Israel

Das schwache Geschlecht der wilden Krieger

Von Michael Borgstede, Kiryat Malachi

Der Präsident beteuert seine Unschuld

Der Präsident beteuert seine Unschuld

27. November 2006 Nach einem kleinen Spaziergang durch das Zentrum von Kiryat Malachi muß sich jeder Besucher fragen, wie die Stadt zu ihrem Namen kam: „Stadt der Engel“. Warum sich Menschen in diesen heruntergekommenen Wohnungen aufhalten, ist schon schwer genug zu verstehen, aber Engel würden sich hierher sicherlich nicht verirren.

Es gibt eine ganz prosaische Erklärung für den hochtrabenden Namen: Als aus dem ehemaligen Durchgangslager für Neueinwanderer vor gut 50 Jahren eine Stadt werden sollte, spendeten die Juden einer anderen Engelsstadt, Los Angeles, großzügig einige Dollar. Nicht ohne Stolz erzählen die Bewohner von Kiryat Malachi diese Geschichte jedem der nicht gerade zahlreichen Besucher. Ansonsten gibt es hier wenig Anlaß zu Lokalpatriotismus.

Das Leben im Lager

Acht Frauen haben gegen Katsav ausgesagt

Acht Frauen haben gegen Katsav ausgesagt

Das Durchschnittseinkommen liegt knapp unter 1000 Euro, die Arbeitslosenquote ist weit höher als im nationalen Durchschnitt. Obwohl fast die Hälfte der 20 000 Einwohner jünger als 19 Jahre ist und es an Kindern auf der Straße wahrlich nicht mangelt, schrumpft die Bevölkerung jedes Jahr um fast zwei Prozent. Wer es sich leisten kann, verläßt die Engelsstadt.

Einer, der es sich leisten konnte und trotzdem nicht ging, ist Moshe Katsav. 1945 in Iran geboren, ging er mit seiner Familie 1951 nach Israel und kam in jenes Durchgangslager, aus dem später Kiryat Malachi wurde. Noch heute erinnern sich die älteren Einwohner an das Leben im Lager, und wenn sie erzählen, schwingen ein wenig Enttäuschung und kaum verdeckte Wut mit.

Die israelische Version des amerikanischen Traums

Das Leben im Gelobten Land hätten sie sich anders vorgestellt, auch hätten die Mitarbeiter der „Jewish Agency“ ihnen wahrlich anderes versprochen als ein überfülltes Zelt mit provisorischen Liegen und unzureichenden Sanitäranlagen. Die meisten Bewohner des Lagers waren sephardische Juden, kamen aus Nordafrika, aus der arabischen Welt oder eben Iran. Heute mischen sich diese Ureinwohner mit Neuankömmlingen aus der ehemaligen Sowjetunion und äthiopischen Juden. „Das zweite Israel“ werden Orte wie Kiryat Malachi manchmal genannt, in Abgrenzung zum „ersten Israel“ der europäischstämmigen Juden in Tel Aviv und Haifa.

Moshe Katsav war für die nördlich der Negev-Wüste gelegene Kleinstadt lange Zeit der erfolgreichste Exportartikel. Er verkörperte die israelische Version des amerikanischen Traums: aus dem Transitlager ins Präsidentenamt. Als Likud-Politiker nur mäßig erfolgreich, hatte er mit seinem Überraschungssieg gegen Friedensnobelpreisträger Schimon Peres bei den Wahlen im Jahr 2000 gezeigt, daß ein Sepharde es mit den angesehensten Institutionen des Establishments aufnehmen kann. Nach der Bekanntgabe des Wahlergebnisses wurde in Kiryat Malachi auf den Straßen ausgelassen gefeiert. Ein ehemaliger Bürgermeister ihrer Stadt als Präsident!

Sexuelle Belästigung, Vergewaltigung vorgeworfen

Die Feierlaune hat einer düsteren Enttäuschung Platz gemacht. Im Juli dieses Jahres wurde Katsav der sexuellen Belästigung, gar der Vergewaltigung beschuldigt, mittlerweile haben acht Frauen gegen ihn ausgesagt. Die Polizei empfiehlt eine Anklage, der Oberstaatsanwalt hat bereits angedeutet, daß die Beweise für ein Verfahren ausreichen könnten. Der Präsident beteuert weiterhin seine Unschuld und weigert sich, Rücktrittsforderungen nachzukommen. In Kiryat Malachi hat jeder so seine eigene Theorie zu den Anschuldigungen.

“Das könnte er seiner Frau doch nicht antun“

"Das könnte er seiner Frau doch nicht antun"

Ein Frau, die von ihrem Balkon direkt auf die Mauer des Grundstücks der Familie Katsav blickt, sagt: „Sie kennen ja das Sprichwort - wo Rauch ist, da gibt es auch Feuer.“ Mehr will sie nicht sagen. Ein alter Mann hat hingegen keinen Zweifel an der Unschuld des Präsidenten. Warum? „Das könnte er seiner Frau und seiner Familie doch nicht antun. Diese Scham . . .“

„Was soll ein Mann denn da machen?“

Und dann sind da die beiden jungen Männer in einem nach verbranntem Öl stinkenden Falafelladen. „Wer weiß, vielleicht kam sie ja jeden Morgen im Minirock zur Arbeit und trug diese Blusen, wo man alles sieht?“ sagt einer und fragt, ratlos die Hände gen Himmel streckend: „Was soll ein Mann denn da machen?“ „Genau, was hätte er denn da machen sollen?“ fragt auch sein Freund. Er ist sicher, daß es sich bei den Anschuldigungen um einen Racheakt von Peres handelt. „Er kann nicht mitansehen, daß einer von uns Präsident ist“, sagt er. „Außerdem kriegt Peres selbst keinen mehr hoch.“

Sexuelle Belästigung ist in der Armee keine Seltenheit

Sexuelle Belästigung ist in der Armee keine Seltenheit

So redet man in Kiryat Malachi, und von großem Respekt für Frauen zeugt das nicht. Der Chauvinismus hat in der israelischen Gesellschaft seinen angestammten Platz, daran konnte auch ein Gesetz gegen sexuelle Belästigung nichts ändern, das 1998 auf Initiative der Abgeordneten Yael Dayan verabschiedet wurde. Vielleicht war es kein Zufall, daß ausgerechnet die Tochter des legendären Verteidigungsministers Mosche Dayan sich für dieses Gesetz stark machte. Der Feldherr war für seine außerehelichen Affären berüchtigt und soll auch bei diesen Eroberungen wenig zimperlich vorgegangen sein.

Männerdominiert und sexistisch

An die Debatten über das Gesetz erinnert sich seine Tochter mit Unbehagen: „Es war ein mühsamer Prozeß damals. Immer wieder kamen dumme Sprüche von Kollegen in der Knesset.“ Immerhin gebe es heute eindeutige Gesetze. „Ich bin mir aber nicht sicher, inwieweit sich die Mentalität verändert hat.“ Es komme vor, daß ihr Unbekannte auf der Straße haßerfüllt zuriefen: „Bist du jetzt zufrieden, wo du auch den Präsidenten erwischt hast?“ Und wenn ausgerechnet junge Frauen sie fragten, ob es denn in Ordnung sei, daß der Präsident wegen einer kleinen Sekretärin in solche Schwierigkeiten gerate, dann zweifele sie schon an ihrem Lebenswerk.

“Wo Rauch ist, da ist auch Feuer“

"Wo Rauch ist, da ist auch Feuer"

Die israelische Gesellschaft bleibe im Grunde männerdominiert und sexistisch, resümiert Yael Dayan. Dafür gebe es viele Gründe. Als Gegenentwurf zum schwächlichen Ghetto-Bewohner propagierten die frühen Zionisten einen „neuen, wehrhaften Juden“. Eine gewisse Portion ungeschliffener Männlichkeit war erwünscht. Kein Wunder also, daß diese wilden Krieger ihre Rechte beim vermeintlich schwachen Geschlecht als Selbstverständlichkeit einforderten. In der Armee sahen Offiziere ihre weiblichen Untergebenen gern als Freiwild.

Notfalltelefon für Soldatinnen

Heute gibt es ein Vierundzwanzig-Stunden-Notfalltelefon für Soldatinnen, es gibt eine Frauenbeauftragte des Armeechefs, und dennoch ist sexuelle Belästigung in der Armee noch immer keine Seltenheit. Jede vierte junge Soldatin gab in einer Umfrage an, bedrängt worden zu sein.

Fragt man die jungen Frauen weiter nach unerwünschten sexuellen Angeboten oder anzüglichen Bemerkungen, liegt die Zahl der Betroffenen zwischen 70 und 85 Prozent. Offensichtlich ziehen aber auch die Frauen in Israel die Grenze der Belästigung weniger eng als anderswo. „Das ist der Gewöhnungseffekt“, erklärt Yael Dayan resigniert.

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 26.11.2006
Bildmaterial: AP, dpa, picture-alliance / dpa, REUTERS

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