Hizbullah

Stark wie selten zuvor

Von Hans-Christian Rößler

Präsident Lahoud lehnt die Auflösung der Hizbullah ab

Präsident Lahoud lehnt die Auflösung der Hizbullah ab

14. Juli 2006 Israel verlangt, daß die libanesische Regierung gegen die Hizbullah durchgreift. Doch die israelische Armee ist in einer Phase der innenpolitischen Schwäche in dem Nachbarland einmarschiert.

„Ein altes System ist zusammengebrochen, ein neues muß erst entstehen“, sagt ein libanesischer Journalist. Nach dem Mord am früheren Ministerpräsidenten Hariri am 14. Februar 2005 und dem überstürzten Abzug der syrischen Armee folgte dem politischen Überschwang bald eine Zeit der Lähmung: Die Opposition ist zerstritten, und noch immer ist der von vielen abgelehnte Emile Lahoud Präsident, den noch die Syrer in sein Amt brachten. Nur die schiitische Hizbullah ist stark wie selten zuvor.

Keine Schwächung durch Abzug Syriens

Nach dem Anschlag auf Hariri und den folgenden Großdemonstrationen hielt sich die schiitische „Partei Gottes“ zunächst im Hintergrund; nur einmal organisierte sie eine Kundgebung zur Unterstützung der Syrer. Deren Rückzug konnte die Hizbullah nicht wirklich schwächen, obwohl Damaskus neben Teheran der Schiitenorganisation seit vielen Jahren die Treue hält.

Rechtliche Grundlage für den Abzug der ausländischen Truppen bildete die UN-Resolution 1559 vom 2. September 2004. In ihr geht es aber auch um die Hizbullah, ohne daß diese dort mit Namen erwähnt wird. Denn der Text verlangt auch die Auflösung und Entwaffnung aller Milizen im Libanon.

Ministerpräsident Siniora: „Widerstandsbewegung“

Kleinere bewaffnete Einheiten wurden schon in die libanesische Armee integriert. Das kommt aber für Präsident Lahoud mit Blick auf die Hizbullah nicht in Frage: Ihre Auflösung würde den Libanon gegenüber dem israelischen Feind schwächen, sagte er zur Begründung. Auch der (sunnitische) Ministerpräsident Siniora würdigte schon in einer Regierungserklärung die Rolle der Schiitenorganisation als „Widerstandsbewegung“. Sie müsse weiterbestehen, solange Israel libanesisches Staatsgebiet besetzt halte.

Auch von seiten der Christen stießen die Schiiten unter Scheich Nasrallah auf Anerkennung: Mit dem starken Mann der Maroniten, Michel Aoun, schlossen sie ein Abkommen. Mit fünf Ministern im Kabinett in Beirut und 35 Abgeordneten im Parlament (gemeinsam mit der schiitischen Amal) spielt die Hizbullah auch politisch eine wichtige Rolle im äußerst komplizierten Proporzsystem des Landes.

Schiiten geschlossen hinter Hizbullah

Stärker fallen aber noch der Bevölkerungsanteil der Schiiten und deren politische Geschlossenheit ins Gewicht: Unter den insgesamt knapp zwanzig Religionsgemeinschaften im Libanon bilden die Schiiten mit schätzungsweise vierzig Prozent die größte Gruppe. Und die Schiiten stehen mit großer Geschlossenheit hinter der Hizbullah: In Umfragen unterstützten zuletzt mehr als 95 Prozent die Bewaffnung der Hizbullah und mehr als 80 Prozent ihre Politik.

Selbstbewußt und kampfeslustig wie selten konnte daher Hizbullah-Chef Scheich Nasrallah die Entführung der beiden israelischen Soldaten bekanntgeben, die in den Schiitenvierteln mit Freudenkundgebungen gefeiert wurde.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

Legen Sie auf FAZjob.NET kostenfrei Ihre Bewerbungsmappe an und optimieren Sie ab sofort Ihre Karrierechancen mit ein paar Klicks!

FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche