Karrieresprung

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Von Birgit Obermeier

Karrieresprung - Serie bei FAZ.NET

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05. November 2004 Ein Pilot weiß, wie er eine Maschine steuert, ein Arzt, wie er chirurgische Eingriffe vornimmt. Bei wiederkehrenden Aufgaben rufen sie eingeschliffene Handlungsmuster ab, ohne groß darüber nachzudenken. Ihrer Routine sei Dank.

Schwierig wird es, wenn eine Situation aus der Routine kippt. Beispielsweise bei einer plötzlich auftretenden Komplikation während der Operation. Der Streß fährt hoch und zieht die Gedanken wie Magnete in drei Richtungen: Zweifel keimen auf, den hohen Anforderungen gerecht werden zu können - und zwar punktgenau, denn einen zweiten Versuch gibt es nicht. Hinzu kommen die eigenen Ansprüche sowie die - realen und vermeintlichen - Erwartungen von Kollegen und Patienten. Vor dem inneren Auge ziehen Bilder von den fatalen Konsequenzen einer mißlungenen Operation auf.

Blackout, wenn's drauf ankommt

Bei vielen Menschen setzt an dieser Stelle eine negative Gedankenspirale ein, die im schlimmsten Fall einen Blackout provoziert. „Stark verdichtet erlebt man diese Situationen vor allem im Hochleistungssport“, sagt Hans Eberspächer, Professor für Sportpsychologie an der Universität Heidelberg und psychologischer Berater zahlreicher Profisportler. Obwohl topfit, versagen manche regelmäßig im Wettkampf. Man spricht von „Trainingsweltmeistern“.

Schuld ist der Kopf, genauer: Das Wissen um eine schwierige Aufgabe. Diese als solche zu bewerten, sei unabdingbar - vorher oder nachher. Während der Ausführung aber verschleiert das Denken an die Konsequenzen den Blick, so Eberspächer in seinem neuen Buch „Gut sein, wenn's drauf ankommt“. Um im entscheidenden Moment cool zu bleiben, gebe es zwei Möglichkeiten: „Entweder man ist kreuzdumm und weiß nichts, oder man weiß alles und kann damit umgehen.“

Mentale Landkarten schaffen Orientierung

„Alles“ meint zum einen eine gewisse fachliche Expertise. Gleichzeitig aber auch einen routinierten Umgang mit den eigenen Bewertungen. Als deren Maßstab gelten unsere Vorstellungen. Grundsätzlich gilt: Je klarer die Vorstellungen von heiklen Situationen - sei es, weil man sie bereits erlebt oder aber antizipiert hat - desto konstruktiver unsere Handlungsmöglichkeiten. Eberspächer spricht von „mentalen Landkarten“, auf die man im Ernstfall schnell zugreift, um sich zu orientieren. Nichts anderes täten Fachleute, deren Handeln nach außen hin oftmals wie Intuition wirke.

Diese Landkarten müsse man sich in ruhigen Zeiten erarbeiten - durch mentales Training, so der Sportpsychologe. Und stellt gleich klar: Nicht alles ist mental, wie es Motivationsgurus mit Slogans wie „Du schaffst es“ glauben machen wollen. Und: Mentales Training ist keine Therapie, sondern - wie der Name sagt - eine systematische planvolle Arbeit, die sich nicht delegieren läßt. Im Kern geht es darum, bestimmte Situationen mental - gewissermaßen per geistigem „Probehandeln“ - durchzuspielen um dabei systematisch die eigene Verfassung wie auch die einzelnen Handlungsschritte zu optimieren. Voraussetzung ist, Körper, Umgebung und Kopf miteinander in Einklang zu bringen.

Klare, realistische Trainingsziele

Am Beginn des mentalen Trainings steht - wie auch im Sport - eine klare, überprüfbare Zielsetzung. Nicht nach den Sternen sollte man dabei greifen, warnt der Psychologe. Besser: „Gemäßigt neue“ Ziele formulieren, die am eigenen Kenntnisstand anknüpfen und für deren Erreichen man auch bereit ist, die nötigen Schritte zu tun. Um etwa einen Marathon zu laufen, gilt es, mehrmals wöchentlich zu trainieren - was manchen Möchtegernsportler letztlich ganz vom Laufen abhält. Andersrum: Wer nach rhetorischer Brillanz strebt, sollte sich zunächst etwa vornehmen, bei Vorträgen eine entspanntere Körperhaltung einzunehmen.

Der Weg zum mentalen Training führt über das gezielte Beobachten: Wo hat ein guter Redner seine Hände? Wie steht er zum Publikum? Das eigentliche Training beginnt mit einer klaren Instruktion, sei es durch einen Rhetorik-Trainer oder ein Lehrbuch. Das Trainingsziel lautet etwa: Dem Publikum zugewandt locker stehen, alle anschauen, ruhig atmen, Körpersprache einsetzen. Die Anweisungen müssen erfaßt und verinnerlicht werden - am besten, indem man sie im Dialog mit sich selbst durchspricht und visualisiert, empfiehlt Eberspächer. Anschließend gilt es, die individuellen Schlüsselstellen im Handlungsverlauf herauszuarbeiten, um dessen Struktur zu erfassen.

Wesentliches Kennzeichen des mentalen Trainings ist, Komplexes - seien es Bewegungsabläufe im Sport oder berufliche Tätigkeiten - herunterzubrechen und sich in kleinen Schritten systematisch zu perfektionieren. Das setzt ein tiefes Verständnis von der Sache voraus, ebenso eine hohe Konzentrationsfähigkeit und Motivation. Die wiederum kann dauerhaft nur aufbringen, wer einen Sinn in seinem Tun erkennt. Aber das ist ein Thema für sich.

Buchtip: Hans Eberspächer: Gut sein, wenn's drauf ankommt. Hanser Verlag 2004, 19,90 Euro, ISBN 3-446-22650-8



Text: @rwi

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