Kommentar

Verkannte Stars

Von Christian Schwägerl

10. Oktober 2007 Alle kennen Heidi Klum, Jörg Pilawa und Thomas Gottschalk. Aber wer kennt Horst Störmer, Herbert Krömer, Wolfgang Ketterle, Theodor Hänsch und Klaus von Klitzing? Wer würde sie auf der Straße um ein Autogramm bitten? Diese Männer haben bahnbrechende Entdeckungen gemacht, für die ihnen der Nobelpreis für Physik verliehen wurde. Und sie stammen alle aus Deutschland. Doch es ist keine Selbstverständlichkeit, sie als Größen präsent zu haben.

Am Dienstag hat das Nobelpreis-Komitee in Stockholm abermals einen Deutschen ausgezeichnet, den Jülicher Physiker Peter Grünberg. Er hat - mit der Hilfe jenes Zufalls, den nur Genies zu nutzen wissen - etwas entdeckt, das inzwischen jeden Bewohner der Technosphäre tagtäglich umgibt. Der Riesenmagnetowiderstand erlaubt es, die Elektrotechnik immer kleinräumiger und leistungsfähiger zu gestalten. Den Effekt wissen alle Computernutzer zu schätzen, ohne dass sie Grünberg bisher gekannt hätten.

Für die Karriere nach Amerika

Nicht nur das sollte sich nun ändern. Grünberg hat seine große Entdeckung schon gemacht, nun sind die Bundesbürger an der Reihe: Wie nahe die unbehinderte Grundlagenforschung und ein Milliardenmarkt beieinander liegen; wie sehr die Deutschen von den Früchten ihrer Wissenschaftler leben; wie existentiell letztlich jeder Arbeitslose und jeder Rentner via Sozialleistungen von dem abhängen, was Forschern einfällt und was Firmen davon zu nutzen wissen - all das hat für sehr viele Menschen noch immer großen Neuigkeitswert.

Nach Theodor Hänsch ist Grünberg der zweite deutsche Physiknobelpreisträger in nur drei Jahren, der auch in Deutschland lebt. Störmer, Krömer und Ketterle mussten für ihre Karriere noch nach Amerika auswandern. Doch es wäre zu früh, darin einen neuen Trend zu sehen. Der Nobelpreis an Peter Grünberg darf kein Lorbeerbett sein, auf dem sich die Forschungsministerin und die Nation ausruhen. Es muss ja nicht gleich eine Fanmeile zu seiner Ehre am Brandenburger Tor errichtet werden. Ehrliches Interesse an seiner Forschung genügte. Grünberg lebt in Jülich jene Anstrengung und jene frische Neugierde vor, die unsere alternde Gesellschaft so dringend braucht. Achtundsechzigjährig kommt er häufig ins Labor, um am Ball zu bleiben und „von den Jungen zu lernen“, wie er sagt. Ein wahrer Nationalheld.



Text: F.A.Z., 10.10.2007, Nr. 235 / Seite 1
Bildmaterial: AP

 
 
 
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