Von Hans-Christian Rößler
22. November 2007 An Erdöl und Erdgas mangelt es nicht. Im Nahen und Mittleren Osten befindet sich knapp die Hälfte aller bekannten Vorkommen. Dennoch gibt es von Iran und der Türkei im Osten bis nach Marokko im Westen nur zwei Staaten, die sich nicht für Atomenergie begeistern: der Irak und der Libanon.
Dafür wollen rohstoffarme Kleinstaaten wie Jordanien oder der Jemen so bald wie möglich einen eigenen Atomreaktor - auch wenn sie sich diese Technologie kaum leisten können. Wie anderswo auf der Welt hat die Renaissance der Kernenergie auch diese Konfliktregion erreicht. Dieses Mal ist jedoch nicht das von Israel bis heute offiziell geleugnete Atomwaffenprogramm die treibende Kraft, die einst mehrere arabische Staaten dazu bewogen hatte, atomar mit dem zionistischen Feind gleichzuziehen.
Eines Tages eine sunnitischen Bombe
Iran war sicher der politische Anstoß, sagt Oliver Thränert von der Berliner Stiftung für Wissenschaft und Politik, aber nicht nur. Im iranischen Buschehr wird zwar seit vielen Jahren an einem Atomreaktor gebaut, aber die sunnitischen Nachbarn in der Region sind ähnlich besorgt wie UN und EU, dass es das schiitische Regime nicht dabei belassen könnte, sondern auch eigene Atomwaffen entwickeln will.
Einige amerikanische Wissenschaftler warnen daher davor, dass es als Antwort darauf eines Tages eine sunnitischen Bombe geben könnte. Auch Oliver Thränert kann sich vorstellen, dass in manchen Staaten der Gedanke eine Rolle spielt, eines Tages auch ein Fenster in Richtung einer Waffenoption aufzustoßen - aber das ist nach seiner Ansicht nicht der einzige Grund; er und andere Fachleute sehen gleich ein ganzes Bündel: Nationalstolz gehört ebenso dazu wie der Wunsch, technologisch mit dem regionalen Rivalen Iran und den Industrieländern mithalten zu können.
Frankreich und Russland bieten Hilfe an
Das neue Interesse hat aber auch mit dem stetig steigenden Öl- und Gaspreis zu tun: Je höher er ist, desto lukrativer ist die Atomenergie, wenn auch aus verschiedenen Gründen. Für die rohstoffreichen Golfstaaten etwa, die längst für die Zeit planen, wenn ihre Quellen versiegt sind, fallen angesichts der gegenwärtigen Einnahmen selbst Milliardeninvestitionen in die Nukleartechnologie immer weniger ins Gewicht.
Für arabische Länder mit weniger Rohstoffreserven - wie etwa Ägypten oder den Jemen - wird es immer attraktiver, sie für teures Geld im Ausland zu verkaufen, als sie selbst zu verfeuern. In Ägypten ist das Interesse an Atomenergie völlig nachvollziehbar, sagt Mark Fitzpatrick vom International Institute for Strategic Studies in London.
Dort wächst mit Wirtschaft und Bevölkerung alleine der Elektrizitätsbedarf jedes Jahr um zehn Prozent. Präsident Mubarak kündigte daher im November an, mehrere Atomreaktoren bauen zu lassen. Ägypten kann dabei auf ein früheres Atomprogramm aufbauen. Frankreich und Russland boten sofort ihre Hilfe an.
Abkommen für die zivile Nutzung von Atomenergie
Gleich drei Reaktoren will die türkische Regierung errichten, kündigte sie am Mittwoch an. Der jordanische König Abdullah spricht mittlerweile offen über das Atomprogramm seines Landes. Er hofft darauf, dabei Uran aus eigenen Vorkommen einzusetzen und sich so die teure Technologie leisten zu können.
Drei Prozent der Reserven auf der ganzen Welt werden in dem Wüstenkönigreich vermutet, das dafür arm an Wasser ist. Mit hohem Energieaufwand lässt sich Meerwasser entsalzen und über weite Strecken in die Städte pumpen. Das war auch die wichtigste Begründung der sechs Mitglieder des Golfkooperationsrats (GCC), allen voran Saudi-Arabien, der mit der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) im Frühjahr 2007 ein Abkommen für die zivile Nutzung von Atomenergie schloss.
Vormachtstreben Teherans beunruhigt Saudi-Arabien
In Israel erwägt man, ein Atomkraftwerk in der Negev-Wüste zu bauen, um den wachsenden Strombedarf zu decken; zwei Forschungsreaktoren gibt es schon. Im Nachbarland Syrien bekundete Präsident Assad schon früher Interesse an Atomkraft. Im September verdichteten sich dann Hinweise darauf, dass längst ein heimliches Programm existiert, an dem mit nordkoreanischer Hilfe gearbeitet wurde.
Israelische Kampfflugzeuge bombardierten damals eine Baustelle, die manche Fachleute für die einer geheimen Atomanlage halten. Zumindest von Iran fühlt sich das Regime in Damaskus nicht bedroht; es unterhält als einziger arabisch-sunnitischer Staat enge Kontakte dorthin.
Genau dieses Vormachtstreben Teherans, das mittlerweile bis in den Libanon und zu radikalen Palästinensern reicht, beunruhigt besonders Saudi-Arabien. Riad begreift sich als Hegemonialmacht in der Region und will es auch bleiben. Die Erfolglosigkeit der Europäer und Amerikaner im Umgang mit Iran verstärkt dort den Eindruck, selbst etwas unternehmen zu müssen, vermutet Mark Fitzpatrick.
Hoffen auf ein friedliches Ende des Streits
Es gibt jedoch Hinweise darauf, dass Saudi-Arabien nicht mühsam ein nationales Atomprogramm wie in Iran aufbauen könnte, sondern sich mit seinen üppigen Öleinnahmen im Ausland nach Herstellern umsehen könnte. In den achtziger Jahren kaufte es schon einmal chinesische Mittelstreckenraketen. Umfangreiche finanzielle Unterstützung soll bis vor wenigen Jahren nach Pakistan geflossen sein, auch zu Abdul Qadir Khan, dem Vater der pakistanischen Atombombe.
Dieser hatte bis 2004 Pläne und Technologie an Nordkorea, Iran und Libyen weitergegeben. Auch von einem nuklearen Schirm, den die Atommacht Pakistan im Ernstfall auf Saudi-Arabien ausdehnen könnte, sei schon die Rede gewesen, sagt Mark Fitzpatrick. Aber seitdem der Pakistaner Khan und seine Proliferationsaktivitäten entdeckt worden seien, sei es schwieriger geworden, sich auf dem Schwarzen Markt mit Atomwaffen zu versorgen
Saudi-Arabien hofft aber noch auf ein friedliches Ende des Streits mit Iran. Am liebsten würde es ein internationales Konsortium unter der Aufsicht der IAEA in einem neutralen Land beauftragen, Uran anzureichern. Von ihm sollen dann die Staaten des Nahen Ostens Brennstoff für Atomkraftwerke erhalten - in einem Nahen Osten ohne Atom- und ohne Massenvernichtungswaffen.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa, REUTERS