Naher Osten

Wichtige Versorgungswege im Südlibanon zerstört

Seit drei Tagen hätten Hilfsorganisationen keinen Zugang mehr zu der Region

Seit drei Tagen hätten Hilfsorganisationen keinen Zugang mehr zu der Region

07. August 2006 Ein Hilfsgüter-Schiff des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) konnte am Montag nicht die südlibanesische Hafenstadt Tyrus anlaufen. Wegen der Feindseligkeiten habe das aus Zypern kommende Schiff ins weiter nördlich gelegene Sidon umgeleitet werden müssen, sagte eine Sprecherin der Organisation in Genf. Sie äußerte tiefe Besorgnis über die Lage der Zivilbevölkerung im Südlibanon. Seit drei Tagen hätten Hilfsorganisationen keinen Zugang mehr zu der Region. Die Menschen in den Dörfern versteckten sich in den Kellern. Sie seien dringend auf Hilfsgüter und Treibstoff angewiesen: „Treibstoff ist unerläßlich, um die Wasserpumpen in Betrieb zu halten.“

Nach Informationen örtlicher Mitarbeiter sei auch die Zugangsstraße nach Tyrus schwer beschädigt worden und daher unpassierbar. Die einzig verbliebene Brücke über den Fluß Litani bei Kasmijeh sei zerbombt worden, sagte ein Vertreter der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen (MSF). Nun könne ein Konvoi mit Lebensmitteln, Medizin und Benzin nicht mehr wie geplant nach Tyrus fahren.

Das Militär habe der Organisation zudem mitgeteilt, daß für die an dem Konvoi beteiligten Mitarbeiter keine Sicherheitsgarantien abgegeben werden könnten. „Wenn wir weitermachen, dann auf unser eigenes Risiko“, sagte der MSF-Vertreter. Die Gruppe denke aber dennoch darüber nach, die Hilfslieferungen am Flußbett abzuladen und dann per Hand auf die andere Seite zu schaffen. Die Brücke befand sich etwa zehn Kilometer nördlich von Tyrus, wo zuletzt besonders stark gekämpft worden war.

„Großes humanitäres Desaster“

Generell werfen Hilfsorganisationen Israel vor, ihnen während des inzwischen fast vier Wochen andauernden Libanon-Kriegs den Zugang zu den Krisengebieten zu erschweren. Fast eine Million Menschen sind auf der Flucht und benötigen dringend Hilfe. Erst am Sonntag hatte ein israelischer Luftangriff nur knapp einen UN-Hilfskonvoi verfehlt. Dabei wurden zwei Zivilisten getötet. IKRK-Präsident Jakob Kellenberger traf am Montag zu Gesprächen mit der libanesischen Regierung in Beirut ein.

Der Präsident der Hilfsorganisation Caritas International, Martin Salm, warnte vor einem Zusammenbruch der libanesischen Wirtschaft, sollte der Konflikt nicht bald enden. „Wir machen uns sehr große Sorgen, daß die gesamte Wirtschaft kollabiert, wenn dieser Krieg und auch die Blockade des Landes weitergeht“, sagte Salm am Montag im Südwestrundfunk. „Es gibt kaum noch Verkehr, es gibt kaum noch Handel.“ Es drohe ein „großes humanitäres Desaster“.

Salm wies darauf hin, daß etwa 800.000 bis eine Million Libanesen ihre Heimatorte hätten verlassen müssen. Bei einer Gesamtbevölkerung von vier Millionen Menschen sei damit „ein Viertel der Bevölkerung betroffen“. Die Flüchtlinge lebten „in Schulen, in Sportclubs, in Moscheen, sind bei Familienangehörigen untergekommen“. Die Caritas unterstütze im Libanon in 36 Sozialzentren etwa 80.000 Menschen medizinisch und mit Lebensmitteln, sagte Salm. „Aber das Schlimmste ist die Traumatisierung der Menschen, insbesondere der Kinder. Und da zu helfen, ist sehr, sehr schwierig.“

Bundesregierung verstärkt diplomatische Bemühungen

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) setzte sich gemeinsam mit dem libanesischen Ministerpräsidenten Fuad Siniora für eine schnelle Verabschiedung der geplanten Nahost-Resolution im Sicherheitsrat ein. Merkel führte nach Regierungsangaben mit Siniora Montag vormittag ein ausführliches Telefonat über die politische Situation auf Grundlage der Resolution. Es werde die Chance für einen Einstieg in einen Prozeß gesehen, der zum endgültigen Ende des Konflikts führen könnte, sagte Regierungssprecher Thomas Steg in Berlin.

Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) fliegt am Dienstag zum zweiten Mal seit Ausbruch der kriegerischen Auseinandersetzungen im Libanon in den Nahen Osten. Stationen sind der Libanon, Israel und voraussichtlich die Palästinensischen Autonomiegebiete. Bei seinen Gesprächen will der Minister vor allem für den Entwurf der Libanon-Resolution des UN- Sicherheitsrates werben. Der Text wird in seiner jetzigen Fassung vor allem vom Libanon und Syrien sowie anderen arabischen Staaten abgelehnt.

In Beirut wird Steinmeier am Dienstag mit Libanons Regierungschef Fuad Siniora, Außenminister Fausi Salluch und Parlamentspräsident Nabih Berri zusammentreffen. Anschließend fliegt er nach Zypern zu einem Gespräch mit seinem Amtskollegen Giorgos Lillikkas. In Jerusalem stehen am Mittwoch Treffen mit Ministerpräsident Ehud Olmert, Außenministerin Zipi Liwni und Verteidigungsminister Amir Perez auf dem Programm. Zum Abschluß der Reise will Steinmeier am Donnerstag in Ramallah Palästinenser- Präsident Mahmud Abbas treffen. Steinmeier war bereits am 22./23. Juli im Nahen Osten und hatte dabei Gespräche in Ägypten, Israel und den Autonomiegebieten geführt.

Abstimmung über UN-Resolution verzögert sich

Der UN-Sicherheitsrat hat die Abstimmung über eine Libanon-Resolution aufgeschoben, um den Entwurf bearbeiten zu können. Wie der französische UN-Botschafter Jean-Marc de la Sablière am Montag sagte, sollen die Einwände der libanesischen Regierung stärker berücksichtigt werden. „Wir müssen die Sorgen aller bedenken, ohne die Logik des Textes aufzugeben“, sagte er. Viel Zeit bleibe dem Rat aber nicht mehr, der Moment für eine Entscheidung sei bald gekommen.

Die libanesische Regierung fordert ebenso wie die radikal-islamische Hizbullah den vollständigen Abzug der israelischen Soldaten aus dem Libanon als Voraussetzung für eine Waffenruhe. Am Montag wollte der Sicherheitsrat in New York weiter über den Text beraten. „Unsere Sorge ist natürlich, daß die libanesische Regierung mit dem Resolutionsentwurf, der von Frankreich und den Vereinigten Staaten vorgelegt worden ist, nicht einverstanden zu sein scheint“, zitierte die „New York Times“ den russischen UN-Botschafter Vitaly Tschurkin. „Also diskutieren wir die Lage, aber unglücklicherweise glaube ich nicht, daß wir einen Zauberstab haben.“

Der Text sei aber durchaus noch einmal in wesentlichen Punkten geändert worden, um den Vorbehalten entgegenzukommen. Der Entwurf fordert Israel und die Hizbullah zur „vollständigen Einstellung der Feindseligkeiten“ auf. Außerdem wird die „Entsendung einer internationalen Truppe in den Libanon“ in Aussicht gestellt.

Text: FAZ.NET mit dpa/AP
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, REUTERS

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