Libanon

„Ein Geschenk von Rice“

Von Markus Bickel, Beirut

Randale vor dem UN-Hauptquartier in Beirut

Randale vor dem UN-Hauptquartier in Beirut

31. Juli 2006 Ein Dutzend Männer sitzt und steht an der Statue am Märtyrerplatz im Herzen Beiruts. Im Frühjahr 2005 war das Areal rund um das Denkmal für die am Ende des Ersten Weltkrieges im Kampf gegen die osmanischen Fremdherrscher gefallenen libanesischen „Märtyrer“ Sammelpunkt der antisyrischen Bewegung des „Beiruter Frühlings“.

Als die syrischen Truppen nach fast drei Jahrzehnten im Libanon im April des vorigen Jahres abrückten, löste sich auch das hier entstandene Protest-Camp auf. Verwaist liegt die Fläche nun zwischen einem Parkplatz und dem seit Kriegsbeginn geschlossenen Kaufhaus „Virgin's Megastore“.

„Der Libanon wird siegen“

An diesem heißen Sonntagabend sind hier Intellektuelle, Publizisten und Künstler zusammengekommen. Sie fordern einen sofortigen Waffenstillstand und eine Untersuchungskommission zur Aufklärung des Todes von mehr als 50 Libanesen, darunter vielen Kindern und Frauen, in der Bergstadt Kana. Zwei Männer befestigen mit Klebeband Papiere im DIN-A4-Format an den Sockel des Denkmals. „Heute, heute, nicht morgen“, steht auf einem, „Freiheit, Souveränität, Unabhängigkeit“ auf einem anderen. Und klein am unteren Rand beider Zettel: „Der Libanon wird siegen.“

Am Vormittag hatten die Fernsehsender praktisch in Endlosschleife die Bilder von dem eingestürzten Wohnhaus in Kana und der Bergung der Leichname gezeigt. „Kana, nicht schon wieder Kana“, hörte man den ganzen Tag über die Leute in Beirut zueinander sagen. Die Tageszeitungen am Montag titeln „Wie viele Kinder müssen noch sterben?“, „Libanon vereinigt sich hinter seinen Opfern“ oder „Kana, das Unsagbare“.

Nach Kriegsbeginn ist nichts mehr wie vorher

Der Runde am Fuße des Denkmals ist nicht anzumerken, daß an diesem 19. Tag des neuen Libanon-Krieges etwas Außergewöhnliches passiert ist. Die meisten von ihnen sind älter als fünfzig Jahre, haben die langen Jahre des Bürgerkrieges (1975 bis 1990) miterlebt und die Anschlagsserie, die dem Mord an dem früheren libanesischen Ministerpräsidenten Rafik Hariri im Februar vergangenen Jahres folgte. Insgesamt 14 weitere Bomben gingen bis Dezember 2005 hoch, ums Leben kamen dabei zwei Protagonisten des „Beiruter Frühlings“, der bekannte Kolumnist von „Al Nahar“, Samir Kassir, und der Herausgeber der traditionsreichen liberalen Tageszeitung und Parlamentsabgeordnete Gibran Tueni.

Lokman Slim, mit 44 Jahren einer der Jüngeren aus dem Kreis der Männerrunde am Märtyrerplatz, ist erst tags zuvor per Fähre vom zyprischen Hafen Larnaka nach Beirut zurückgekehrt. Seit Jahren kritisiert der säkulare schiitische Verleger die Hizbullah von Generalsekretär Hassan Nasrallah vehement, hält ihnen ihre dem Libanon schadenden Allianzen mit Iran und Syrien vor. Doch nach Kriegsbeginn ist nichts mehr wie vorher.

Randale vor dem UN-Hauptquartier

„Die Frage nach unserer Haltung zur Hizbullah haben wir vorerst ausgeklammert“, sagt der Autor, der mit seiner deutschen Frau Monika Borgmann den Dokumentarfilm „Massaker“ gedreht hat, einen Film über sechs am Massenmord von Sabra und Shatila im September 1982 beteiligte Täter. Auch dieses Massaker im Libanon ist nie aufgeklärt worden, auch wenn die Ergebnisse eines israelischen Untersuchungsausschusses den damaligen Verteidigungsminister Ariel Scharon zum Rücktritt zwangen.

In Beirut aber wird längst nicht mehr nur Israel für den Beschuß des dreistöckigen Hauses verantwortlich gemacht. Am Mittag randalierten Hunderte vor dem Eingang des Hauptquartiers der Vereinten Nationen im Zentrum der Stadt, zerschlugen Fensterscheiben und setzten Vorhänge in Brand. Und 200 Meter südwärts vom Märtyrerplatz hängt inzwischen von der Stadtautobahnbrücke ein riesiges Plakat herab, das die amerikanische Außenministerin Condoleezza Rice zeigt. „Die Sünde des zweiten Massakers von Kana ist ein Geschenk von Rice“, heißt es darauf.

Text: F.A.Z., 01.08.2006, Nr. 176 / Seite 3
Bildmaterial: AP

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