Libanon

Fatahs verfeindete Kinder

Von Markus Bickel, Badawi

200.000 Palästinenser leben in Lagern im Libanon

200.000 Palästinenser leben in Lagern im Libanon

27. Mai 2007 Das Bild des ersten Opfers von Fatah al Islam hängt noch an der Mauer: Maher Abdelhadi heißt der junge Mitarbeiter des palästinensischen Sicherheitsdienstes, der Ende November vergangenen Jahres sein Leben ließ. Schräg gegenüber, an der Tür eines kleinen Ladens, klebt der Aufruf zur Beerdigung. „Zum Andenken an ihn, der gestorben ist in Ausübung seiner patriotischen Pflicht.“ Ein Poster mit dem Bild des 2004 von israelischen Einheiten getöteten Hamas-Führers Scheich Ahmed Jassin ziert die Rückwand des Geschäfts in dieser abschüssigen Gasse des palästinensischen Flüchtlingslagers Badawi.

Nur ein paar Schritte weiter hatten die Islamisten der Fatah al Islam Ende vergangen Jahres ihr Quartier aufgeschlagen, die sich seit Anfang der Woche im weiter nördlich gelegenen Lager Nahr al Barid schwere Kämpfe mit der libanesischen Armee liefern. Erst nach der Schießerei mit Einheiten des palästinensischen Sicherheitsdienstes, bei der Abdelhadi getötet wurde, verließ die damals nur ein Dutzend Männer umfassende Gruppe das Lager Badawi Richtung Norden.

Mehr als die Hälfte der 400.000 Palästinenser im Libanon leben in zwölf im ganzen Land verstreuten, als Lager bezeichneten Kleinstädten, 14.000 davon in Badawi. Doch wegen der Flüchtlinge aus dem umkämpften Nahr al Barid hat sich die Zahl seit Dienstag fast verdoppelt.

Badeschlappen und Armeeklamotten

Das Haus, in dem die Islamisten vergangenen Herbst untergekommen waren, ist ein unscheinbares, unverputztes Gebäude, das im dichten Gassengewirr des in den fünfziger Jahren am Nordrand von Tripoli entstandenen Flüchtlingslagers Badawi nicht weiter auffällt. Direkt dahinter liegt ein kleiner Friedhof, im nächsten Haus an dem von Schlaglöchern übersäten Weg hat eine prosyrische Gruppierung ihr Büro. Hinter der Mauer, an der auch das Bild des Fatah-al-Islam-Opfers Abdelhadi hängt, sieht man die Konterfeis von Syriens Präsident Baschar al Assad und seinem vor sieben Jahren verstorbenen Vaters Hafez.

Die Ikonen der arabischen Befreiungsbewegung erwecken den Anschein, die Zeit sei in Badawi politisch stehengeblieben. Ein Eindruck, der durch die beiden Maschinengewehre und die palästinensische Fahne verstärkt wird, die die Fassade des Hauses am oberen Ende der Gasse schmücken. Zwei Männer in Badeschlappen und heruntergekommen Armeeklamotten sitzen vor dem Eingang des „Clubs der Märtyrer von Dschenin“, der im Erdgeschoss des Hauptquartiers von Fatah al Intifada liegt. Die Räume sind nur spärlich eingerichtet: Ein paar Sofas stehen herum, auf dem Boden schläft ein Uniformierter auf einer Matratze.

„Von Nasser zu Nasrallah - ein stetiger Gang“

Auch das Büro des Verantwortlichen der Fatah al Intifada für den Nordlibanon, Abu Jasser Khalil Dib, ist schlicht. An den Wänden hängen gerahmte Bilder von Abu Musa, der die 1983 von Jassir Arafats Fatah abgespaltene Organisation gegründet hat, Landkarten und ein kleines Plakat, auf dem der einstige panarabische ägyptische Präsident Nasser mit Hizbullah-Generalsekretär Hassan Nasrallah zu sehen ist: „Von Nasser zu Nasrallah – ein stetiger Gang“, steht darunter.

„Die Fatah hat viele Kinder“, sagt Khalil Dib, der in Badawi geboren wurde. „Aber das Problem mit Fatah Al Islam ist, dass es keine palästinensische Organisation ist.“ Der 45 Jahre alte Mann gibt zu, dass er vergangenen Herbst unterschätzt hat, welche Sprengkraft die anfangs nur fünf oder sechs islamistischen Neuankömmlinge mit sich brachten, denen er einen Unterschlupf bot. „Am Anfang gehörten nur einige von ihnen zu Al Qaida, heute sind es alle.“

Um eine friedliche Lösung bemüht

Kontakt unterhielt Kahlil Dib damals nur zu einem der Männer, die sich unter dem Schutz seiner Organisation Fatah al Intifada in Badawi niederließen. Der Mann habe ihm den Zugang zu den anderen mit der Begründung verwehrt, diese bereiteten sich für einen geheimen Auftrag auf palästinensischem Territorium vor. Fatah al Intifada bezahlte einen hohen Preis für die Kooperationsbereitschaft: „Ihre Männer haben sich viele unserer Waffen unter den Nagel gerissen“, sagt Khalil Dib und zieht an seiner Zigarette.

„Sie waren anfangs in vielen Lagern im Libanon vertreten“, erzählt er über die Islamisten, die ein halbes Jahr nach ihrem Auftauchen wohl nur noch in dem umkämpften Lager Nahr al Barid präsent sind. Anscheinend sind sie fest dazu entschlossen, sich dort halten, wie nicht nur aus den Äußerungen ihres Kommandanten Abu Hureria hervorgeht. „Fatah al Islam weiß, dass die Armee das ganze Lager zerstören müsste, um die Organisation militärisch zu besiegen“, sagt Khalil Dib. „Diese Situation nutzen sie aus.“

Einen Ausweg aus der schwierigen Lage weiß der ständig in Kontakt mit Kadern in Nahr al Barid stehende Nordlibanon-Führer der Fatah al Intifada auch nicht. Immer wieder klingelt sein Telefon – gemeinsam mit den anderen palästinensischen Gruppierungen sei man um eine friedliche Lösung bemüht. Aber er ist skeptisch: „Wenn sich die Palästinenser einig wären, hätten wir das Problem Fatah al Islam in einer Stunde gelöst.“

„Wir stellen uns dem Problem“

Stattdessen stellt Khalil Dib Mutmaßungen über die Unterstützter der militärisch wie finanziell bestens ausgestatteten Gruppe an, deren Führer Shaker al Absi laut Agenturberichten verwundet ist. „Es ist erstaunlich, wie frei sich ihre Leute in den vergangenen Monaten von Lager zu Lager bewegen konnten“, sagt Khalil Dib. Gerüchte, wonach der prowestliche Mehrheitsführer im Parlament, Saad Hariri, die Gruppe anfangs unterstützte, hält er nicht für ausgeschlossen. „Jetzt bekämpft er sie“, sagt er und grinst er vielsagend. „Was er vorher gemacht hat, weiß ich nicht.“

Dass die Stellungen der Fatah al Islam trotz des schweren Artilleriebeschusses der Armee nach Berichten seiner Genossen aus Nahr al Barid weitgehend intakt geblieben seien, verstärke sein Misstrauen gegenüber den eigentlichen Zielen der Regierung, sagt er. Seiner Entschlossenheit, notfalls gewaltsam gegen Fatah al Islam vorzugehen, um die Truppe aus dem Lager zu treiben, tut das keinen Abbruch. „Vor zwei Monaten waren wir in Kämpfe mit Fatah al Islam verwickelt, bei dem einer unserer Männer ums Leben kam und fünf verletzt wurden“, sagt er. „Wir sind die einzige palästinensische Gruppe, die sich dem Problem bislang auf diese Weise gestellt hat.“

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung
Bildmaterial: AFP

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