Muslime in Aufruhr

Zorn, Hass und Rachegelüste

Von Rainer Hermann, Abu Dhabi

29. Dezember 2008 Die großen arabischen Nachrichtensender haben die Bilder in die letzten Winkel der arabischen Welt ausgestrahlt: In Nahaufnahmen zeigten sie getötete Palästinenser und in Weitwinkelperspektive die arabischen Massenproteste. Von den israelischen Angriffen auf den Gazastreifen sendeten Al Dschazira und Al Arabiya Aufnahmen, die in westlichen Medien nicht vorkamen. Was zu sehen war, löste Gefühle des „Zorns, des Hasses und der Rache“ aus, wie die panarabische Tageszeitung „Al Hayat“ kommentierte. Das „Massaker“ spülte, so der Kommentator, „eine außergewöhnliche Spannung in die Venen der arabischen Welt“.

Die Massendemonstrationen, in denen sich diese Wut entlud, illustrieren die Kluft zwischen der „arabischen Straße“, die dem israelischen Vorgehen nicht tatenlos zusehen will, und den Regierungen, die das Geschehen ratlos verfolgen. In der irakischen Stadt Samarra war auf einem Transparent zu lesen: „Hinter den Bomben steht das arabische Schweigen“. In Damaskus fragte ein syrischer Demonstrant auf seinem Plakat: „Wie lange noch wird das arabische Schweigen anhalten?“ Zum Sprecher der Demonstranten schwang sich der libysche Staatspräsident Gaddafi auf, der den arabischen Staatsführern „Feigheit, Schwäche und Defätismus“ vorwarf.

Die Wut über Israels Angriffe entlädt sich - wie hier im arabischen Teil Jerusalems
Die Wut über Israels Angriffe entlädt sich - wie hier im arabischen Teil Jerusalems

Deutlich werden die Spannungen vor allem in Ägypten. In zahlreichen Städten kam es zu Protesten, die meist von den islamistischen Muslimbrüdern organisiert wurden, die der Hamas nahestehen. Ein regierungsnaher Abgeordneter hingegen behauptete im Parlament, Iran wolle mit Hilfe der Hamas und der ägyptischen Muslimbrüder Konflikte nicht nur in Palästina, sondern auch in Ägypten schüren. Ein Abgeordneter der Muslimbruderschaft hielt dem entgegen, Israels Entscheidung für die Angriffe auf den Gazastreifen sei nach Gesprächen zwischen den Außenministern Ägyptens und Israels in Kairo gefallen. Der ägyptische Außenminister Abu al Ghaith sagte dazu abwiegelnd, Ägypten habe die Hamas ja vor einem möglich israelischen Angriff auf Gaza gewarnt; diese aber habe die Warnungen in den Wind geschlagen.

Ein Blick in die saudische Presse zeigt die Gratwanderung der Länder, die den Radikalismus der Hamas ablehnen. Die englischsprachige Zeitung „Arab News“ führt die Ursache für die „grauenhaften Fernsehbilder“ auf ein Denken zurück, das sich in einem Satz des russischen Zionisten und Gründers der Untergrundbewegung Irgun, Vladimir Jabotinsky, widerspiegele: „Für einen kindischen Humanismus hat die heutige Moral keinen Platz.“ Israel könne zwar die Führer der Hamas töten, nicht aber den Willen des palästinensischen Volkes zur Selbstbehauptung brechen.

Scharf greift Tariq al Humaid, der Chefredakteur der einflussreichsten arabischen Tageszeitung „Al Sharq al Awsat“, die Hamas an. Die arabische Welt werde die Entscheidung über Krieg und Frieden nicht der Hamas und ihrem in Damaskus residierenden Exilführer Khaled Meschal abtreten. Wer mit der Hamas zu nachsichtig umgehe, mache sich am verlängerten Leiden der Palästinenser schuldig und verherrliche letztlich eine blutige Politik. Die Hamas unterlaufe die ägyptischen Bemühungen um Frieden und liefere dem israelischen Hardliner Netanjahu eine Steilvorlage für die Wahl Mitte Februar – denn dessen Wahl würde Aktionen der Hamas und Irans gegen Israel rechtfertigen. Der Saudi Humaid vermutet, Hamas und Iran hätten die israelische Aggression auch provoziert, um die Friedensverhandlungen zwischen Israel und Syrien zu verhindern.

Neue Rekruten für Al Qaida?

Als „skrupellos“ bezeichnet in „Al Hayat“ hingegen Mamun Fendi die Äußerung des israelischen Ministerpräsidenten Olmert, Israel habe angegriffen, weil eine Hamas-Rakete einen israelischen Staatsbürger getötet habe. Zur Zeit der Äußerung von Olmert seien schon mehr als 200 Palästinenser getötet worden. Fendi fürchtet, die Eskalation treibe „alle gemäßigten arabischen Intellektuellen, Politiker und Menschen in die Enge“. Er schreibt: „Israel ebnet den Weg für die radikalen Kräfte, die Gemäßigten zu beseitigen und selbst die Macht zu übernehmen.“

So zitiert die saudische Nachrichtenagentur aus einem Telefongespräch der Könige Saudi-Arabiens und Jordaniens, sie seien über gefährliche Auswirkungen für die gesamte Region beunruhigt. Auch die englischsprachige Qualitätszeitung „The National“ aus Abu Dhabi fürchtet, dass sich bei der großen Sympathie für die leidenden Menschen im Gazastreifen die Krise leicht ausbreiten könne. Vor allem könne das Terrornetz Al Qaida, dessen Stern zuletzt sank, nun wieder mit einer Welle neuer Rekruten rechnen.

Rami Khouri, der sprachgewaltige Chefredakteur des in Beirut erscheinenden „Daily Star“, fürchtet in einem Meinungsbeitrag, der am Montag in mehreren arabischen Zeitungen erschien, dass der israelische Angriff auf Gaza alle „fünf Plagen“ verstärke werde, die Israel wie die arabische Welt seit Jahrzehnten im Würgegriff hielten: Auch aus diesem Angriff würden die niedergeknüppelten Araber rasch gestärkt und mit größeren technischen Fähigkeiten hervorgehen; die israelische Grausamkeit zerstöre die friedenswilligen arabischen Partner; sie mache aus Freunden Israels in der Region Feinde; sie transformiere die bisher gefügige Bevölkerung in einen Rekrutierungspool für Militante und Selbstmordattentäter; und sie schaffe den Boden für das Gedeihen des Islamismus.

Wieder Resolutionen ohne Wirkung

So scharf meldete sich aber mit Ausnahme Gaddafis kein arabischer Politiker zu Wort. Am weitesten wagte sich der omanische Außenminister Yusuf Bin Alawi vor: Jeder fühle das Leiden der Palästinenser im Gazastreifen und dem Westjordanland, sagte er. Dann forderte er die rivalisierenden Fraktionen der Palästinenser auf, sich zusammenzufinden. Immerhin rief der Chef des Politbüros der Hamas, Meschal, aus Damaskus in Abu Dhabi den Präsidenten der Vereinigten Arabischen Emirate, Chalifa Bin Zayed Al Nahyan, an und bat ihn um Hilfe. Der bot ihm Unterstützung für ein Ende der „Aggression der gegen das palästinensische Volk“ an.

Die arabischen Politiker kommen auch in diesem Konflikt wieder zu Krisensitzungen zusammen. Den Anfang machten am Sonntag die Außenminister der sechs Staaten des Golfskooperationsrats (GCC). Am Mittwoch wollen sich alle arabischen Außenminister in Kairo treffen, am 2. Januar könnte ein arabisches Gipfeltreffen in Doha folgen. Ihre Resolutionen werden, wie frühere auch, ohne Wirkung bleiben.

Arabische Islamisten fordern indessen die Regierenden mit drohendem Unterton auf, keine unnützen Treffen abzuhalten, auf denen keine konkreten Beschlüsse zur Unterstützung der Palästinenser gefasst würden.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, dpa

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