Tragödie von Kana

Annan: Wir müssen diese Tat scharf verurteilen

Kana nach dem Angriff

Kana nach dem Angriff

30. Juli 2006 Ein verheerender israelischer Luftangriff auf das Dorf Kana im Südlibanon mit 56 Toten, die Hälfte davon Kinder, hat am Sonntag weltweit Entsetzen und Empörung ausgelöst. Das bislang folgenschwerste Bombardement seit Beginn des Libanon-Krieges vor fast drei Wochen versetzte Bemühungen der amerikanischen Außenministerin Condoleezza Rice um eine Beruhigung der Lage einen herben Rückschlag. Israel bedauerte die zivilen Opfer, bekräftigte aber, die Militärschläge fortzusetzen. In Beirut stürmte eine wütende Menge das Gebäude der UN-Vertretung. Die radikal-islamische Hizbullah kündigte „harte Vergeltung“ an.

UN-Generalsekretär Kofi Annan hat den Sicherheitsrat aufgefordert, den Angriff Israels auf Kana zu verurteilen. Außerdem müsse ein sofortiger Waffenstillstand verlangt werden. „Wir müssen diese Tat so scharf wie möglich verurteilen“, sagte Annan am Sonntag bei der Dringlichkeitssitzung des Gremiums der Vereinten Nationen (UN) in New York. „Ich bin tief beunruhigt, daß meine früheren Aufrufe zu einem sofortigen Ende der Feindseligkeiten nicht beachtet worden sind.“ Annan sagte: „Ich flehe Sie an, Ihre Differenzen beiseite zu schieben.“ Der Sicherheitsrat war auf Drängen des Libanons zur Dringlichkeitssitzung zusammengekommen.

Appell des Papstes

Der libanesische Ministerpräsident Fuad Siniora sprach von „Staatsterrorismus“. Er forderte eine sofortige Waffenruhe. Solange werde es keine Verhandlungen mit Israel geben. Rice sagte daraufhin ihren Besuch in Beirut ab. Siniora dankte am Sonntag der radikal-islamischen Hizbullah-Miliz für ihre „Opfer“ im Krieg gegen Israel. „Wir sind in einer starken Position“, sagte der Politiker. Vor allem danke er Hizbullah-Chef Sajjed Hassan Nasrallah für seine Bemühungen, betonte Siniora mit Blick auf die Erklärung des Milizenführers vom Vortag. Nasrallah hatte die Regierung aufgefordert, Vorteile aus der Standhaftigkeit der Hisbollah gegen die israelischen Angriffe im Libanon zu ziehen.

„Ich danke außerdem allen, die ihr Leben opfern für die Unabhängigkeit und Souveränität des Libanon“, fügte Siniora hinzu. Siniora, Mitglied der anti-syrischen Koalition, hatte sich in der Vergangenheit wiederholt Auseinandersetzungen mit der Hisbollah geliefert, die Unterstützung von der Regierung in Damaskus und dem Iran erhält. Die israelische Offensive im Libanon brachte die Lager offenbar einander näher. Papst Benedikt XVI. rief in einem eindringlichen Appell zum Frieden im Nahen Osten auf.

Unter den Trümmern noch immer Verwundete

Helfer sagten, mehr als 60 Menschen, zumeist Zivilisten, hätten im Keller des getroffenen vierstöckigen Gebäudes in Kana Schutz gesucht. Rettungskräfte und Dorfbewohner gruben mit bloßen Händen die Toten und Verletzten aus den Trümmern aus. „Die meisten Menschen hier sind vor dem Bombenhagel anderswo im Südlibanon geflohen“, sagte ein Rotkreuzmitarbeiter. „Unter den Trümmern sind immer noch Verwundete, und wir schaffen es nicht, sie zu bergen.“

Israels Regierungschef Ehud Olmert drückte „tiefes Bedauern“ aus. Sein Land versuche, keine Zivilisten zu treffen. Der Hizbullah warf er vor, Zivilisten als Schutzschilde für ihre Angriffe zu nutzen. „Wir werden den Krieg nicht beenden“, wurde Olmert zitiert. „Die Hizbullah, wie der ganze muslimische Terror, bedrohen die westliche Zivilisation.“ Das Militär begründete den Angriff mit Raketen-Attacken der Hizbullah, die vom Gebiet des Dorfes ausgegangen seien. Israel erneuerte seinen Aufruf an libanesische Zivilisten, den umkämpften Süden zu verlassen.

Bush: schmerzhaft und tragisch

Seit Beginn des Konflikts am 12. Juli kamen nach Angaben Sinioras mehr als 700 Menschen im Libanon ums Leben, 3000 wurden verletzt. In Israel wurden nach Angaben der Armee 51 Menschen getötet. Rice forderte von Israel mehr Umsicht zur Vermeidung ziviler Opfer. Sie werde ihre Vermittlung für eine tragfähige Waffenruhe fortsetzen, sagte sie in Jerusalem. „Wir wollen eine Waffenruhe so schnell wie möglich (...), aber die Konfliktparteien müssen sich auf eine Waffenruhe einigen.“ Es gebe bei ihren Gesprächen in Israel Fortschritte auf dem Weg zu einer politischen Lösung des Konfliktes.

Amerikas Präsident George W. Bush will die jüngste Gewalt- und Terrorwelle im Nahen Osten zu grundlegenden Umwälzungen nutzen. Er bezeichnete den Konflikt in seiner wöchentlichen Radioansprache am Samstag als schmerzhaft und tragisch. „Aber dies ist die Gelegenheit für größere Veränderungen im Nahen Osten.“

Steinmeier verlangt Waffenstillstand

Die Bundesregierung setzte sich vehement für eine diplomatische Lösung ein. Außenminister Frank-Walter Steinmeier verlangte einen schnellstmöglichen Waffenstillstand: „Ich bin der festen Überzeugung, daß dieser Konflikt nur im Rahmen einer politischen Regelung gelöst werden kann.“ Israel will einer Waffenruhe aber erst zustimmen, wenn die Hizbullah-Miliz Bedingungen dafür erfüllt hat. UN-Nothilfekoordinator Jan Egeland hatte am Freitag eine dreitägige „humanitäre Waffenpause“ gefordert, um Verwundete, Kinder und alte Menschen aus den umkämpften Gebieten bringen zu können.

Unterdessen weitete die israelische Armee ihre Einsätze von Bodentruppen im Libanon Richtung Norden aus. Um den libanesischen Grenzort Taibe gab es Gefechte, wie es hieß. Dabei seien zwei israelische Soldaten verletzt und drei Hizbullah-Kämpfer „getroffen“ worden. Die Hizbullah erklärte, sie habe mehrere israelische Soldaten getötet. Israel dementierte das. Am Vortag hatte sich die Armee nach tagelangen Gefechten aus der Hizbullah-Hochburg Bint Dschbeil zurückgezogen. In New York soll am Montag ein Treffen möglicher Teilnehmerländer einer Libanontruppe stattfinden.

Chirac: unentschuldbar

Die Vereinigten Staaten und Großbritannien hatten sich für eine rasche Entsendung multinationaler Truppen ausgesprochen. EU-Chefdiplomat Javier Solana forderte die Europäer in einem Interview mit der „Bild am Sonntag“ auf, sich daran zu beteiligen. In Deutschland wird eine mögliche Beteiligung zurückhaltend diskutiert. Für Bundeskanzlerin Angela Merkel stellt sich die Frage nach einem Nahost-Einsatz der Bundeswehr derzeit nicht. „Wir wissen ja noch nicht einmal, wie das Mandat aussehen wird“, sagte sie.

Der französische Präsident Jacques Chirac verurteilte den Angriff auf Kana als „unentschuldbar“. Jordaniens König Abdullah II. sprach von einem „häßlichen Verbrechen“. Rice äußerte ihr Bedauern. Auch die britische Außenministerin Margaret Beckett zeigte sich entsetzt, vermied es aber, Israel ausdrücklich zu verurteilen.

Angriff im Morgengrauen

Der israelische Luftangriff auf Kana erfolgte im Morgengrauen, als noch viele Menschen schliefen. Anwohner versuchten mit den bloßen Händen, Eingeschlossene unter Betonplatten zu retten. Die Menschen schrien aus Wut oder Trauer. Schon im April 1996 waren in Kana mehr als 100 Zivilisten durch israelischen Beschuß gestorben. Sie hatten Zuflucht in einem Stützpunkt von UN-Friedenstruppen gesucht.

Text: FAZ.NET mit Reuters/AP/dpa/AFP
Bildmaterial: AP, dpa, REUTERS

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