Nobelpreis für Doris Lessing

Die Botschafterin der Einsamkeit

Von Ingeborg Harms

11. Oktober 2007 Den größeren Teil ihres langen Lebens über publizierte Doris Lessing pro Jahr mehr als ein Buch. Dass sie mit ihrem wohl berühmtesten Werk, dem „Goldenen Notizbuch“, die Tagebuchform variierte und auch sonst in ihren zahlreichen Romanen mehr oder weniger autobiografisch vorging, deutet an, wie schmal bei dieser Autorin der Grat zwischen Leben und Schreiben ist. Dass die Schreibmaschine, die sie immer noch benutzt, im Rhythmus ihres Atems klappert, hat mit einer Kindheit und Jugend zu tun, die sich durch Selbstgespräche und Lektüre über Wasser hielt.

Doris Lessing kam als Kind britischer Eltern am 22. Oktober 1919 in Persien zur Welt. Ihr kriegsversehrter Vater arbeitete dort als Bankangestellter und zog mit der Familie sechs Jahre später in der Hoffnung nach Südafrika, dort als Maisfarmer zu Reichtum zu kommen. Das Projekt glückte nicht, seine Tochter hatte nicht nur unter den gescheiterten Hoffnungen, sondern auch an einer überstrengen Mutter zu leiden, die sie in einen Nonnenkloster steckte. Dortige Instruktionen über die Schrecken der Verdammnis kehrten als moralisierende innere Stimmen später zu der reifen Autorin zurück.

Soziale Geistesgegenwart

Die Zeit in Südafrika öffnete Doris Lessing auch die Augen für die täglichen Folgen der Apartheidspolitik, das Erlebte wurde zum Stoff für spätere Werke. Die isolierte Farm ihrer Eltern machten der Tochter lange, einsame Wanderungen zur Gewohnheit und bestärkten sie in ihrer Unabhängigkeit. Mit vierzehn Jahren verließ Lessing aus eigenem Antrieb die Schule und arbeitete zunächst, wie einst ihre Mutter, als Krankenschwester. Buchpakete aus dem Heimatland mit Dickens, Scott, Kipling und Stevenson weckten eine Phantasie, die sich später auch in Science-Fiction-Stoffen erproben sollte.

Doris Lessing 1982 Auf der Buchmesse präsent mit dem neuen Roman “Die Kluft“ Anfang Oktober stellt Doris Lessing im Thalia Theater “Die Kluft“ vor Bei der Entgegennahme des Prinz-von-Asturien-Preises für Literatur Im Jahr 2006 bei einer Lesung auf der lit.cologne Doris Lessing in ihrem Haus in Nordlondon

Vor allem aber waren es die großen Realisten des neunzehnten Jahrhunderts, die Doris Lessing dazu herausforderten, eine moderne Form des enzyklopädischen Schreibens zu entwickeln, eine soziale Geistesgegenwart, die subjektiv vermittelt ist. Mit neunzehn heiratete sie zum ersten Mal und brachte zwei Kinder zur Welt. Als sie bald darauf ihre Familie verließ und in die „Südrhodesische Arbeiterpartei“ eintrat, lernte sie den späteren DDR-Botschafter in Uganda, Gottfried Lessing, den Onkel Gregor Gysis, kennen (siehe Gregor Gysi: Doris Lessings deutscher Neffe). Auch ihren zweiten Mann verließ sie 1949 und zog mit dem der Verbindung entsprungenen Sohn nach London. Im selben Jahr erschien „Afrikanische Tragödie“, ihr erster Roman, der die Liebesbeziehung zwischen einer weißen Farmersfrau und ihrem schwarzen Diener zum Thema hat. Ihm folgte der von Lessings afrikanischen Jahren inspirierte Romanzyklus „Kinder der Gewalt“, eine Art weiblicher Bildungsroman. „Rückzug in die Unschuld“ rechnet 1956 mit kommunistischen Illusionen ab, doch erst mit dem „Goldenen Notizbuch“ aus dem Jahr 1962 steht Lessing eine Form zur Verfügung, die auch literarisch bahnbrechend ist.

Wider den Aktualitätenwahn

Die Autorin verzichtet auf eine erzwungene Einheit, lässt Träume, Zitate, Zeitungsausschnitte einfließen und teilt den Stoff auf fünf Notizbücher ihrer Protagonistin auf. Die klassischen weiblichen Rollen, an denen Doris Lessing sich in ihren ersten Büchern abarbeitete, weichen einem Multiperspektivismus und der Exposition einer vitalen Schizophrenie, die politische Interessen, philosophische Ideen und romantische Verwicklungen nicht länger auf einen Nenner zu bringen versucht. Mit ihrer zweibändigen Autobiographie „Unter der Haut“ und „Schritte im Schatten“ hat Lessing in den Neunzigern zugleich eine kritische Geschichte des intellektuellen England nach dem Zweiten Weltkrieg vorgelegt. Nachdem man sie als rassismuskritische und kommunistische Autorin vereinnahmen wollte, wurde sie zum Liebling der Feministen, nicht zuletzt durch „Der Sommer vor der Dunkelheit“, einen Roman, dessen nicht mehr junge Heldin ihre erotischen Wünsche auszuleben gelernt hat. Der Thriller „Das fünfte Kind“ wählt eine allegorische Form, um in einem Monsterkind die unterdrückten Aggressionen seiner bürgerlich gefesselten Mutter zu studieren. Doch auch als emanzipatorische Autorin will sich die in späteren Jahren vom persischen Sufismus angezogene Lessing nicht länger sehen. Dies zeigt auch ihr soeben erschienener Roman „Die Kluft“.

An die Möglichkeit, durch Schreiben die Welt zu ändern, glaubt sie nicht und ergreift doch jede Gelegenheit, sich bei öffentlichen Auftritten über den Niedergang der Lesekultur und die latente Aggressivität gegenüber allem Geschriebenen zu beklagen. Überzeugt davon, dass die lange Erzählung der Ordnung des menschlichen Gehirns entspricht, warnte sie vor den Folgen, die eine medial induzierte Aufmerksamkeitsunfähigkeit heute erzeugt. Der damit einhergehende Mangel an Einfühlungsvermögen führe zur kalten Gewalt, die sich immer häufiger gerade an jugendlichen Untaten beobachten lasse.

In ihrem üppigen Werk hat Doris Lessing mit intellektueller Schärfe und nötigem Sarkasmus eine reiche Parallelwelt zum Aktualitätenwahn der Gegenwart geschaffen. Ihre Bücher bleiben im Gespräch mit einer literarischen Tradition, die für Jahrhunderte Maßstab des geistigen Lebens war. Doris Lessing ist die Botschafterin der Einsamkeit, und sie porträtiert das Leben in Gedanken als eine Alternative, die mit den Jahren immer plausibler wird. Ihr großes Herz und ihr wacher Verstand führen vor, wie man zugleich über afghanische Flüchtlinge schreiben und sich mit der Sensibilität einer Jane Austen um die Schicksale der weiblichen Seele kümmern kann. Für ein Werk, das wie wenige andere die atemberaubenden Freiheiten und seelischen Verstümmelungen des zwanzigsten Jahrhunderts erkundet hat, wird der langjährigen Kandidatin jetzt der Nobelpreis zuerkannt.

Leben und Werk

Lessings Werk „Das goldene Notizbuch“ (1962) gilt als Klassiker feministischer Literatur. In ihrem gerade erschienenen neuen Roman „Die Kluft“ beschreibt sie eine mythische friedliche Welt voller Frauen - in die erst mit den Männern auch Probleme einziehen.

Lessing wurde 1919 als Doris May Taylor in Kermanshah im Iran geboren. Ihr Vater, ein kriegsversehrter britischer Offizier, zog später mit der Familie ins damals britische Südrhodesien (heute Simbabwe). Afrika prägte sie und ihr Werk entscheidend. Wegen ihrer Kritik an der Rassentrennung durfte sie jahrzehntelang nicht nach Rhodesien und Südafrika reisen.

Ihren ersten literarischen Erfolg erzielte Lessing 1949, als sie nach England übersiedelte - im Gepäck den Roman „Afrikanische Tragödie“ über eine verbotene schwarz-weiße Liebe. In Afrika ließ sie zwei Kinder mit einem Kolonialoffizier zurück.

Später heiratete sie den deutschen Exil-Kommunisten Gottfried Lessing, von dem sie einen Sohn hat und dessen Schwester Irene die Mutter des Linken-Politikers Gregor Gysi ist. Sie selbst war bis zum sowjetischen Einmarsch in Ungarn Mitglied der britischen Kommunisten. Heute hat sie für politische Bewegungen nichts mehr übrig. Die Verantwortung des einzelnen für sich selbst im Konflikt mit der Gesellschaft ist daher auch Thema des Romanzyklus' „Martha Quest“.

Obwohl ihr Leben aufregend und alles andere als stromlinienförmig war: Einen dritten Band ihrer Autobiografie will sie nach „Unter der Haut“ (1994) und „Schritte im Schatten“ (1997) nicht schreiben. Begründung: Sie wolle vielen Leuten, die mittlerweile etwas geworden sind, nicht auf den Schlips treten.



Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AP, picture-alliance/ dpa, picture-alliance/ dpa/dpaweb, REUTERS

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