Von Hans-Christian Rößler, Jerusalem
03. August 2006 Ein Wendepunkt ist für die israelische Außenministerin Livni der Luftangriff in Kana mit zahlreichen Toten. Je schlimmer die Bilder aus Kana wurden, desto weiter sank die Bereitschaft der Europäer, Soldaten für die internationale (Libanon-)Truppe zur Verfügung zu stellen, sagte sie. Schon wenige Stunden nach dem Luftangriff in der Nacht zum Sonntag war in Israel klar, daß Hizbullah-Führer Nasrallah an diesem Tag vielleicht seinen größten PR-Erfolg erzielt hatte, ohne selbst etwas dafür tun zu müssen. Das Thema dominierte daraufhin wie kein anderes die Libanon-Berichterstattung - nicht nur die der arabischen Medien.
Dabei ist noch immer nicht klar, was genau in den frühen Morgenstunden jenes Sonntags geschah. Vor allem im Internet kursieren Spekulationen, nach denen die Hizbullah ihre Hand im Spiel gehabt haben könnte. Klar ist, daß israelische Kampfflugzeuge kurz nach Mitternacht das Wohnhaus in dem südlibanesischen Ort angegriffen haben, dieses aber erst gegen sieben Uhr morgens einstürzte. Ministerpräsident Olmert hat den Angriff längst zugegeben und sich dafür entschuldigt. Nach Angaben des israelischen Militärs hatte die Hizbullah von Kana aus mehr als 150 Raketen abgefeuert. Die Streitkräfte hätten die Menschen dort zuvor dazu aufgefordert, ihre Häuser zu verlassen, und seien davon ausgegangen, daß sie diesem Aufruf gefolgt waren.
Angeblich Auffälligkeiten auf Fotos
Weshalb dem nicht so war und wie viele Menschen noch in dem Gebäude waren, ist jedoch noch nicht geklärt: Von 56 Toten, die meisten von ihnen Kinder, war schon am Sonntag morgen die Rede. Bis Mittwoch konnte das Rote Kreuz aber nur 28 Leichname bergen. Daher wird heftig darüber spekuliert, daß die Hizbullah versucht haben könnte, von dem Angriff politisch zu profitieren. Auf der libanesischen Internetseite Libanoscopie wird der Hizbullah vorgehalten, sie habe einen Raketenwerfer auf das Dach des Hauses gestellt und behinderte Kinder in das Gebäude gebracht, das die Luftwaffe dann angegriffen habe. Kana sei bewußt gewählt worden, weil dort bei einem israelischen Luftangriff auf einen UN-Stützpunkt schon einmal mehr als hundert libanesische Zivilisten umgekommen seien, hieß es da. Ähnliches unterstellt der Hizbullah auch der israelische Knesset-Abgeordnete Benny Elon von der Nationalen Union.
Andere Beiträge weisen auf angebliche Auffälligkeiten auf den Fotos hin, die schon kurz nach dem Einsturz des Hauses in aller Welt gezeigt wurden. Die Betreiber der britischen Internetseite EU Referendum blog weisen auf einen libanesischen Helfer hin, der auf Fotos von verschiedenen Agenturen, die über einen Zeitraum von mehreren Stunden aufgenommen worden seien, immer wieder mit der Leiche desselben Mädchens im Arm zu sehen sei. Einmal trage er dabei einen Helm, ein anderes Mal eine für Rettungskräfte typische Leuchtweste.
Autoren im amerikanischen Internetforum Confederate Yankee machte stutzig, daß einige der Toten schon Anzeichen von Leichenstarre aufgewiesen hätten, obwohl sie kurz nach ihrem angeblichen Tod fotografiert worden seien; die Leichenstarre tritt gewöhnlich erst viele Stunden später ein.
Was brachte das Gebäude zum Einsturz?
In anderen Foren wurde darauf aufmerksam gemacht, daß die Leichen, die später gefilmt und fotografiert worden seien, keine schwereren Verletzungen zeigten, zu denen es sonst bei einem Einsturz komme. Sie fragen deshalb, ob die Hizbullah nach dem israelischen Angriff Leichen von Libanesen, die schon zuvor umgekommen waren, in das beschädigte Gebäude gebracht haben könnte und es dann möglicherweise erst am Morgen mit einer kontrollierten Explosion zum Einsturz gebracht habe.
Für die gut sieben Stunden zwischen Angriff und Einsturz hat auch die israelische Armee keine plausible Erklärung. Ein Armeesprecher sagte, es könne nicht ausgeschlossen werden, daß die Hizbullah selbst noch einmal auf das Gebäude gefeuert habe, aber noch seien die Ermittlungen nicht abgeschlossen. Andere hielten es für möglich, daß die Luftwaffe das Gebäude nur beschädigt habe und es erst später wegen weiterer Luftangriffe in der Nähe oder der Explosion von Waffen zusammengebrochen sei, welche die Hizbullah darin gelagert haben könnte.
Ausgerechnet nach Kana geflüchtet
Die israelische Menschenrechtsorganisation Acri bestreitet in einem Brief an Ministerpräsident Ehud Olmert, daß das Gebäude erst am Morgen zusammengestürzt sei. Überlebende Bewohner berichteten von einem zweiten Angriff zehn Minuten nach dem ersten. Er soll den Einsturz verursacht haben.
Trotz der israelischen Warnungen hatten am Wochenende zahlreiche Menschen ausgerechnet in Kana Zuflucht gesucht. Das berichteten die Nachrichtenagenturen. Sie seien aus anderen Orten in das von Christen und Muslimen bewohnte Dorf geflohen, weil sie gehofft hätten, daß Israel es wegen der christlichen Einwohnerschaft verschonen werde.
Zudem wagten viele nicht, sich über die stark zerstörte und immer wieder angegriffene Straße auf den Weg in die Hafenstadt Tyrus zu machen. Andere sagten, ihnen habe das Geld gefehlt, um weiterreisen zu können. Noch sind die israelischen Ermittlungen zu dem, was in Kana geschah, nicht abgeschlossen. Es gibt keinen Krieg ohne Fehler, aber der größte Fehler ist der Krieg selbst, sagte in der Nacht zum Mittwoch in Washington der stellvertretende israelische Ministerpräsident Peres.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung
Bildmaterial: dpa