Gazastreifen

„Ein massiver Angriff auf die Zivilbevölkerung“

Kritische Lage: Flüchtlingslager in Beit Lahiya

Kritische Lage: Flüchtlingslager in Beit Lahiya

18. Februar 2009 Ralf Syring, 62, arbeitet seit Mitte der neunziger Jahre als Kinderarzt in Afrika, zuletzt in Angola, Mozambique und Senegal, demnächst in Kongo-Kinshasa. Davor war der studierte Theologe und Berufsschullehrer auch als Arzt in El Salvador tätig. Anfang des Monats besuchte er im Auftrag der Hilfsorganisation Medico International für eine Woche lang den Gaza-Streifen. Mit ihm sprach Markus Bickel.

Herr Syring, Sie sind gerade aus dem Gazastreifen zurück gekehrt. Wie ist die Lage dort einen Monat nach Ende des bewaffneten Konflikts zwischen der Hamas und Israel?

Nationalisten oder Terroristen? Hamas-Sicherheitsmänner am Wochenende im Gazastreifen

Nationalisten oder Terroristen? Hamas-Sicherheitsmänner am Wochenende im Gazastreifen

Es ist ruhiger geworden, auch wenn es während meiner Reise immer wieder einzelne gezielte israelische Angriffe gegeben hat. Hinzu kommt die Zerstörung, die offenbar auf zwei verschiedene Weisen durchgeführt worden ist. Zum einen gab es sehr präzise Angriffe auf Polizei- und Regierungsgebäude sowie Moscheen. Mit der gleichen Präzision sind aber auch mobile Kliniken getroffen worden. Ich habe die Wracks von drei solcher Fahrzeuge gesehen, die neben dem Gebäude einer Gesundheitsorganisation standen - in dicht besiedeltem Gebiet. Zum andern wurden ganze Stadtteile zerstört.

Was für Zerstörungen sind Ihnen noch aufgefallen?

Ich habe einen Vater gesprochen, der seine vier Töchter verloren hat, weil die Wände ihrer Wohnung auf sie gestürzt sind, als ein Angriff eine daneben liegende Moschee traf. Überall waren zudem Zerstörungen zu sehen, die während der israelischen Bodeninvasion entstanden sein müssen: Da ich kein Militärexperte bin, kann ich dieses Vorgehen nur als Angreifen ganzer Stadtteile bezeichnen. Dort sehen Sie Wohnblocks mit großen Löchern. Sehr viele Wohnungen sind auf diese Weise zerstört worden. Durch zwei Viertel, in Rafah und Dschabalija, bin ich gekommen, die durch Panzer und Bulldozer zerstört wurden, da standen nur noch Rudimente von Wohnblocks. Mein Eindruck war, dass da ein ganz massiver Angriff auf die Zivilbevölkerung stattgefunden hat.

Kritiker werfen der Hamas vor, sich genau das zunutze gemacht zu haben: Sie habe die Zivilbevölkerung als menschliche Schutzschilde missbraucht.

Wenn man in einem so dicht besiedelten Gebiet - der Gazastreifen ist ja etwas kleiner als Bremen, hat aber knapp anderthalb Millionen Einwohner - militärisch vorgeht, bleibt den Menschen gar keine Fluchtmöglichkeit. Ich will den Beschuss Israels durch Qassam-Raketen nicht rechtfertigen, aber mit der Verwendung des Begriffs „menschlicher Schutzschilde“ wäre ich vorsichtig. Ich weiß einfach nicht, wohin die Bevölkerung hätte fliehen sollen bzw von wo aus diejenigen, die ihre Aktionen als Widerstand gegen eine Besatzung verstehen, diesen leisten sollen, wenn sie das dicht besiedelte Gebiet nicht verlassen können.

Haben sich Ihre Kollegen denn über mangelnde Unterstützung aus dem Westen beklagt?

Nein. Es ging vor allem darum, uns bestimmte Verletzungen zu schildern, die sie so nicht kannten. Die Krankenhäuser sind ja recht gut mit qualifiziertem Personal ausgestattet und auch materiell nicht schlecht ausgerüstet. Sie haben allenfalls mit einer Reihe von Hygieneproblemen zu kämpfen, was aber nicht an der Ausrüstung liegt. Selbstverständlich kommen die Reparatur und der Wiederaufbau hinzu, wo Krankenhäuser und andere Gesundheitseinrichtungen durch Bomben und Beschuss beschädigt oder zerstört wurden.Bei einem so massiven Angriff wie den im Dezember und Januar ist ein Gesundheitssystem von seiner Infrastruktur her natürlich überlastet - das wäre in Hamburg oder im Ruhrgebiet bei Tausenden von Verletzten nicht anders.

Welche Art von Verletzungen waren Ihren Kollegen neu?

Gesprächspartner? Hamas-Chef Kahled Meschal

Gesprächspartner? Hamas-Chef Kahled Meschal

Es gab Fälle von Verbrennungen, die zunächst nicht sehr großflächig waren. Doch nach zwei, drei Tagen, als die Traumatologen die Verbände öffneten, waren sie plötzlich viel größer und schlimmer - aus Verbrennungen zweiten Grades etwa wurden solche dritten Grades. Das führten sie zurück auf eine Kombination von Hitze und chemischer Einwirkung, was den Verdacht aufkommen lässt, dass Phosphorbomben eingesetzt wurden. Das aber muss im Einzelnen noch untersucht werden.

Kritiker werfen Israel vor, auch Streubomben eingesetzt zu haben.

Kollegen haben mir berichtet von Explosionen, bei denen Beine und Arme abgetrennt wurden. Ich kenne Minenverletzungen dieser Art aus Angola - dann hängen allerdings noch Muskel- und Hautreste an den Gliedmaßen. Die Amputationen, die im Gazastreifen aufgetreten sind, sahen überwiegend anders aus: wie direkt abgeschnitten, sehr glatt. Das nährt den Verdacht, dass so genannter DIME-Sprengstoff eingesetzt wurde, der dichtes, reaktionsträges Metall enthält. Das Entscheidende für mich aber ist, und das Internationale Komitee vom Roten Kreuz sieht das auch so, dass hier massiv Zivilbevölkerung angegriffen wurde, auch mit so einfachen Waffen wie Bulldozern.

Sie haben in Krisengebieten in Lateinamerika und Afrika als Arzt gearbeitet. Was unterscheidet den Gazastreifen von anderen Konfliktregionen?

Der Krieg geht weiter: Rauchsäule nach einem israelischen Luftangriff auf Rafah am Freitag

Der Krieg geht weiter: Rauchsäule nach einem israelischen Luftangriff auf Rafah am Freitag

Selbst erlebt habe ich Krieg nur in ländlichen Gebieten, in Angola und in Mittelamerika. Diese enorme Bevölkerungsdichte in einer solchen Situation habe ich bislang nicht gekannt. Das hat ja auch enorme Folgen z.B.für die Wasserversorgung. Wenn man allein die Zahl der Opfer nimmt, dann war sie in El Salvador oder Angola größer. Auch in Darfur, wo die mediale Aufmerksamkeit wesentlich geringer ist, kommen viel mehr Menschen um.

Die Situation im Gazastreifen unterscheidet sich von diesen Ländern dadurch, dass es dort eine relativ gut ausgebildete städtische Bevölkerung mit hohen ökonomischen Standards gibt. Auch die Flüchtlingslager sind ja als solche nur durch den Status der dort lebenden Menschen definiert, sind aber nicht etwa Lager aus Zelten oder Grashütten, sondern Städte. Damit will ich keine Wertung vornehmen oder Opfer gegeneinander aufrechnen. Ich habe die Situation wahrgenommen als Angriff auf eine recht gut funktionierende überwiegend städtische Gesellschaft, die allerdings schon vorher in einer sehr prekären Situation war.

Ist die Lage medzinisch nun wieder unter Kontrolle?

Nach dem Krieg: In Dschabailja im Norden des Gazastreifens

Nach dem Krieg: In Dschabailja im Norden des Gazastreifens

Im Vergleich zur Zeit der Angriffe: ja. Mir wurde berichtet, dass es da Schwierigkeiten gab, genügend Verbandsmaterial zu besorgen, auch bei Medikamenten herrschte Mangel. Für chronisch Kranke mit Bluthochdruck oder Diabetes etwa war kein Insulin zu beschaffen, wobei ich nicht weiß, ob es nicht vorhanden oder kein Zugang dazu da war. Inzwischen hat sich der Bedarf verschoben: Man braucht sicherlich plastische Chirurgie, um Verbrennungen zu behandeln und prothetische Behandlungen. Das ist vor allem für Kinder schwierig, weil die Prothesen im Laufe des Wachstums ja angepasst werden müssen.
Ich habe einen Jungen zuhause besucht, der hatte eine schwere Kopfverletzung. Weil er auf der linken Körperseite gelähmt ist und nichts mehr fühlt, muss er ständig umgelegt werden - um Dekubitus-Geschwüre zu verhindern, die sich infizieren und dann lebensgefährlich werden können. Mobile Kliniken, von denen aus Hausbesuche gemacht werden, gibt es, aber da der Bedarf nun so groß ist, lässt sich das kaum noch bewerkstelligen.

Wie schätzen Sie die psychischen Folgen des Konflikts ein, vor allem für Kinder?

Sehr gravierend und sehr langwierig. Kollegen haben bei Kindern regressives Verhalten beobachtet - Bettnässen und andere Reaktionen, als seien sie Jahre jünger. Viele Kinder trauen sich nicht mehr, in die Schule zu gehen. Ich war bei Menschen zu Besuch, deren Kinder weigerten sich, an einer anderen Stelle zu spielen als während der Angriffe, als sie sich in der Wohnung an einer Stelle zueinander gedrängt hatten, die sie als sicher ansahen im Fall, dass das Haus von einer Bombe getroffen würde. Hinzu kommt die Erfahrung der Kinder, dass ihre Eltern sie nicht schützen können - das hat sehr lang anhaltende Auswirkungen. Es gibt auch die Beobachtung, dass in einer Gesellschaft, in der das Selbstbewusstsein und die Position von Männern sehr stark davon geprägt ist, dass sie in der Lage sind, ihre Familien zu schützen, sie selbst mit Gewalt gegen Schwächere reagieren, wenn sie diese Position verlieren. Gewalt in der Familie gegen Kinder und Frauen sind die Folge.

Nach was wurden Sie am meisten gebeten während Ihres Besuchs?

Selten um Geld, sondern eher darum, mehr Fachleute für die psychosoziale Versorgung zu schicken oder auszubilden. Hinzu kommt eine Erfahrung, die ich öfter machte, so auch am letzten Abend, als ich zu Besuch bei einer Familie war. Dort fragte mich ein siebenjähriges Mädchen, ob ich auch jüdische Menschen treffen würde, wenn ich den Gazastreifen wieder verlasse. Und ob ich vor ihnen Angst hätte? Ich versuchte ihr zu erklären, dass nicht alle jüdischen Menschen Palästinenser angreifen wollen. An ihrem Gesichtsausdruck sah ich, dass sie mir das nicht glaubte. Das ist das katastrophale Ergebnis der Trennungspolitik der israelischen Regierung, die dazu führt, dass junge Israelis und Palästinenser sich nicht mehr treffen - und, schlimmer noch, dass junge Israelis Palästinenser nur durch die Zielfernrohre sehen.

Das heißt, ohne politische Lösung des Konflikts wird sich auch die humanitäre Lage nicht nachhaltig verändern lassen?

Wahrscheinlich ist das so. Ich würde nicht so weit gehen zu sagen, dass der ganze Friedensprozess zum Scheitern verurteilt ist. Aber solange alles, was wir von hier aus an Unterstützung leisten, nicht an die Wurzeln geht, sondern nur Symptome berührt, die die Isolation der Palästineser nicht anrührt, reproduziert sich diese krankmachende Situation lediglich.

Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AFP, AP, REUTERS

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