Nahost-Konflikt

Israelische Truppen rücken auf Gaza-Stadt vor

Die Feuergefechte im Gazastreifen werden immer heftiger

Die Feuergefechte im Gazastreifen werden immer heftiger

04. Januar 2009 Nach dem Beginn der Bodenoffensive hat Israel den Gazastreifen am Sonntag mit seiner gesamten Militärmacht in die Zange genommen. Unterstützt von Kampfflugzeugen und Hubschraubern drangen Bodentruppen mit mehreren tausend Soldaten weit in das palästinensische Autonomiegebiet ein. Kriegsschiffe nahmen die Küstenregion auch von See aus unter Beschuss.

Gaza-Stadt wurde im Laufe des Sonntags von einer israelischen Infanterie-Einheit vom übrigen Gazastreifen abgeschnitten. Nach Angaben der palästinensischen Telefongesellschaft Paltel wurde auch des Telefonnetz fast völlig lahmgelegt. Die Infanterie-Einheiten der israelischen Armee kontrollieren nach Augenzeugenberichten auch die wichtigste Verkehrsstraße im Gazastreifen, die Salaheddin Road, nördlich und südlich von Gaza. Damit wäre das Autonomiegebiet bald komplett von der Außenwelt isoliert.

Einmarsch am Samstagabend

Die heftigsten Kämpfe gab es den Angaben zufolge in Dschabalija und Beit Lahija nördlich von Gaza. Dutzende Familien flohen in vollbeladenen Kleinbussen vor den vorrückenden israelischen Soldaten, wie Augenzeugen sagten. Nach Angaben eines israelischen Militärssprechers feuerten radikale Palästinenser seit Samstagabend 25 Geschosse aus dem Gazastreifen auf Israel ab.

Die israelischen Truppen waren am Samstagabend unterstützt von Kampfhubschraubern und Panzern im Norden des Gazastreifens in das von der radikalislamischen Hamas kontrollierte Palästinensergebiet vorgerückt. Nach Angaben palästinensischer Sicherheitskräfte kamen bei den Kämpfen allein am Sonntag mindestens 23 Palästinenser ums Leben, unter ihnen 17 Zivilisten.

Barak: Offensive ist nicht von kurzer Dauer

Nach Angaben eines israelischen Militärsprechers wurde bis zum späten Sonntagabend ein israelischer Soldat getötet. 30 wurden verletzt, davon zwei schwer. Mit der Bodenoffensive sollten Gebiete eingenommen werden, von denen aus Raketen auf Israel abgeschossen würden, erklärte das Büro von Israels Regierungschef Ehud Olmert.

Verteidigungsminister Ehud Barak drohte mit einer Ausweitung und Intensivierung der Offensive, „wenn nötig“ und erklärte, diese werde nicht von kurzer Dauer sein. „Wir wollen keinen Krieg, aber werden unsere Bürger nicht den anhaltenden Raketenangriffen der Hamas ausliefern“, sagte Barak in einer Fernsehansprache.

Unmittelbar nach Beginn der Bodenoffensive leitete die Armee die Mobilisierung von Tausenden von Reservisten ein. Die Hamas reagierte mit Drohungen auf den Einmarsch. „Mit Gottes Hilfe wird Gaza für euch zum Friedhof werden“, erklärte ein Hamas-Sprecher.

EU stellt drei Millionen Euro Nothilfe bereit

Eine EU-Delagation unter Leitung des tschechischen Außenminister Karel Schwarzenberg brach am Sonntagnachmittag zu einer dreitägigen Vermittlungsreise nach Ägypten, Israel, Ramallah und Jordanien auf. In Kairo wollten die EU-Vertreter am Abend zunächst den ägyptischen Außenminister Ahmed Abul Gheit treffen. Am Montag ist ein gemeinsames Gespräch der EU-Delegation und Sarkozys mit Palästinenserpräsident Mahmud Abbas geplant.

EU-Entwicklungskommissar Louis Michel forderte Israel unterdessen auf, seine internationalen Verpflichtungen einzuhalten und Hilfslieferungen für den Gazastreifen zu ermöglichen. Die EU-Kommission stellt demnach drei Millionen Euro für Nothilfe im Gazastreifen bereit.

Weltweite Kritik an Bodenoffensive

International stieß der Beginn der Bodenoffensive auf teils heftige Kritik. UN-Generalsekretär Ban Ki-moon forderte, Israel müsse den Einsatz sofort beenden und alles tun, um den Schutz von Zivilisten zu gewährleisten. Der UN-Sicherheitsrat konnte sich am Samstag in seiner Sondersitzung allerdings nicht auf eine Erklärung zu einem Waffenstillstand einigen. Das Geschehen im UN-Sicherheitsrat sei eine „Farce“ und beweise, dass die Vereinigten Staaten und Israel die Entscheidungsfindung in dem Gremium beherrschten, kritisierte Hamas-Sprecher Fausi Barhum.

Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) äußerte sich besorgt „angesichts der weiteren Eskalation der Kampfhandlungen“. Dies rücke „die Hoffnung auf eine kurzfristige Einstellung in weite Ferne“. Der britische Regierungschef Gordon Brown forderte, die internationale Gemeinschaft müsse stärker als zuvor auf eine „umgehenden Waffenstillstand“ hinarbeiten. Russland kündigte an, einen Sondergesandten in den Nahen Osten zu schicken, der bei der Vermittlung einer Waffenruhe helfen soll.

Die Türkei, eines der wenigen mit Israel befreundeten muslimischen Länder, verurteilte die Bodenoffensive als „nicht akzeptabel“. Papst Benedikt XVI. forderte Israel und die Palästinenser zum sofortigen Ende der Gewalt auf. Er sei bestürzt über die „dramatischen Nachrichten“. (Siehe auch: Besorgnis in aller Welt über Eskalation in Gaza)

Zehntausende demonstrieren

Weltweit protestierten am Wochenende abermals Zehntausende gegen den israelischen Militäreinsatz. Allein in Deutschland wurden weit mehr als 20.000 Demonstranten gezählt. In Frankfurt am Main kamen rund 10.000 Menschen zusammen, in Berlin gab die Polizei die Zahl der Demonstranten mit etwa 7000 an, in Düsseldorf waren es rund 4000.

In Paris bekundeten nach Angaben der Veranstalter etwa 25.000 Menschen ihre Solidarität mit den Palästinensern. In Großbritannien versammelten sich in rund 20 Städten ebenfalls deutlich mehr als 10.000 Menschen zu Protestaktionen. Auch in Israel selbst gab es Demonstrationen, an denen sich vor allem israelische Araber beteiligten.

Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, F.A.Z., REUTERS

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