Naher Osten

Die Raketen auf Sderot

Von Jörg Bremer, Jerusalem

Hier starb Schirel Friedman - als Opfer des innerpalästinensischen Kampfes

Hier starb Schirel Friedman - als Opfer des innerpalästinensischen Kampfes

22. Mai 2007 Die 34 Jahre alte Schirel Friedman, die am Montag abend in der israelischen Stadt Sderot durch eine von Palästinensern abgeschossene Kassem-Rakete getötet wurde, ist ein Opfer des innerpalästinensischen Kampfes im Gazastreifen. Mit Israel hat der anhaltende Beschuss israelischer Städte durch die Palästinenser nur wenig zu tun - er ist vor allem ein Ablenkungsmanöver der islamistischen Hamas und richtet sich gegen den Sicherheitsplan der palästinensischen Einheitsregierung aus Hamas und der Fatah von Präsident Abbas.

Die Raketen sind zudem Teil des Streits zwischen dem zivilen und dem militärischen Flügel der Hamas, des Kampfs der Hamas gegen Fatah, und erst ganz zuletzt gehören sie zum Krieg gegen Israel.

Die Hamas sieht sich um ihren Wahlerfolg betrogen

Sderot wird entvölkert - Israeilis verlassen die Stadt in Scharen

Sderot wird entvölkert - Israeilis verlassen die Stadt in Scharen

Unter saudischen und ägyptischem Druck waren die Hamas und Fatah im März in Mekka dazu gebracht worden, nach Wochen des Blutvergießens eine Waffenruhe zu schließen und sich in einer Einheitsregierung zusammenzufinden. Schon damals wollten sich der militärische Flügel der Hamas und einige Hamas-Zivilisten wie der damalige Außenminister Zahar mit dieser Koalition nicht abfinden.

Sie sahen sich um ihren absoluten Sieg bei den Wahlen zum Autonomierat gebracht und in ein Joch mit der säkularen und mit dem Westen kooperierenden Fatah eingezwängt. Zwar musste sich Hamas die Unfähigkeit eingestehen, zumindestens den von den israelischen Soldaten und Siedlern verlassenen Gazastreifen zu regieren; aber dafür gab Hamas vor allem der anhaltenden Kontrolle der palästinensischen Grenzen durch Israel die Schuld.

Hoffnungslosigkeit hält Gazastreifen in Brand

Tatsächlich entwickelte die Hamas nie ein Regierungsprogramm. Sie wuchs trotz ihres Wahlsieges nie aus ihrer Oppositionsrolle heraus, und der Boykott durch Israel und den Westen gab ihr auch nie die Chance, sich zu bewähren. Die rivalisierende Fatah überließ ihrerseits der Hamas nie die wirkliche Macht. Vor allem die Sicherheitssysteme blieben der Fatah treu und verweigerten der neuen Regierung die Treue. Hamas schuf dagegen eine eigene Miliz, in der sich nicht nur Islamisten sammelten sondern auch Arbeitslose, die mit Waffe und Uniform zu Brot und Ehre kommen wollten.

Wäre der Gazastreifen ein offenes Wirtschaftsgebiet und mit dem Westjordanland verknüpft, dann wäre wohl die Terrorgefahr für Israel größer, aber es gäbe vermutlich weniger Terroristen, denn es ist vor allem die dichte Besiedlung, die extrem hohe Arbeitslosigkeit und die fehlende Hoffnung, die den Gazastreifen in Brand halten. Der Gazastreifen wird zu einem Albtraum für seine Bewohner und seine israelischen Nachbarn, vor allem in Sderot.

Abbas und Hanija können die Hamas nicht bändigen

Nun versuchten Präsident Abbas und der zu Hamas gehörende Ministerpräsident Hanija, einen Sicherheitsplan zu verwirklichen, der der Präsidentengarde die Verantwortung für Ruhe und Ordnung geben sollte. Doch der militärische Arm der Hamas wehrte sich: Es kam zu der Ermordung von Fatah-Sicherheitskräften beim Karni-Terminal nach Israel. Auch die Amerikaner scheiterten: Ihr Sicherheitsgeneral Dayton sollte die Fatah getreue Truppe mit Geld und Waffen verstärken. Stattdessen führte sein Einsatz zur Eskalation der Auseinandersetzungen. Brutaler denn je zog die Hamas gegen die Fatah-Sicherheitskräfte und tötete wohl mehr als 70 Menschen.

Der Krater eines Raketenangriffs Israels im Gazastreifen

Der Krater eines Raketenangriffs Israels im Gazastreifen

Während Israel und der Westen versuchten, Abbas zu stärken, erlebte seine Fatah im Gazastreifen eine Niederlage. Freilich hat Hamas kein Interesse daran, der Welt draußen dies Machtgefüge deutlich werden zu lassen. Sie braucht die Gelder, die der unabhängige Finanzminister Fajad für die Autonomiebehörde aquirieren soll. So nahm in den vergangenen Tagen die Zahl der Kasssem-Anschläge erheblich zu. Etwa 150 Raketen, eigentlich primitive "Konservendosen", schlugen in Israel ein. Sie sollten nach dem Willen der Hamas eine israelische Reaktion hervorrufen, die blutig genug war, um Hamas als Opfer darzustellen, ihr aber gleichzeitig den politischen Sieg lassen.

Islamisten feuern ungestört

Als Ministerpräsident Scharon im Sommer 2005 Siedler und Soldaten aus den Gazastreifen abzog, drohte er: „Wenn nach der Umgruppierung weiter Kasssem-Raketen auf uns fliegen, dann wird unsere Antwort schrecklich und entsetzlich sein.“ Er warnte vor „Reaktionen jenseits jeder Proportion“. Tatsächlich aber feuerten die Islamisten ungestört. Sie erreichten freilich in der Regel nur Weiden und Felder. Nur wenn Menschen getroffen wurden, reagierte die israelische Armee stärker und nur in Ausnahmefällen überquerten israelische Panzer die Grenze zum Gazastreifen: Kämpfe in den dicht besiedelten palästinensischen Orten kosten israelische Todesopfer und können ohne ein absehbares Ende sein.

Israelische Panzer patrouillieren an der Grenze bei Sderot

Israelische Panzer patrouillieren an der Grenze bei Sderot

Vor einem Jahr konnten palästinensische Terroristen den israelischen Soldaten Schalit vom Grenzstreifen entführen. Trotz einer Militäraktion danach ist der junge Mann weiter in der Hand seiner Entführer. Der Libanon-Krieg gegen die Hizbullah im vergangenen Sommer wurde von Israel zwar gewonnen, aber die vielen planerischen und taktischen Fehler führten zu einer heftigen Kritik, die die israelische Regierung noch mehr als früher vor einer weitreichenden militärischen Operation zurückschrecken lässt. Heute erscheint Israel ohne eine militärische und politische Option im Gazastreifen. Dabei wird die israelische Stadt Sderot langsam entvölkert. Schon wurden 80 Prozent der Kinder aus der Stadt gebracht. Kein Geschäft öffnet mehr normal. Allein die Schlange der Solidaritätsbesuche mit wohlfeilen Worten reißt nicht ab.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, REUTERS

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