besiedeltes Gebiet, mit Tripoli als nördlichem Zentrum der zweitgrößten Glaubensgruppe des Landes. Die kleine, aber geschlossene Gemeinschaft der Drusen hat ihren Stammsitz seit Jahrhunderten im nur fünfzig Kilometer südlich von Beirut gelegenen Schuf-Gebirge.

Persönliche Eitelkeiten

Daß der nach der Parlamentswahl im vergangenen Sommer zum Ministerpräsidenten ernannte Sunnit Fuad Siniora sein altes Apartment in der quirligen Bliss Street behalten hat, ist vor diesem Hintergrund durchaus von symbolischer Bedeutung. Während Hizbullah-Scheich Nasrallah sein Quartier im vornehmlich schiitisch geprägten Südbeiruter Viertel Haret Hreik bezogen hat und der maronitische Präsident Emile Lahoud im fast ausschließlich christlich bewohnten Nobelvorort Babda residiert, zieht der studierte Ökonom das kosmopolitische Ambiente im Viertel rund um die American University vor.

Selten beteiligte sich der langjährige Finanzminister an der von persönlichen Eitelkeiten geprägten Streitkultur des politischen Betriebs. Der drusische Vorsitzende der Progressiven Sozialistischen Partei, Walid Dschumblat, und Hizbullah-Scheich Nasrallah hingegen liefern sich seit Monaten verbale Gefechte. So war es auch Siniora, der am Samstag mit Außenminister Frank-Walter Steinmeier telefonierte und in einem Gespräch mit dem Fernsehsender CNN davor warnte, Israel „zerstückle“ mit seinen Angriffen das Land.

Bürgerkrieg nicht ausgeschlossen

Mike, der Frisör, zollt Nasrallah dennoch Respekt. „Um unser Land von einer Besatzung zu befreien, braucht man nicht um Erlaubnis zu beten“, sagt er. Immer wieder weisen Nasrallah und andere Kader der streng hierarchisch gegliederten Organisation auf die anhaltende Okkupation des im Dreiländereck mit Syrien und Israel gelegenen Gebiets der Scheeba-Farmen hin. Erst wenn sich die israelische Armee aus dem kleinen Streifen zurückziehe, könne eine Einstellung der Raketenangriffe erwogen werden.

Daß die territoriale Zugehörigkeit der Scheeba-Farmen selbst zwischen Syrien und dem Libanon umstritten ist, fällt bei dieser Argumentation unter den Tisch. Und auch den seit Beginn der israelischen Luftangriffe am Mittwoch immer wieder zu hörenden Vorwurf, die Hizbullah habe durch ihre Entführungsaktion die gesamte libanesische Bevölkerung zur Geisel ihrer Politik gemacht, wischt Mike beiseite. Lapidar meint er: „Jede Befreiung hat ihren Preis.“

Der jedoch könnte bei einer weiteren Zuspitzung des Konflikts noch höher ausfallen als bisher schon. Dutzende Tote vor allem im Südlibanon und im Beiruter Viertel Haret Hreik gab es gleich in den ersten Tagen der Bombardements. Ein Bürgerkrieg kann wegen der Zwitterstellung der Hizbullah nicht ausgeschlossen werden, denn einerseits stellt sie in Sinioras Kabinett zwei Minister, zugleich aber bringt sie als international geächtete paramilitärische Formation die Regierung in enorme Schwierigkeiten. Wegen ihrer Weigerung, ihre nach eigenen Angaben mehr als 70.000 Kämpfer in die libanesische Armee zu integrieren, steht die „Partei Gottes“ schon seit Jahren innenpolitisch unter Druck.

Schlimme Szenarien

Denn obwohl sich die israelische Armee schon im Mai 2000 aus allen seit 1985 in einer Sicherheitszone zusammengefaßten besetzten südlibanesischen Gebieten zurückzog (ausgenommen: die Scheeba-Farmen), weigert sich die Hizbullah-Führung, ihren Sonderstatus aufzugeben. Wegen dieser Haltung muß seit der Entführungsaktion vom Mittwoch nun die ganze Bevölkerung leiden - und das könnte dazu führen, daß die libanesischen Rivalen der Hizbullah Rückenwind bekommen. Schließlich sind nicht nur aus der Zeit des Bürgerkrieges viele Rechnungen noch offen. Zudem wurden die Waffenarsenale fast aller in den siebziger und achtziger Jahren als Milizen entstandenen Parteien seit dem Mord an Hariri kräftig aufgestockt.

Ein schlimmeres Szenario als offene Kämpfe zwischen schiitischen, sunnitischen und christlichen Fraktionen kann sich Mike nicht vorstellen. Und er will auch gar nicht daran denken. „Ich mag den Krieg nicht“, sagt er, während ihm einer seiner Angestellten das Geld für den letzten Haarschnitt in die Hand drückt. „Was ich mag, sind gutes Wetter, gutes Essen und die Philosophie. Und das sind auch die Gründe, weshalb ich den Libanon nie verlassen werde - unabhängig, ob hier Frieden oder Krieg herrscht.“

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 16.07.2006
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa

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