Von Hans-Christian Rößler, Jerusalem
31. Juli 2006 Vor zehn Jahren waren es mehr als hundert Tote in Kana. Ministerpräsident Peres brach daraufhin überstürzt Früchte des Zorns ab, die damalige Militäroffensive im Südlibanon. Die israelischen Streitkräfte hatten im April 1996 ein UN-Gebäude angegriffen, in dem Zivilisten bei den UN-Truppen Schutz gesucht hatten. (Siehe auch: Kana - ein Ort des Erinnerns)
Am Tag nach dem zweiten israelischen Bombardement in Kana mit 56 Toten mahnen israelische Politiker und Kommentatoren Ministerpräsident Olmert, nicht in Panik zu geraten und auf keinen Fall der internationalen Empörung nachzugeben. Der Krieg hat ein gerechtfertigtes Ziel, und kein Ziel war mehr gerechtfertigt, rief Oppositionsführer Netanjahu in der Sondersitzung des Parlaments und blickte dabei in Richtung der Regierungsbank.
Keine Waffenruhe
Die Offensive müsse weitergehen. Das versprach wenig später Verteidigungsminister Peretz: Die Aussetzung der Luftangriffe bedeutete keine Waffenruhe; ein Ende des Krieges würde bedeuten, daß die Extremisten bald wieder ihre Häupter erheben. Und so ging nördlich von Metulla aus auch die am Samstag begonnene Bodenoffensive am Montag weiter. Unterstützung erhielt die Regierung auch aus der Presse.
Wenn Israel in diesem Krieg scheitert, dann wird es unmöglich sein, weiter im Nahen Osten zu leben, warnt die Zeitung Jediot Ahronot. Die Hizbullah habe am Sonntag vielleicht ihren größten PR-Erfolg erzielt, ohne selbst etwas dafür getan zu haben.
Stopp der Luftangriffe
Schimon Peres, dem nunmehr stellvertretenden Ministerpräsidenten, ging es am Sonntag darum, zu verhindern, daß die Bilder der in Plastiksäcken aufgereihten Kinderleichen in Kana Israel die Unterstützung kosten, die es in den vergangenen Tagen im Kampf gegen die Hizbullah gewonnen hatte. Um den internationalen Druck auf Israel zu verringern und wieder die Initiative zu gewinnen, war er sehr früh für einen 48 Stunden dauernden Stopp der Luftangriffe auf den Libanon eingetreten. Am Montag morgen um zwei Uhr trat dieser in Kraft.
Noch während der Kabinettssitzung am Sonntag vormittag hatte Olmert keine Anzeichen dafür erkennen lassen, daß er die Offensive unterbrechen oder drosseln würde. Doch zu diesem Zeitpunkt hatte die amerikanische Außenministerin Rice in Jerusalem schon versucht, die Regierungsspitze davon zu überzeugen, die Luftangriffe wenigstens für eine Weile auszusetzen.
Sie muß es mit vielen Argumenten probiert haben, wenn Berichte in Zeitungen und Rundfunk zutreffen: Im Irak unterbrächen bei ähnlichen Vorfällen die amerikanischen Truppen ihre Einsätze, bis alles untersucht ist, soll sie vorgebracht haben wie auch die Bitte, ihr mit der Angriffspause zu helfen, eine auch für Israel akzeptable UN-Resolution für ein Ende der Kämpfe zustande zu bringen.
Schließlich war es um Mitternacht das amerikanische State Department und nicht die Regierung in Jerusalem, das mitteilte, daß die israelische Luftwaffe für 48 Stunden ihre Angriffe aussetze, um das Bombardement von Kana zu untersuchen und damit sich die Zivilisten aus dem Süden in Sicherheit bringen können. Erst kurz zuvor setzte Olmert seinen Verteidigungsminister Peretz und die offensichtlich überraschten Generäle davon in Kenntnis.
Menschliche Schutzschilde
Zu untersuchen gibt es eine Menge. Mit Luftaufnahmen versuchte die Luftwaffe am Sonntag abend zu belegen, daß aus der unmittelbaren Umgebung des zerstörten Gebäudes die Hizbullah Geschosse auf Israel abgefeuert hatte. Nach Armeeangaben waren es mindestens 150 Katjuscha-Raketen seit Kriegsbeginn. Der Miliz wurde vorgehalten, sie nutze absichtlich Zivilisten als menschliche Schutzschilde. Zudem hätten die israelischen Streitkräfte die Menschen in Kana zuvor aufgefordert, ihre Häuser zu verlassen.
Statt dessen scheinen aber aus anderen Orten Menschen in das von Christen und Muslimen bewohnte Dorf geflohen zu sein. Sie hofften, daß Israel es wegen der christlichen Einwohnerschaft verschonen wird, wie Nachrichtenagenturen Überlebende zitierten. Zudem wagten viele nicht, sich über die stark zerstörte und immer wieder angegriffene Straße auf den Weg in die Hafenstadt Tyrus zu machen. Unklarheiten gibt es weiterhin über den zeitlichen Ablauf: Die israelische Luftwaffe griff das Gebäude nach eigenen Angaben kurz nach Mitternacht an, aber erst gut sieben Stunden später soll es eingestürzt sein.
Einigung im Sicherheitsrat?
Den israelischen Militärs kommt die Unterbrechung der Luftangriffe ungelegen. Sie befürchten, daß die Zeit knapp wird. Am Wochenende hatten Regierungsmitglieder geschätzt, man brauche noch zehn bis vierzehn Tage, um die wichtigsten Kriegsziele zu erreichen. Am Montag gab sich ein Militärsprecher schon bescheidener. Bis Donnerstag könnten es die Bodentruppen geschafft haben, auf einem ein bis zwei Kilometer breiten Streifen jenseits der Grenze alle Hizbullah-Stellungen zerstört zu haben.
In Jerusalem schließt man nicht mehr aus, daß der Sicherheitsrat sich schon am Freitag auf eine Resolution zur Beendigung der Kämpfe einigt, die bereits in der Nacht zum Samstag in Kraft treten könnte. Das muß dann kein sofortiges Ende der israelischen Militäraktion bedeuten, denn den Süden will die israelische Regierung nur der Kontrolle einer schlagkräftigen internationalen Truppe übergeben. Die muß aber erst aufgestellt werden. Dabei könnte der Angriff in Kana sowie der in der Vorwoche auf einen UN-Beobachterposten kontraproduktiv wirken, wie die Zeitung Maariv befürchtet. Wenn die Weltöffentlichkeit Israel feindlicher gesinnt wird, wird es für ausländische Regierungen schwerer, Einheiten für die internationale Truppe bereitzustellen, die Israel so dringend will.
Text: hcr.; Frankfurter Allgemeine Zeitung
Bildmaterial: AFP, AP, Reuters