Gaza-Krieg

„Es war kaltblütiger Mord“

Nach dem Krieg obdachlos: Palästinensische Familie in Beit Hanun

Nach dem Krieg obdachlos: Palästinensische Familie in Beit Hanun

19. März 2009 Israelische Soldaten haben die Öffentlichkeit mit Aussagen über wahllose Tötungen von Zivilisten während des Gaza-Kriegs schockiert. Die israelische Presse zitierte am Donnerstag aus der Mitschrift eines Treffens von Soldaten, die an einem Vorbereitungskurs der Militärakademie in Oranim teilnahmen. Wegen laxer Einsatzvorschriften seien Frauen und Kinder erschossen und Eigentum mutwillig zerstört worden.

Einer der Kommandeure erzählte von einer Anweisung, eine ältere Palästinenserin zu erschießen, die in etwa hundert Meter Entfernung von einer israelischen Stellung auf der Straße ging. Er sprach von „kaltblütigem Mord“. Ein anderer Kommandeur berichtete, wie ein Scharfschütze eine Mutter und ihre zwei Kinder erschoss, weil sie versehentlich in eine falsche Straße einbogen. Insgesamt habe der Eindruck vorgeherrscht, „dass das Leben von Palästinensern sehr, sehr viel weniger wichtig ist als das Leben unserer Soldaten“, sagte er.

„Ich habe das nicht verstanden“

Beim Stürmen von Häusern, in denen sich Zivilisten aufhielten, hätten Soldaten häufig wahllos und ohne Vorwarnung um sich geschossen. „Die Vorgesetzten sagten uns, das sei in Ordnung, weil jeder, der dageblieben ist, ein Terrorist ist“, sagte einer der Soldaten. „Ich habe das nicht verstanden. Wohin hätten sie denn fliehen sollen?“ Andere Soldaten hätten ihm gesagt, man müsse alle töten, „weil jeder in Gaza ein Terrorist ist“. Viele Soldaten hätten auch mutwillig den Besitz palästinensischer Familien zerstört, „weil es ihnen Spaß macht“. „Wir können sagen, so oft wir wollen, dass die israelische Armee moralisch überlegen ist, aber im Feld ist das einfach nicht so.“

Zudem wurde auf dem Treffen im Februar berichtet, Rabbiner hätten während der Kämpfe Schriften verteilt, nach denen es sich um einen religiös motivierten Krieg handele, in dem Nicht-Juden aus dem Land vertrieben werden sollten, das ihnen nicht gehöre. Die israelische Armee ordnete am Donnerstag an, den Berichten nachzugehen. Zuvor hatte die Armeeführung immer wieder darauf hingewiesen, dass in Gaza so viel wie noch nie getan worden sei, um die Zivilbevölkerung vor den Kriegsfolgen zu verschonen.

Der Leiter der Militärakademie, Danny Samir, sagte über die Aussagen während der Versammlung: „Für uns war das ein totaler Schock.“ Die israelische Organisation Rabbiner für Menschenrechte nannte die Vorfälle einen „moralischen Tsunami“ und rief zur nationalen Trauer und Buße auf.

Während der dreiwöchigen israelischen Militäroffensive im Gazastreifen zum Jahreswechsel wurden nach Angaben der palästinensischen Menschenrechtsorganisation PCHR insgesamt 1434 Palästinenser getötet und 5303 verletzt. Unter den Toten seien 960 Zivilisten, teilte die Organisation vor einer Woche zum Abschluss einer Untersuchung in Gaza mit. Israel wollte mit dem Einsatz den Raketenbeschuss israelischer Ortschaften durch militante Palästinenser aus dem Gazastreifen unterbinden. Die Angriffe gehen jedoch weiter.

Unterdessen nahmen die israelische Armee und der der Geheimdienst Schin Bet zwei Tage nach den gescheiterten Verhandlungen zur Freilassung des in Gaza entführten Soldaten Schalit in der Nacht zu Donnerstag im Westjordanland zehn Hamas-Mitglieder fest. Unter ihnen waren auch ein früherer stellvertretender Ministerpräsident, vier Abgeordnete und ein Universitätsprofessor. Sie hätten versucht, den Einfluss der Hamas in der Region auszubauen, teilte ein Armeesprecher zur Begründung mit.

Text: FAZ.NET mit hcr.
Bildmaterial: AFP

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