30. Dezember 2006 Schon einmal hatte man Saddam Hussein überschätzt. We've got him, rief der Leiter der amerikanisch geführten irakischen Zivilverwaltung Paul Bremer vor drei Jahren, nachdem Soldaten nach monatelanger Suche am 14. Dezember 2003 Saddam aus einem Erdloch gezerrt hatten. Nicht nur in den Vereinigten Staaten hofften damals viele, daß damit der Widerstand gegen den neuen Irak, der nach der Invasion der Koalition der Willigen im Frühjahr 2003 entstehen sollte, in sich zusammenbrechen werde. Aber es kam anders: Der gefürchtete Herrscher war in Haft, und dennoch überzogen Terroristen das Land mit sich steigernden Wellen der Gewalt, wie sie sich niemand hatte vorstellen können.
Als einende Symbolfigur hatte Saddam Hussein schon damals ausgedient. Auch seine Hinrichtung wird wohl nicht dazu beitragen, den Radikalen einen Todesstoß zu versetzen oder die innerirakische Versöhnung entscheidend voranzubringen.
Maliki unter Druck
Die Vollstreckung des Todesurteils verdeutlichte vielmehr ein weiteres Mal den Bedeutungsverlust des Diktators: Jetzt werden zwar seine treuesten Anhänger versuchen, mit neuer Gewalt zu zeigen, daß sie noch eine Rolle spielen; im Internet haben sie schon damit gedroht. Den meisten militanten Gegnern der politischen Nachkriegsordnung geht es aber längst nicht mehr darum, das einst von Saddam geführte Baath-Regime wiederaufleben zu lassen. Und auch die zurückhaltenden Reaktionen unter den Menschen im Irak und anderen arabischen Staaten zeigten, daß bei vielen die Verwunderung über den tiefen Fall des einst mächtigen Diktators überwog.
Mit der Entscheidung für eine schnelle Vollstreckung des Todesurteils wollte der schiitische Ministerpräsident Nuri al Maliki nun wohl Wort halten und Handlungsfähigkeit beweisen, obwohl der Zeitpunkt der Hinrichtung für seine schwache Regierung ungünstig ist. Schon nach dem Urteilsspruch Anfang November hatte Maliki angekündigt, daß Saddam vor Jahresende sterben werde.
Das geschah nun - sogar am Morgen des islamischen Opferfestes. Genau das hatte der radikale Schiitenprediger Muqtada Sadr gefordert und Maliki damit innenpolitisch bedrängt. Denn die irakischen Schiiten warteten ungeduldig darauf, daß Saddam sich seiner gerechten Strafe stellen mußte, obwohl zum Beispiel Kurdenführer und Staatspräsident Talabani von Anfang an Vorbehalte gegen die Todesstrafe geäußert hatte. Die Sunniten, die sich seit dem Sturz Saddams politisch an den Rand gedrängt fühlen, werden die Hinrichtung am Feiertag eher als einen weiteren schmerzhaften Triumph der Schiiten empfinden.
Sunniten sollen integriert werden
Erst vor zwei Wochen war Maliki auf die Sunniten zugegangen. Den Soldaten der Armee Saddam Husseins, die Paul Bremer aufgelöst hatte, bot Maliki an, in die neuen Sicherheitskräfte des Landes zurückzukehren. Zugleich regte er an, den Verfassungsartikel zu ändern, der es Mitgliedern der aufgelösten Baath-Partei verbietet, im öffentlichen Dienst zu arbeiten.
Viele Sunniten, die in Saddams Regime lange Jahre das Sagen hatten, schlossen sich nach dem Krieg im Frühjahr 2003 frustriert den Aufständischen an oder lehnten die neue Regierung ab, in der auf einmal die früher unterdrückten Schiiten und Kurden bestimmten. Die ersten Wahlen boykottierten die Sunniten noch, jetzt aber sind sie im zweiten frei gewählten Parlament wie auch in der Regierung vertreten. Von ihrer politischen Integration verspricht sich Maliki, seine schwache Regierung zu stärken, mit der immer mehr Iraker und auch die Vereinigten Staaten unzufrieden sind.
Eine allzu schnelle Hinrichtung Saddams lehnten aber auch einige seiner kurdischen Koalitionspartner ab. Sie wollten zuerst den Prozeß abgeschlossen sehen, in dem der frühere Präsident wegen der Giftgasangriffe auf Halabdscha und wegen der Kurdenverfolgung noch vor Gericht steht.
Saddams Anhänger im Hintertreffen
Große Gefahren von den Anhängern Saddams, die im Jahr 2003 zu den Aufständischen stießen, muß die Regierung Maliki aber kaum erwarten. Trotz ihrer militärischen Erfahrung und ihrer Finanzmittel waren sie schon Anfang 2004 im Vergleich zu den ausländischen Dschihadisten um den - im Juni 2006 getöteten - Al-Qaida-Führer Abu Mussab al Zarqawi ins Hintertreffen geraten.
Viele Angehörige des einst säkularen Baath-Regimes, die sich dem Widerstand anschlossen, machten sich zudem bald islamistische Ideen zu eigen. Das illustrierten islamische Namen wie Armee Muhammads, die sie ihren Gruppen gaben. Die Baath-Nostalgie hielt sich dagegen in Grenzen. So entstand kein Märtyrerkult um die seit 2003 verhafteten oder getöteten Führer aus der Baath-Zeit. Das wird jetzt bei Saddam auf lange Sicht kaum anders sein.
Wie die Zukunft des Landes ohne Saddam aussehen soll, haben die sunnitischen Extremisten bisher im unklaren gelassen. Einig sind sie sich nur in der Ablehnung der ausländischen Besatzung und des neuen Iraks, in dem auf einmal nicht mehr die Sunniten, sondern Schiiten und Kurden politisch das letzte Wort haben.
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AFP, REUTERS