Von Hans-Martin Barthold
21. März 2005Der Mittelstand ist ein wirtschaftlicher Riese - und eine Jobmaschine für Akademiker. Immerhin stehen nicht weniger als 1,5 Millionen, das sind knapp 64 Prozent aller Arbeitnehmer mit Hochschulabschluß, auf den Lohnlisten kleiner und mittlerer Unternehmen, der KMU.
Und die Tendenz ist steigend, absolut und relativ. 1980 lautete das Zahlenverhältnis noch 431000 Personen und 52 Prozent. Die Großbetriebe hingegen schrumpfen. Allein in den letzten zehn Jahren reduzierten sie ihre Belegschaften um mehr als fünfzehn Prozent, davon betroffen auch Hochqualifizierte. Um so überraschender ist, daß KMU nur selten zu den Wunscharbeitgebern deutscher Examenskandidaten gehören. Dabei produzieren diese Unternehmen fast die Hälfte der Bruttowertschöpfung des Unternehmenssektors und vereinen schon jetzt mehr als zwei Drittel aller Arbeitsplätze auf sich. Und ihre Dynamik hält an. Siebzig Prozent der jährlich neu entstehenden Jobs, darunter eine steigende Zahl auch für Akademiker, gehen auf das Konto der 3,4 Millionen KMU. So etwas nennt man eine Erfolgsstory.
Das Vorurteil jedoch, die Arbeitsbedingungen in mittelständischen Unternehmen seien schlechter als bei Großkonzernen, scheint unausrottbar, obschon empirisch nicht zu beweisen. Freilich sind sie anders, und nicht jeder Hochschulabsolvent scheint ihnen gewachsen. Flache Hierarchien, offenere Organisationsstrukturen, größere Aufgabenvielfalt und weniger streng abgegrenzte Managementfunktionen heißen die wichtigsten Charakteristika. Sind die nicht selten komplexen Entscheidungsabläufe in Großunternehmen in hohem Maße formalisiert, zeichnen sich KMU durch überaus flexible Strukturen aus. Deshalb kommt neben der fachlichen Ausbildung der Persönlichkeit des Hochschulabsolventen eine herausragende Bedeutung zu, sagt Jan Eiben. Eiben verfügt als Geschäftsführer des INTES-Zentrums für Familienunternehmen an der Wissenschaftlichen Hochschule für Unternehmensführung Vallendar über langjährige Erfahrungen im Mittelstand.
Der Berufsalltag von Führungskräften dort wird von operativen Aufgaben dominiert. Weshalb vor allem Generalisten mit Querschnittswissen und entscheidungsfreudige Macher mit strategischen Kompetenzen gesucht sind. Ist die Karriere von Hochschulabsolventen in Großbetrieben fachlich meist sehr stark spezialisiert, bieten KMU mit der Einbindung in sämtliche Unternehmensabläufe ein hochinteressantes Kontrastprogramm. Typisch sind dabei die frühzeitige Beteiligung an allen wichtigen Entscheidungsprozessen, der intensive Kontakt zu Marktpartnern und Kunden sowie die Teilhabe an der Kommunikation der Unternehmensleitung mit Banken, Unternehmensberatern, Verbänden und politischen Mandatsträgern. Wer also nicht lediglich den Status quo verwalten möchte, sondern Gestaltungsspielraum für eigene Ideen sucht, für den gibt es kaum einen besseren Arbeitgeber als ein mittelständisches Unternehmen. Ich kann hier viel leichter Zeichen setzen, beschreibt Paolo Dell'Antonio, bei der Wolfenbütteler Mast Jägermeister AG Vorstand für Finanzen und Verwaltung, seinen Aktionsradius. Diese Freiheit weiß er nach beruflichen Stationen bei einer Großbank und einer internationalen Unternehmensberatung zu schätzen.
Gleichwohl ist die Freiheit nicht ohne Tribut. Im Gegensatz zu den Global Playern schlage der Markt bei den Kleinen unmittelbar durch, deutet die Leiterin des Instituts für Beschäftigung und Employability an der Fachhochschule Ludwigshafen, Jutta Rump, auf eine wichtige Besonderheit mittelständischer Betriebe hin. Sie sind wie ein Auto ohne Stoßdämpfer. Da spüren die Insassen jedes noch so kleine Schlagloch. Was Akademikern neben fachlicher Kompetenz und Abstraktionsvermögen vor allem Enthusiasmus, Eigenverantwortlichkeit, Zielorientierung und Kommunikationsfähigkeit in einer überdurchschnittlich hohen Dosierung abverlangt. Von Serviceausrichtung, Durchsetzungsvermögen, Stressresistenz, insbesondere aber Einsatzbereitschaft und Belastbarkeit ganz zu schweigen. Große Stabsabteilungen mit einer Vielzahl zuarbeitender Spezialisten für alle nur erdenklichen Probleme können sich Mittelständler jedenfalls nicht leisten. Da muß die Führungskraft oft genug selbst Hand anlegen. Das gilt in besonderem Maße auch für die zunehmenden internationalen Geschäftskontakte.
Die Anstrengungen simd nicht umsonst: Wenn ich durch die Halle gehe, berichtet ein Fachhochschulingenieur, der als Technischer Betriebsleiter eines Automobilzulieferers jedoch ungenannt bleiben möchte, kann ich meine Lösungsvorschläge unmittelbar in die Tat umsetzen. In der gleichen Situation dürfe ein Vorstandsvorsitzender wie Jürgen Schrempp dagegen doch allenfalls Hände schütteln und habe ansonsten die Kleiderordnung einzuhalten. Soll heißen, er muß seine Wünsche über den Bereichsleiter, Abteilungsleiter, Unterabteilungsleiter, Projektverantwortlichen und so weiter, und so weiter bis nach ganz unten durchreichen. Was am Ende dieses langen Weges von seiner Idee noch übrigbliebe, sei, wie man wisse, oft nicht mehr wiederzuerkennen.
Entscheidung und Vollzug aus einer Hand verschafft gleichwohl nicht nur tiefe Befriedigung, sondern fordert auch den ganzen Mann und die ganze Frau. Berufsanfänger haben es deshalb nicht leicht. Schließlich bleibt ihnen mangels systematischer Traineeprogramme kaum Zeit zur ausreichenden Akklimatisierung. Immerhin praktizieren KMU überwiegend den Direkteinstieg Learning by Doing - als Führungskraft im obersten Management oder als besonders herausgehobene Fachkraft. Ein Einsatz als nachrangige Führungskraft, als Fachkraft mit geringer Aufgabenspanne oder schlicht als Sachbearbeiter, wie in Großunternehmen üblich, kommt im Mittelstand nicht vor. Wer für KMU attraktiv sein möchte, sollte deshalb von stark spezialisierten Studienrichtungen Abstand nehmen und solchen mit einer generalistischen Ausrichtung den Vorzug geben. Sehr gute Chancen haben Absolventen von Schnittstellenstudiengängen wie dem Wirtschaftsingenieurwesen, der Wirtschaftsinformatik oder dem Wirtschaftsrecht, darüber hinaus Absolventen dualer Studienmodelle. Geistes- und Sozialwissenschaftler sind selten gefragt. Gern gesehen und wegen der daraus resultierenden größeren Handlungsfähigkeit erweist sich eine Lehre vor Studienbeginn als überaus förderlich. In jedem Fall sind praktische Berufserfahrungen allemal wichtiger als wissenschaftliche Zusatzqualifikationen oder eine Promotion. Zwar ist innovatives Know-how willkommen, doch nur, wenn es sich produktiv einsetzen läßt.
Personelle Fehlinvestitionen können sich KMU mit ihrer knapp kalkulierten Personaldecke nicht leisten. Entsprechend risikoscheu verhalten sie sich bei der Besetzung vakanter Stellen. Berufs- und branchenerfahrene Direkteinsteiger werden klar bevorzugt. Technische Führungskräfte sollten das betriebswirtschaftliche Handwerkszeug sicher beherrschen, Kaufleute kommen nicht ohne solide technische Produktkenntnisse aus. Gesucht sind vor allem Führungskräfte für die Bereiche Marketing/Vertrieb und Finanzen/Controlling. Typisches Merkmal mittelständischer Karrieren ist, daß sie sich aus Verantwortlichkeiten und weniger über Funktionen definieren. Wichtig auch, sie kommen ob der flachen Hierarchien schnell an ihr Ende. Denn oft ist der Geschäftsführerposten schon die nächste Stufe, und die ist nicht selten von einem der Gesellschafter blockiert.
Die Einschätzung Jutta Rumps fällt dennoch positiv aus. Die Tätigkeit in einem KMU erhält die Beschäftigungsfähigkeit wesentlich besser, als es eine durch hohe Arbeitsteiligkeit geprägte Karriere in einem Großkonzern je könnte, ist sie überzeugt. Uschi Backes-Gellner, an der Universität Zürich Professorin für Personalökonomie, darüber hinaus Vorstandsmitglied im Bonner Institut für Mittelstandsforschung, pflichtet ihr bei. Ihre pragmatische Begründung: Viele Großunternehmen versuchen heute, die flexiblen Strukturen des Mittelstandes nachzuvollziehen. Führungskräfte mit Mittelstandspraxis können dabei sehr hilfreich sein. Für den umgekehrten Fall besteht bis auf Ausnahmen kaum Nachfrage.
So ist denn die Möglichkeit, in einem KMU seine Fähigkeiten schnell unter Beweis stellen zu können, zugleich auch unbedingte Notwendigkeit. Immerhin sitzt der Chef Wand an Wand. Etwaige Fehlentscheidungen vermag der ohne großen Aufwand sofort einzelnen Mitarbeitern zuzuordnen. In einem Großbetrieb sind Karrieren planbarer, vergleicht Paolo Dell'Antonio, in einem mittelständischen Unternehmen sind es Einzelfallentscheidungen von Angesicht zu Angesicht. Mit allen Vorzügen, aber auch allen Nachteilen. Am erfolgreichsten schlagen sich robuste Macher mit unternehmerischem Gespür. Bei den Großen muß man im geeigneten Moment die richtigen Koalitionen schmieden und entsprechend klug taktieren, sagt der Jägermeistermann, bei uns muß man etwas auf die Beine stellen können.
Suche von KMU über: www.hoppenstedt-mittelstaendischeunternehmen.de
Text: F.A.Z., 19.03.2005, Nr. 66 / Seite 54