06. Dezember 2007 Im Libanon einen Staatspräsidenten zu wählen ist momentan eine Aufgabe, die an die berühmte Quadratur des Kreises erinnert. Seit Wochen dauert das Ringen um die Nachfolge Emil Lahouds an. Das liegt zum einen daran, dass die politischen Kräfte des Landes zerstritten sind, zum anderen hat es aber auch damit zu tun, dass selbst das christliche Lager, aus dem das Staatsoberhaupt kommen muss, sich lange nicht einigen konnte. Nach dem Religionsproporz des Libanons, der diese Konkordanzdemokratie seit der Unabhängigkeit 1943 prägt, muss der Staatspräsident immer ein maronitischer Christ sein, während die Muslime den Ministerpräsidenten und den Parlamentspräsidenten stellen. Unter den Maroniten war es vor allem der einflussreiche frühere General Michel Aoun, der lange quergetrieben hat: Er sympathisiert - was früher undenkbar erschien - mit der schiitischen Hizbullah ("Partei Gottes") und verficht, wie diese, stärker prosyrische Positionen. Das widerstrebt nicht nur den meisten anderen Christen, sondern den antisyrischen Kräften insgesamt, die durch die Regierung unter Ministerpräsident Fuad Siniora, vor allem jedoch durch Saad Hariri und seine Anhänger repräsentiert werden. Dessen populärer Vater Rafiq Hariri war am 14. Februar 2005 einem mutmaßlich syrisch gesteuerten Anschlag zum Opfer gefallen.
Ob nun bei der nächsten Wahlrunde - wann auch immer - der Kompromisskandidat Michel Suleiman gewählt wird, ist schwer zu sagen. Die Aussichten stehen diesmal allerdings günstiger als bei den vorausgegangenen Versuchen, denn sowohl Saad Hariri als auch Michel Aoun haben ihn akzeptiert, Aoun "prinzipiell", wie er mitteilen ließ - was immer das für den Wahlgang bedeuten mag. Für Suleiman spricht sein Ansehen: Der seit neun Jahren amtierende Armeechef - auch er muss immer ein Maronit sein - hat das Image der als schwach geltenden, religiös gemischten Streitkräfte aufpolieren können. Erfolgreich rückten die Truppen in das "Hizbullah-Land" im Süden ein, und im Sommer gelang es ihnen unter Suleimans Führung, den Aufstand radikalislamischer Kämpfer der Gruppe Fatah al Islam im Palästinenserlager Nahr al Bared bei Tripoli niederzuschlagen.
General Michel Suleiman ist 59 Jahre alt. Wie fast alle gebildeten Libanesen spricht er außer Arabisch fließend Französisch und Englisch. Er ist verheiratet und hat drei Kinder. Seine militärische Laufbahn gründet auch auf einem Studium der Politikwissenschaft und des Verwaltungswesens. In der praktischen Politik freilich hat er keinerlei Erfahrung. Falls er gewählt werden sollte, wäre erstmals ein aktiver Armeechef zum Staatsoberhaupt gekürt worden, was die Verfassung ohne eine Änderung eigentlich nicht zulässt. Eine Militärdiktatur wird der Libanon dennoch nicht werden.
Dass sich die Streithähne nun auf General Suleiman verständigten, wird von manchen der Nahost-Konferenz von Annapolis zugeschrieben. Die hätte dann wenigstens einen ersten sichtbaren Erfolg zu verzeichnen.
WOLFGANG GÜNTER LERCH
Text: F.A.Z., 07.12.2007, Nr. 285 / Seite 12