23. August 2006 Die Siegesbotschaften der Hizbullah sind nicht zu übersehen. Unser Blut hat gewonnen, Das ist eure Demokratie, USA steht in grünen Buchstaben auf strahlend gelben Transparenten, die an der Kreuzung vor dem Eingang zum Hauptquartier der UN-Truppe für den Libanon (Unifil) im südlibanesischen Naqura hängen.
Klein darunter finden sich das Symbol und der arabische Schriftzug der Partei Gottes. Ein von Hizbullah-Angehörigen betriebenes Strandcafé direkt südlich hinter dem langgestreckten Gelände der Schutztruppe ist bei den Angriffen der israelischen Streitkräfte beschädigt worden. Bewaffnete Hizbullah-Kämpfer sind in der weitgehend menschenleeren Mittelmeergemeinde nicht zu sehen.
Etwas ungelenk wirken die Franzosen am Haupttor
Öffentlich sichtbar Waffen tragen hier gut eine Woche nach Beginn der Waffenruhe zwischen Israel und dem Libanon nur die ghanaischen und französischen Soldaten der bereits seit 1978 im Libanon stationierten Unifil-Einheiten.
Etwas ungelenk noch wirken die beiden Franzosen am Haupttor, die erst am Wochenende mit einem kleinen Vortrupp des französischen Kontingents in Naqura gelandet sind. Bis Ende der Woche sollen alle der insgesamt nur 200 Soldaten, die Frankreichs Präsident Chirac UN-Generalsekretär Annan zugesagt hat, im Südlibanon eingetroffen sein.
Debakel des internationalen Krisenmanagements
Alain Pellegrini ist schon seit mehr als zweieinhalb Jahren zu Hause in dem 123 Kilometer langen und bis zu 22 Kilometer tiefen Landstrich entlang der libanesisch-israelischen Grenze. Der französische Generalmajor an der Spitze der zur Zeit knapp 2000 Mann starken Unifil-Mission kennt das Terrain - und die Tücken, die ein politisch schwaches Mandat für die Einheiten auf dem Boden mit sich bringt. Als junger Oberstleutnant erlebte der heute 60 Jahre alte Offizier 1983 eines der bis dahin größten Debakel des internationalen Krisenmanagements mit.
Ein Jahr, nachdem im September 1982 die knapp 5000 Mann starken Multinationalen Streitkräfte (MNF) in den Libanon eingerückt waren, wurden 58 seiner französischen Kameraden bei einem Selbstmordattentat getötet, am gleichen Tag wie 241 amerikanische Marineinfanteristen. Nach nur anderthalb Jahren war die Mission gescheitert, im März 1984 rückten die letzten der anfangs 1500 französischen Soldaten wieder ab.
Die Situation ist nur eingefroren
Mehr als zwanzig Jahre später steht Pellegrini im großzügigen Empfangsbereich vor seinem Büro. Hinter ihm hängt ein Plakat der Vereinten Nationen. Die Suche nach Frieden - Ein universelles Unterfangen steht darauf. Unsere Mission ist der Erhalt des Friedens, sagt der Oberkommandierende und gibt gut eine Woche nach dem neuen Krieg im Libanon zu, daß die Unifil für diese Konfrontation nicht ausgerüstet war.
Zudem bestehe die angespannte Situation fort: Wir befinden uns in einer Waffenruhe, nicht im Waffenstillstand. Das heißt, daß die Situation nur eingefroren ist. Er vermute, daß sich die Hizbullah-Einheiten da befänden, wo sie zu Beginn der Waffenruhe waren.
Absender läßt sich nicht ermitteln
Zwei Katjuscha-Raketen flogen am Sonntag nur unweit des Unifil-Hauptquartiers ins Meer, registriert von einem der 36 Beobachterposten, die die Truppe in der Region zwischen Naqura im Südwesten und Scheeba im Nordosten unterhält. Der Absender ließ sich nicht ermitteln. Es können Irrläufer gewesen sein, eine Einzelaktion undisziplinierter Hizbullah-Kämpfer oder ein versuchter Angriff aus der Gegend der südöstlich von Naqura siedelnden Palästinenser.
Am Samstag führten israelische Soldaten eine Kommandoaktion in der Bekaa-Ebene durch, tief in libanesischem Territorium; auch am Montag beschossen israelische Einheiten mutmaßliche Hizbullah-Mitglieder. Bis Mitte der Woche gab es zudem mehr als ein halbes Dutzend Verletzungen des libanesischen Luftraums durch israelische Kampfflieger und Drohnen.
mit mehr Muskeln ausgestattet
In vielen libanesischen Zeitungen war vorige Woche scharfe Kritik am Zögern vor allem der EU-Mitgliedstaaten zu lesen, die in der UN-Resolution 1701 vereinbarte Verstärkung von Unifil rasch vorzunehmen. Mehrfach verweist Pellegrini dazu etwas hilflos auf den UN-Sicherheitsrat, der in den kommenden Tagen über Größe und Mandat der Truppe entscheiden will.
Erfolg könne die neue Mission aber nur haben, wenn sie mit mehr Muskeln ausgestattet sei als bislang, sagt der gebürtige Korse. Unabhängig davon, wie lange der laut Vertrag noch bis Februar 2007 mit dem Oberkommando Betraute selbst an der Unifil-Spitze stehe, gelte: Man muß mehr Mittel haben als ich momentan.
Wunschliste parat
Pellegrini hat eine Wunschliste parat, um der Truppe nach ihrer geplanten Aufstockung auf 15000 Soldaten zu mehr Durchsetzungsvermögen zu verhelfen: Überwachungsflugzeuge, Radaranlagen, kleine Schiffe, um die Küsten zu überwachen - all das sei nötig, sagt er, um sich auf beiden Seiten der Grenze Respekt zu verschaffen.
Auf die Frage nach der überall sichtbar fortbestehenden Präsenz der Hizbullah zuckt er nur mit den Schultern: Sie sind Libanesen. Die libanesische Armee müsse einschätzen, ob die Miliz weiter eine Bedrohung darstelle.
Abgeordneter der Partei Gottes
Daß vielleicht bald ein italienischer General seinen Posten übernehmen wird, nimmt Pellegrini mit Gelassenheit. Sie sind willkommen, sagt er über die italienischen Streitkräfte, die schon in der Multinationalen Truppe von 1983 mit 1400 Mann vertreten waren.
Einen nicht zu unterschätzenden Standortvorteil gegenüber den Franzosen bringen die italienischen Soldaten, die bis zu 3000 Mann stark sein sollen, jedenfalls mit: Während der französische Außenminister Douste-Blazy und Außenminister Steinmeier bei ihren Besuchen in Beirut die Begegnung mit Hizbullah-Parlamentariern mieden, suchte der italienische Außenminister D'Alema Mitte August den Kontakt mit Abgeordneten der Partei Gottes. Nicht zuletzt von deren Wohlwollen dürfte das Schicksal der erneuerten Unifil-Mission abhängen.
Text: F.A.Z., 24.08.2006, Nr. 196 / Seite 5
Bildmaterial: AFP, F.A.Z.