14. August 2006 Die an diesem Montag morgen nach fast fünf Wochen heftiger Kämpfe in Kraft getretene Waffenruhe zwischen Israel und der Hizbullah ist nach Angaben des libanesischen Finanzministers Dschihad Asur stabil. Es komme zu keinen Schußwechseln mehr, sagte Asur einem französischen Fernsehsender. Entlang der gesamten Grenze sowie in den anderen Zonen, in denen es zuvor zu Feindseligkeiten gekommen war, werde die Waffenruhe nach den ihm vorliegenden Informationen eingehalten.
Unterdessen sind mehrere tausend Flüchtlinge in den Südlibanon zurückgekehrt. Auf einer Straße von der Hafenstadt Sidon in Richtung Süden stauten sich Hunderte Autos. Die meisten Straßen und Brücken im Süden des Landes waren während der etwa einmonatigen Offensive der israelischen Armee gegen die Hizbullah-Miliz zerstört worden.
Rückzug erster Truppenkontingente
Israel hat nach Militärangaben mit dem Abzug erster Truppenkontingente aus dem Libanon begonnen. Genaue Zahlen nannte die israelische Armee bislang nicht. Ein Sprecher sagte lediglich, einige Soldaten würden sich zurückziehen, doch viele würden im Südlibanon bleiben. Israel war mit schätzungsweise 30.000 Soldaten in den Libanon eingerückt, um dort gegen die Hizbullah-Miliz vorzugehen.
Nachdem der lang ersehnte Waffenstillstand um sieben Uhr unserer Zeit in Kraft getreten war, rief Israel seine Streitkräfte dazu auf, die Angriffe einzustellen. Ein Militärsprecher sagte, die Truppen seien angewiesen worden, auf Kampfhandlungen zu verzichten. Sie würden aber dennoch alles tun, um Angriffe von Seiten der Hizbullah abzuwehren. Außerdem würden die Luft- und die Seeblockade gegen den Libanon aufrechterhalten.
Kurz zuvor noch Luftangriffe
Kurz vor der vereinbarten Waffenruhe hatte Israel abermals Luftangriffe im Libanon geflogen. Kampfflugzeuge hatten am frühen Montag ein Dorf in der Nähe der Hizbullah-Hochburg Baalbek und ein Büro der Volksfront für die Befreiung Palästinas (PFLP) am Rand eines palästinensischen Flüchtlingslagers in Sidon beschossen. Über mögliche Opfer war zunächst nichts bekannt. Sonntag abend wurden nach Angaben des libanesischen Zivilschutzes bei der Bombardierung eines Dorfs in der Nähe von Baalbek mindestens sieben Menschen getötet.
Bei dem Angriff am Sonntag in Brital seien etwa 20 Menschen verletzt worden, sagte ein Sprecher des Zivilschutzes. Drei Häuser seien zerstört worden, unter den Trümmern würden weitere Opfer vermutet. Brital liegt etwa 15 Kilometer von Baalbek entfernt. In einem der getroffenen Häuser sei ein Büro der Hizbullah-Miliz untergebracht gewesen, erklärten Anwohner.
Flugblätter über Beirut
Über Beirut warfen israelische Kampfflugzeuge am Montag Flugblätter ab, in denen vor weiteren Angriffen gegen Israel gewarnt wurde. Die Streitkräfte würden mit der notwendigen Gewalt gegen jeden terroristischen Akt vorgehen, hieß es. Die Hizbullah habe der Bevölkerung Zerstörung, Vertreibung und Tod gebracht. Werdet ihr diesen Preis noch einmal zahlen können? war auf einem Flugblatt zu lesen.
Schwere Gefechte kosteten am Sonntag im Südlibanon fünf israelische Soldaten das Leben. Die Hizbullah feuerte mehr als 250 Raketen auf den Norden Israels ab, so viele wie noch nie an einem Tag seit Beginn der israelischen Offensive am 12. Juli. Ein Mann wurde nach Angaben von Rettungskräften getötet, als ein Geschoß in einem Haus einschlug. 53 Menschen seien verletzt worden, zwei von ihnen schwer.
Das israelische Kabinett hatte am Sonntag die Waffenstillstandsresolution der Vereinten Nationen gebilligt. Von den 25 Kabinettsministern soll sich nur der frühere Verteidigungs- und jetzt Verkehrsminister Mofaz der Stimme enthalten haben. Bereits einen Tag zuvor hatte die libanesische Regierung der Entschließung zugestimmt. Auch die schiitische Hizbullah-Miliz hat Kooperationsbereitschaft signalisiert.
Annan hofft auf früheres Ende
UN-Generalsekretär Kofi Annan gab den diplomatischen Durchbruch nach Beratungen mit dem israelischen Ministerpräsidenten Ehud Olmert und Libanons Regierungschef Fuad Siniora bekannt. Beide hätten ihm zugesichert, daß die Feindseligkeiten eingestellt würden. Darüber sei er sehr glücklich, sagte Annan. Zugleich bat er die Konfliktparteien, ihre Kämpfe schon vor dem vereinbarten Termin einzustellen, um Zivilisten zu schonen: In Respekt vor dem Geist und dem Ziel der Resolution des Sicherheitsrats sollten die Kämpfe nun aufhören.
Ungeachtet des Appells waren die Kämpfe im Südlibanon in der Nacht weitergegangen. Die israelische Luftwaffe hatte Angriffe auf Ziele im Süden, Osten und Norden des Landes angegriffen. Soldaten waren nach Armeeangaben in Richtung des Flusses Litani vorgestoßen, der die Grenze der von Israel gewünschten Sicherheitszone bilden soll. Israels Vorgehen wurde als Versuch gewertet, vor der Waffenruhe im Südlibanon vollendete Tatsachen zu schaffen und die Hizbullah möglichst weit zurückzudrängen. Unsere Ziele werden hoffentlich bis Montag erreicht sein, hatte der befehlhabende General Udi Adam am Samstag abend gesagt. Wir werden einen Teil des geplanten Gebietes übernehmen, vielleicht sogar das gesamte.
Möglicher Gefangenenaustausch mit Hizbullah
Die israelische Außenministerin Livni sagte, die Entscheidung der Regierung sei gut für Israel. Sie kündigte aber auch an, Israel werde sich erst aus dem Libanon zurückziehen, wenn die libanesische Armee und Unifil die Kontrolle im Süden des Landes übernähmen. Den Einzug der libanesischen Armee müsse sofort beginnen. Abzug und Einmarsch könnten nur parallel verlaufen, sagte Frau Livni. Sie forderte zudem die Freilassung der beiden am 12. Juli entführten israelischen Soldaten. Wir werden diese Ziel nicht aus den Augen verlieren, sagte sie.
Nach einem Bericht der Zeitung Haaretz will Israel mit der Hizbullah über einen Gefangenenaustausch verhandeln. Im Gegenzug für die Freilassung der beiden entführten Soldaten könnte Israel die in den vergangenen Wochen gefangenen Kämpfer der Miliz freigeben. Bei einem Treffen mit den Eltern der entführten Soldaten kündigte auch Ministerpräsident Olmert am Sonntag an, mit der Hizbullah über eine Freilassung zu verhandeln. Die Resolution 1701 fordert zwar die Freilassung der Soldaten, nennt aber keinen Zeitpunkt dafür.
Helikopter abgeschossen
Im Verlauf der am Freitag gestarteten Großoffensive mit 30.000 Mann rückte die israelische Armee nach eigenen Angaben in Zangenformation entlang der Küstenstraße sowie nordwestwärts vom Landesinneren in Richtung Litani vor. Einige strategisch wichtige Anhöhen über dem Fluß seien eingenommen worden. Bei dem Einsatz sei ein Helikopter abgeschossen worden, sagte ein Armeesprecher. Nach Hizbullah-Angaben starben dabei fünf Soldaten; dies wurde von Israel nicht bestätigt. Die israelische Armee bezifferte die Zahl der am Samstag im Südlibanon gefallenen Soldaten auf elf. Damit stieg die Zahl der getöteten Soldaten seit Beginn der Offensive auf 97. Die Zahl der getöteten Libanesen wurde auf über 1100 geschätzt.
Möglich wurde die diplomatische Entschärfung der Krise durch die einstimmig verabschiedete Resolution 1701 des UN-Sicherheitsrats. Darin wird die Hizbullah aufgefordert, den Beschuß israelischen Gebiets einzustellen. Auf der anderen Seite solle Israel seine offensiven Militäroperationen beenden und sich aus dem Südlibanon zurückziehen. Nach der von Frankreich und den Vereinigten Staaten ausgearbeiteten Resolution soll die UN-Mission im Libanon (UNIFIL) verstärkt werden und zusammen mit der libanesischen Armee die bislang von der Hizbullah dominierte Grenzregion unter Kontrolle bringen.
Das libanesische Kabinett, dem auch zwei Hizbullah-Minister angehören, hatte die Resolution am Samstag einstimmig gebilligt. Hizbullah-Führer Hassan Nasrallah erklärte, die Hizbullah werde der Zustimmung der libanesischen Regierung zu der Resolution nicht im Wege stehen, auch wenn der Text ungerecht sei. Solange sich israelische Truppen im Südlibanon befänden, sei der Krieg noch nicht beendet.
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, REUTERS