30. August 2008 Die tödlichen Schüsse an einer Straßensperre im Kundus, durch die drei afghanische Zivilisten starben, wurden nach Angaben der Bundeswehr wahrscheinlich von deutschen Soldaten abgegeben. Nach derzeitigen Informationen wurden am Tatort Spuren gefunden, die die Vermutung nahe legen, dass die Schüsse auf das Fahrzeug aus deutschen Waffen abgegeben worden sind, teilte die Bundeswehr am Freitagabend im Internet mit. Ob auch von anderer Seite auf das Fahrzeug geschossen wurde, ist noch nicht abschließend geklärt.
Bei dem Zwischenfall starben eine Frau und zwei Kinder. Zwei weitere Kinder wurden verletzt. Es gibt zurzeit keinen Grund, den deutschen Soldaten einen Vorwurf zu machen, erklärte die Bundeswehr weiter. Die Staatsanwaltschaft Potsdam habe über das Einsatzführungskommando der Bundeswehr von dem Zwischenfall Kenntnis erhalten und routinemäßig ein Verfahren eingeleitet.
Zweiseitiger Bericht mit Erkenntnissen an Bundestag
Der folgenschwere Zwischenfall ereignete sich an einer Straßensperre von deutschen und afghanischen Sicherheitskräften. Sie eröffneten das Feuer, nachdem zwei Fahrzeuge trotz der Aufforderung zum Halten weiterfuhren. Nach einem Bericht von Spiegel Online wurden die neuen Erkenntnisse dem Bundestag in einem zweiseitigen Bericht mitgeteilt.
Ein Sprecher des Verteidigungsministeriums beschrieb die Lage in Kundus unterdessen als angespannt. Dort war am Mittwoch ein Bundeswehrsoldat während einer Patrouille durch eine Sprengfalle getötet worden. Es habe Warnungen vor Sprengstoffanschlägen mit Autos gegeben. Ob deutsche Soldaten Schüsse abgegeben haben, werde untersucht, sagte er. Die afghanische Polizei habe mit Unterstützung des deutschen Isaf-Kontingents die Ermittlungen aufgenommen. Es werde auch geprüft, ob in den Fahrzeugen verdächtiges Material wie Waffen gewesen sei.
Kontrollen soll afghanisches Gesicht erhalten
Gemeinsame Kontrollpunkte sind ebenso üblich wie die gemischten Patrouillen. Die Isaf ist bestrebt, den Sicherheitsmaßnahmen ein afghanisches Gesicht zu verleihen. Daher hat in der Regel der afghanische Befehlshaber das Kommando; ob das in dem konkreten Fall am Donnerstagabend so war, wird derzeit noch ebenso untersucht wie die Frage, ob oder von wem ein Feuerbefehl gegeben wurde. Der Kontrollpunkt lag auf der Straße, die östlich aus Kundus in Richtung Taloqan führt.
Die Aufklärung wird zusätzlich erschwert dadurch, dass die geschulten Ermittler, die für solche Fälle im PRT Kundus zuständig sind, in den vergangenen Tagen praktisch rund um die Uhr mit der Untersuchung des Angriffs vom Mittwoch, der südwestlich der Stadt an einer Furt durch den Kundus-Fluss vorgefallen war, beschäftigt waren.
Trauerfeier für toten Bundeswehrsoldaten am Montag
Eine Trauerfeier für den 29 Jahre alten Hauptfeldwebel, der dabei ums Leben gekommen war, wird am Montag an seinem Heimatstandort in Zweibrücken abgehalten. Verteidigungsminister Jung und der Generalinspekteurs der Bundeswehr, Schneiderhan, wollen daran teilnehmen.
Der Vorfall vom Freitag war nach Angaben des Verteidigungsministeriums der erste, bei dem deutsche Isaf-Soldaten bei der versehentlichen Tötung von Zivilpersonen unmittelbar anwesend oder beteiligt waren. Ähnliche Vorfälle hatte es aber schon an Isaf-Kontrollpunkten in anderen Landesteilen gegeben. Die meisten solcher versehentlichen Tötungen geschehen bei Luftangriffen, doch unterscheiden sich die Zahlenangaben, die afghanische Stellen oder Taliban machen, meist stark von denen, die die westlichen Militärs nach ihren Untersuchungen mitteilen.
Unterschiedliche Opferangaben für Luftangriff
So sind bei dem amerikanischen Luftangriff im Westen Afghanistans vergangene Woche nach Darstellung des Pentagon deutlich weniger Zivilisten getötet worden als von afghanischen Regierungsvertretern und den UN angegeben. Nach einer Untersuchung des amerikanischen Militärs seien bei dem Militäreinsatz gegen die Taliban in der Provinz Herat fünf Zivilsten getötet worden und nicht 90, wie afghanische Regierungsvertreter gestützt durch die UN mitgeteilt haben, berichteten Pentagonvertreter. Man wolle der Regierung Karzai nun eine gemeinsame Untersuchung des Vorfalls vorschlagen, bei dem nach amerikanischen Angaben 25 Aufstädnische getötet worden sind.
Zur Lage in Afghanistan sagte Admiral Micheal Mullen, der Vorsitzende der Vereinigten Stabschefs, es sei dringend erforderlich mehr Soldaten an den Hindukusch zu senden. Man werde versuchen, die Truppen in Afghanistan so schnell wie möglich zu verstärken. Mullen, der sich diese Woche mit pakistanischen Militärführern auf einem Flugzeugträger beraten hatte, fügte hinzu, die Vereinigten Staaten und Pakistan müssten ihre Anstrengungen verstärken, den Zustrom von Widerstandskämpfern zu bremsen, die über die pakistanische Grenze nach Afghanistan kämen.
Text: löw. / F.A.Z. / dpa
Bildmaterial: FAZ.NET