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Sprache Einer muß sich plagen, der Schreiber oder der Leser Von Ursula Kals
"Die Präsentation fokussiert bereits jetzt die nächsten Innovationen." Dummdeutsch ist in manchen Büros Standard. "Für mich rauscht ein besoffener Silbensalat vorüber", schimpft Wolf Schneider. Solche Sätze machen ihn aggressiv. Der Sachbuchautor, der sich als "meistgelesener Stillehrer des deutschen Sprachraums" vorstellt, lehrt leicht verständliches Deutsch. Früher hat der ehemalige Chefredakteur der "Welt" und Leiter der Hamburger Journalistenschule vor allem den Nachwuchs seiner Branche unterrichtet. Auch heute noch lehrt der Neunundsiebzigjährige an fünf Journalistenschulen. Und er gibt seine Gesetze der Leichtverständlichkeit an alle weiter, die sich gut ausdrücken möchten. Guter Stil ist das Ergebnis des Rotstifts, und den schwingt Schneider auch nach 55 Jahren Berufserfahrung mit rittmeisterlicher Strenge. Kompromißlos sagt er: "Einer muß sich plagen, der Schreiber oder der Leser." Natürlich ist klar, wer sich im Schreibseminar anzustrengen hat. Zum 37. Mal bietet die Berliner Bringmann Managemententwicklung dieses Wolf-Schneider-Sprachseminar an. Untertitel: "Was tun, wenn man gelesen werden möchte?" Im gefällig möblierten Hotel-Konferenzraum oben auf dem Bonner Petersberg sitzen 18 Leute der Wirtschaft: Immobilienexperten, Energiekonzernmitarbeiter, Vertreter der Automobilindustrie und Pressereferenten, die täglich Mitteilungen, Arbeitsanweisungen, Sitzungsprotokolle, Stellungnahmen oder Redeentwürfe verfassen müssen. Ganz zu schweigen von den E-Mails, die sie zwischendurch losschicken. Überdies schreiben einige für Kunden- und Mitarbeiterzeitschriften, deren Leser mitunter nur mäßig interessiert sind. Ein aufgeblähtes Nichts! Was alle Teilnehmer vereint: Mit dem klaren Ausdruck hapert es. Das zeigt sich in den Textproben, die sie vorher eingeschickt haben: Textauszüge, die sie in ihrem Berufsalltag geschrieben, verantwortet oder redigiert haben. Schneider hat das Material vorab auf seinem mallorquinischen Wohnsitz gründlich gelesen. Jetzt analysiert er diese Zitate. Nicht ohne Grund geschieht das anonym: Der Sachbuchautor kritisiert viel und lobt selten. Das läßt sich nur sportlich nehmen. Da jede und jeder im Lauf der zwei Tage seine Dosis Kritik abbekommt, hält sich die Schmach in Grenzen. Etwa bei der mißlungenen Textprobe: "Wir waren absolute Vorreiter in diesem regionalen Segment." So etwas läßt Schneider nicht gelten: "Also im Segment wird auch geritten? Regionales Segment, das ist ein aufgeblähtes Nichts!" Eine seiner Erfahrungsregeln für Leichtverständlichkeit: aktiv formulieren. Das Passiv ist für den Referenten grundsätzlich ein unerwünschter Modus. "Also bitte nicht schreiben: Fritz ist verprügelt worden, sondern: Otto hat Fritz verprügelt." Sein Lieblingsthema ist die Syntax. Der Satzbau hat klar und verständlich zu sein. Schachtelsätze mit verschwurbelt dazwischengeleimten Nebensätzen machen Schneider unleidlich. "Es gibt eine Obergrenze des Zumutbaren für das Auseinanderreißen des Verbs." Viel zu oft werde der Leser nebensätzelang im unklaren gehalten, wer was tut und was wem passiert ist. "Manches ist grammatisch korrekt und die Pest. Die Beantwortung der Kernfrage muß spätestens nach sechs Wörtern beginnen!" Ist das aber nicht der Fall, dann fordert Wolf Schneider apodiktisch: "Einen Hammer her! Der Satz muß kaputtgeschlagen werden. Solche Sätze sind eine Sünde gegen die Verständlichkeit und eine Ohrfeige für den Leser." All diese Eierkuchenwörter Beispiele werden zitiert, in denen zuerst eine ermüdende Namenlitanei aufgelistet wird, bevor es irgendwann endlich um eine Handlung geht. Eine Teilnehmerin rechtfertigt diesen Wortwust: "Wir müssen immer die Vorstände mit ihren komplizierten Titeln zuerst nennen." Schneider schüttelt den Kopf: "Gutem Deutsch ist die Eitelkeit wenig zuträglich." Sich durch solche Texte zu arbeiten, das verweigern viele Leser. In der Tageszeitung werden nur zehn bis fünfzehn Prozent der Beiträge zu Ende gelesen. "Aufhören, das ist das Normalste auf der Welt", seufzt der Sprachkritiker. Hart ins Gericht geht er mit abgedroschenen Schlagworten wie Zielsetzung, Aufgabenstellung, Räumlichkeit, die sich im aufgeblähten Behördendeutsch zum "Eierkucheneffekt" summieren. Warum nicht Ziel, Aufgabe, Raum? "Friede, Freude, eingeschlafen! All diese Eierkuchenwörter schläfern ein." Im Seminar erheitern sie auch. Etwa das aufgedunsene Wort von der "Beampelung", die "Erbringung einer Leistung" oder die "signifikante Ablaufoptimierung". Unschön auch die "Beitragsbemessungsgrenze". "Den Silbenschleppzug lassen Sie an sich vorbeirattern." Natürlich findet auch die "immobilienwirtschaftliche Kompetenz" keine Gnade, sondern ein vernichtendes Urteil. "Wenn es nicht beleidigend wäre, würde ich sagen: Das hat Honecker so ausgedrückt. Das ist Nominalstil. Bitte hassen Sie ihn!" Dümmere Gegenleser sind hochwillkommen Ein Unterkapitel ist dem Jargon gewidmet, in dem manche Branchen schwelgen. Inflationär taucht da beispielsweise die "Innovation" auf. "Ein zu Tode gerittenes Modewort. Welches Unternehmen ist denn nicht innovativ?" In den Pausengesprächen wird jedoch ein Dilemma deutlich: So ist die Kollegin von der Versicherungsgesellschaft bemüht, Dinge verständlich auszudrücken. Aber ihre Vorschläge werden später zum Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Stil verschlimmbessert. "Ich muß mir manchmal Luftblasen aus den Fingern saugen." Was tun, wenn die Vorgesetzten Worthülsen in ein Manuskript hineinredigieren? Oder wenn der Chef Grußworte halten möchte, in denen rituell die Partnerorganisationen gebauchpinselt werden. "Notfalls auch mit Platitüden", ärgert sich ein Konzernmitarbeiter. Da ist der Redenschreiber machtlos und hierarchisch ausgehebelt. Und auch der gute Rat des Vier-Augen-Prinzips nützt wenig. Im übrigen gelte: "Auch dümmere Gegenleser sind hochwillkommen, schlichte Gemüter sind da goldrichtig", sagt der Autor, der mit dem Medienpreis für Sprachkultur der Gesellschaft für deutsche Sprache ausgezeichnet wurde. Ist kein Gegenleser in Sicht, dann hilft es, den Text laut vorzulesen. So kommt man Schachtelsätzen auf die Schliche. Konkret sein und Bombast vermeiden Übel sei auch das Verharren im Abstrakten. Eine Regel, die zum Abc des journalistischen Handwerks gehört. "Die Rede funkelte von Pointen." - Ja, kommt nun eine? "Es gilt, verschiedene Maßnahmen zu ergreifen." - Ja, welche denn? "Ungezielte Maßnahmen ergreifen nur Kinder und Betrunkene. Das ist tautologische Geschwätzigkeit. Ebenso wie tiefe Abgründe oder wichtige Meilensteine." Oder das Wetter, "das ist unterschiedlich" - ja, regnet es? In der kraftvollen Sprache der Bibel geht es nicht umsonst um "die Lilien auf dem Felde" und keineswegs um irgendwelche Pflanzen. In der Reportage duftet es nach Apfelkuchen und nicht nach Backwaren. Hundert Tote sind Statistik, die tote Nachbarin Gerda Meier ist eine Tragödie. "Also konkret sein und Bombast vermeiden." Feindbild: Wissenschaftsjargon Ein Sonderkapitel ist den Sprachgirlanden des Prachtdeutschen gewidmet. Etwa ein Geklingel überflüssiger Adjektive wie der "innerschuliche Bereich" oder "chancenorientiertes Anlageprofil". "Eine törichte Art, sich mitzuteilen", urteilt Schneider und schlägt vor: "Mit Wörtern zu geizen ist ein fantastisches Konzept." Das gilt auch für gespreizte Füllwörter wie "hinsichtlich" oder "insbesondere". Da ist Schneider unerbittlich: "Ich erkenne an einem solchen Text den Professorenstatus. Bitte streichen Sie das aus Ihrem Wortschatz." Unverständlicher Wissenschaftsjargon gehört zu einem seiner erklärten Feindbilder. Das blitzt immer wieder auf. Schwierig sei die Sache mit der Ironie. "Die Zahl der Leute, die Ironie verstehen, ist meist viel geringer als die Zahl derjenigen, die sie anwenden möchten." Nicht grundlos ist die Zahl guter Glossenschreiber überschaubar. Heikel auch die Originalität um jeden Preis. So ende die Suche nach Synonymen oft im Krampf. Etwa wenn der Wind als "mittelstarkes Naturgebläse" beschworen wird. Dann tauchen entgleiste Bilder auf. Wie die Formulierung: "Auch Eisberge kochen nur mit Wasser." Oder wie im Originalzitat aus dem Seminar: "Finanzspritzen in diesem Bereich würden nicht im Wasser verlaufen." Da rückt der Platz im "Hohlspiegel" näher. Welche Nichtaussage wollen Sie kaschieren? Da steht nichts drin. Nach einem Seminartag war die Schneidersche Forderung deutlich: wenige Wörter in den Sätzen, möglichst wenige Silben in den Wörtern. Am zweiten Tag folgt der Feinschliff des klaren, kraftvollen Deutsch. Zum Beispiel ein knackiger Anfang, der nicht nur bei Pressemitteilungen darüber entscheidet, ob sie verwertet werden oder in der Ablage P wie Papierkorb landen. Einen spannenden Einstieg bietet die Pressenotiz über einen Immobilienhandel nicht. "Welche Nichtaussage wollen Sie denn kaschieren? Da steht gar nichts drin. Das aber in gewaltigen Wörtern", sagt Wolf Schneider. Die Aussage ist nebulös: Offenbar geht es um einen günstigen Grundstückserwerb und einen Wiederverkauf. Irgendwer hat irgendwie ein Schnäppchen gemacht, aber nichts Genaues weiß der Leser nicht. Beherzt meldet sich der Autor, in der Diskussion durchaus des klaren Deutsch mächtig, und gibt selbstironisch zu: "Bei uns ist die Klarheit nicht immer der oberste Auftrag. Die Aussage sollte schon irgendwie verschleiert werden." Die Runde schmunzelt. Da ist auch Wolf Schneider mit seinem Latein am Ende. Dem Genitiv sein Tod Ulrich Püschel: Wie schreibt man gutes Deutsch? Eine Stilfibel. Dudenverlag. Ludwig Reiners: Stilfibel. Der sichere Weg zu gutem Deutsch. Deutscher Taschenbuch Verlag (dtv). Wolf Schneider: Deutsch fürs Leben. Was die Schule zu lehren vergaß. Rowohlt Verlag. Bastian Sick: Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod. Ein Wegweiser durch den Irrgarten der deutschen Sprache. Verlag Kiepenheuer &Witsch. Bildmaterial: F.A.Z.-Tresckow |
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